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Horror-Mitbewohner: Der Nackte mit dem Gewehr

Jeder hat schon einmal mit einem Menschen gewohnt, mit dem er sich absolut nicht verstanden hat. In dieser Serie stellen wir sie vor.
Aus der jetzt-Redaktion
  • cover mitbewohner from hell tauben schiessen
    Illustration: Daniela Rudolf

Wohnsituation:

Fünfer-WG-Haus mit Wohnküche und zwei Bädern

 

Geschlecht und Alter des Horror-Mitbewohners:

männlich, 54 Jahre

 

Horror-Titel: „Der durchgeknallte Künstler mit dem Luftgewehr“

 

Horror-Stufe: 7 von 10

Dass Peter ein bisschen seltsam war, haben wir ziemlich schnell gemerkt. Bei der Wohnungsbesichtigung trug er komplett zerfranste, fleckige Latzhosen, seine blond gefärbten Haare hingen in fettigen Strähnen vom Kopf und irgendwie hatte sein Blick etwas Entrücktes. Peter sagte, er sei Künstler, war aber sowas wie der Hausverwalter, der seit etwa zwanzig Jahren umsonst in einem Zimmer im Erdgeschoss wohnte und für die Besitzer die Studenten beaufsichtigte. Beim Besichtigungstermin war es draußen schon dunkel, aber ich sah trotzdem, dass überall die Spinnweben von der Decke hingen. Dafür hatte das Haus einen Garten mit Zugang zum Fluss und lag – theoretisch – in einer der schönsten Straßen von Oxford. Mein Freund und ich suchten seit Wochen ein bezahlbares Zimmer, es war kurz vor Semesterbeginn und die anderen Studenten im Haus schienen nett. Irgendwie redete ich mir ein, wir könnten es dort doch ganz schön haben. Im Nachhinein würde ich sagen: Wir waren so verzweifelt, dass wir zusagten.

Ziemlich schnell nach dem Einzug fanden wir heraus, dass Peter in der Stadt bekannt war. „Oh Gott – du wohnst bei Peter?“, sagte ein Freund ziemlich entsetzt, als ich ihm meine neue Adresse gab. Peter hatte schon einige Studentengenerationen traumatisiert, die Nachbarn hatten wegen seiner „illegalen Aktivitäten“ mehrmals die Polizei gerufen. Ich redete mir eine Weile lang ein, Peter sei einfach nur schrullig.

 

Dass 24 Stunden am Tag das Radio aus seinem Zimmer plärrte, er den Biomüll einfach in die Spüle kippte, bei jedem Geräusch an unsere Zimmertür klopfte („Alles in Ordnung?“) und im ganzen Haus seine gruseligen Ölbilder von Kindern hingen – halb so wild. Dass vor unserem Haus sein abgefuckter Van mit verdunkelten Scheiben parkte und er vom Küchenfenster aus mit einem Luftgewehr Tauben aus den Bäumen schoss – naja. Richtig grenzwertig wurde es, als mein Freund und ich an einem sonnigen Tag im Garten frühstücken wollten und auf dem Tisch in der Sonne drei tote Tauben vor sich hingärten. Darauf angesprochen meinte Peter, er würde sie demnächst essen. Auch, dass er gerne nackt herumlief, half nicht. Unsere Mitbewohner waren fast nie zu Hause. Ihnen war Peter egal – am Ende waren wir die einzigen, die wirklich versuchten, mit ihm zu sprechen.

 

Der Gedanke, dass er ein Luftgewehr besaß, beruhigte mich nicht unbedingt

 

Das war quasi unmöglich. Wenn man Peter mit seinen Seltsamkeiten konfrontierte, leugnete er sie. Wir versuchten schließlich auch, ihm aus dem Weg zu gehen. Mit der Zeit fühlten wir uns so unwohl, dass wir unser Stockwerk quasi nicht mehr verließen. Wir kochten kaum noch und aßen auf dem Zimmer. An Peters Tür huschte ich vorbei. Der Gedanke, dass er ein Luftgewehr besaß, beruhigte mich nicht unbedingt. Zum Glück wurde nach drei Monaten ein Zimmer bei ein paar Freunden frei. Wir hatten Angst, dass er aggressiv werden würde, wenn wir kündigten und übten, wie wir es ihm am besten beibringen.

 

Aber ab da war Peter ausgerechnet nie zu Hause und ignorierte unsere Anrufe – währenddessen rückte unsere Kündigungsfrist immer näher. Am Ende schoben wir die schriftliche Kündigung unter seiner Tür durch. Erst in der Woche darauf begegneten wir ihm. Er wirkte ziemlich geknickt und tat mir fast leid. Dann kam heraus, dass er unsere Kaution behalten wollte. Nach einem Streitgespräch im Flur, ein paar Anrufen beim Mieterbund und der Hausverwaltung bekamen wir endlich unser Geld. Unsere neue Wohnung lag nur ein paar Straßen weiter. Ich habe Peter nie wieder gesehen, dafür aber seinen gruseligen Van, der vor den gepflegten Vorgärten parkte. Wenn ich später am alten Haus vorbeilief, hatte ich ein komisches Gefühl im Bauch: Erleichterung, aber auch ein Ziehen beim Gedanken an den, der jetzt statt uns bei Peter wohnte.

 

Damit Peter nicht doch noch kommt und unsere Autorin mit einem Luftgewehr abschießt, veröffentlichen wir diese Geschichte anonymisiert.

 

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