Horror-Mitbewohner: Der Backpacker-Abzocker

Jeder hat schon einmal mit einem Menschen gewohnt, mit dem er sich absolut nicht verstanden hat. In dieser Serie stellen wir sie vor.
Aus der jetzt-Redaktion
Illustration: Daniela Rudolf

Wohnsituation: Unbestimmt bis überbevölkert

Geschlecht und Alter des Horror-Mitbewohners: männlich, 23 Jahre

Horror-Titel: „Der Power-Seller“

Horror-Stufe: 7 von 10

Ich war als Backpackerin in Australien und wollte für ein oder zwei Monate in Melbourne bleiben und kellnern. Ich war jung, naiv, arrogant und wollte nicht in ein Hostel, sondern in eine richtig coole, echte WG, mit Leuten, die dauerhaft in Melbourne lebten. Ich wollte das uneingeschränkte „Ich bin gar nicht auf Reisen, ich wohne hier“-Gefühl. Auf die meisten meiner Anfragen an normale WGs bekam ich nicht einmal eine Antwort. Irgendeine 20-jährige deutsche Backpackerin, von der man nicht weiß, ob sie drei oder dreißig Wochen bleibt und wieviele Sorten Bed Bugs sie einschleppt? Niemals! Verständlich. Für mein heutiges Ich. Mein damaliges war beleidigt. 

Aber schließlich antwortete mir doch einer. Dave. Es sei alles überhaupt kein Problem, er habe ein super Zimmer für mich, die Mitbewohner seien der Hammer, die Partys lustig, die Stimmung freundschaftlich, da würde ich super reinpassen. Er holte mich mit seinem Auto von der Bahn ab, das nach Pommes, Pappe und Kippen stank. Vor lauter Limo-Dosen, Plastiktüten, Burgerkartons und leerer Kippenschachteln konnte man kaum drin sitzen. Gestern habe es in der WG eine große Party gegeben, deswegen sei überall noch Chaos, sowohl hier im Auto als auch zuhause, ich solle jetzt bloß nicht erschrecken und denken, dass das immer so sei. Ich dachte nur: Wow! Jetzt werde ich Melbournerin, mit echter eigener WG und einer Clique aus echten „Locals“.

Wir parkten vor einem Haus mit kleinem Vorgarten. Im Hinterhof pickten wildlaufende Hühner undefinierbare Essensreste auf. Die Küche: Verdreckt, überall benutzte Gläser, benutzte Teller, Töpfe mit undefinierbaren Inhalt, die Schränke: leer. Stand ja alles benutzt und dreckig draußen rum. In einer mit Lichterketten dekorierten Fernsehecke lag ein Mädchen namens Jane rum, zog an einem Joint, aschte in eine der vielen herumstehenden Flaschen und grinste träge. Kurz blendete ich den ganzen ekelhaften Dreck der Wohnung aus, freute mich an der hübschen Lichterkette und der coolen Chiller-Frau auf dem Sofa und redete mir ein, dass es alles, naja, fast genauso war, wie ich es mir gewünscht hatte. Es gab drei Zimmer in dem Haus, in einem wohnte ein Pärchen, in einem ein junger Typ, der auf dem Bau arbeitete, im dritten, wenn ich wollte, ab sofort ich. Dave wohnte im Hinterhof in einer düsteren Garage, was ich zwar merkwürdig, aber auch cool und unkonventionell fand. Jane schlief bei ihm. Sie war ursprünglich auch mit einem Work and Travel-Visum hergekommen, aus England.

 

„Wir räumen nachher alles auf“, beteuerte Dave noch ein paar Mal, „wir sind eigentlich echt super sauber hier. Und es ist wirklich eine coole WG. Alle sind gut drauf, du wirst es lieben.“

Langsam kam mir ein Verdacht

 

Drei Tage später hatte noch immer niemand abgewaschen oder aufgeräumt. Und eine neue Party gemacht oder auch nur nett bei einem Bier zusammengesessen wurde auch nicht. Es herrschte eine merkwürdig tote Atmosphäre im Haus. Langsam hatte ich den Verdacht, dass es am Abend vor meinem Einzug auch schon keine Party gegeben hatte, sondern der ganze Dreck sich über Wochen angesammelt hatte. Noch eine Woche verging, ohne dass jemand putzte. Es war selten jemand außer Gammel-Jane zuhause. Auch ich war den ganzen Tag auf Jobsuche, fand schließlich einen und kam oft nur zum Schlafen heim. 

 

Doch dann tauchten allmählich neue Gesichter auf. Alle paar Tage kam ein neuer Mitbewohner dazu. Dave vermietete anscheinend immer mehr "Zimmer", beziehungsweise: Schlafplätze. Auf dem Sofa wohnte plötzlich ein Schwede, der tagsüber jobbte und nur zum Schlafen heimkam. In zwei weiteren Räumen im Hinterhof, die ich bisher für morsche, fensterlose Fahrradschuppen gehalten hatte, lebten jeweils zwei Französinnen.

 

Alle dieser neuen Mitbewohner waren junge Zeitarbeiter oder Backpacker von „overseas“ wie ich. Insgesamt wohnten bald 14 Leute in dem Haus, viele teilten sich einen Raum. Schön war natürlich, dass die vielen Menschen das Haus etwas belebten. Endlich saß man mal bei einem Bier abends zusammen, wie ich es mir erhofft hatte. Einmal gab es sogar einen großen Hausputz und ich schöpfte Hoffnung. Nach einem Tag war aber wieder alles verdreckt. Mehr als eine Nudelsuppe mit heißem Wasser wollte sich in der Küche niemand zubereiten und ins Bad ging man auch nur auf Zehenspitzen und mit angehaltenem Atem. 

 

Dave bekam man immer seltener zu Gesicht. Ab und zu verließ er seine Garage und sammelte von allen die Miete in bar ein. Ich erfuhr, dass wir alle denselben Preis zahlten, ganz egal, ob man sich ein Zimmer teilte, eins für sich allein hatte oder auf dem Sofa schlief. Dass Dave jedem neuen potentiellen Mieter die Story mit der Party vom Vorabend erzählte, um zu vertuschen, dass es hier immer so dreckig war, wussten mittlerweile alle und man lachte drüber. Ich musste es mir eingestehen: Das hier war niemals eine echte WG gewesen, egal, wie oft ich versucht hatte, es mir einzureden. Es war eine Art illegales Backpacker-Hostel, ein völlig verwahrlostes noch dazu. Daves ganz persönliche Mieteinnahmen-Legebatterie. 

 

Plötzlich stand ein zweites Bett in meinem Zimmer

 

Einmal trank er mit uns im Hinterhof ein Bier und erzählte von der Geschäftsidee, mit der er Millionär werden wollte: Die Abschaffung des Kassenbons. Man bezahlt alle Einkäufe mit einer Karte und die Kassenbons werden auf dieser Karte digital für dich archiviert. Er habe auch schon einen Investor. Bald werde er reich und dann würde er unser Haus renovieren lassen.

 

Eines Nachts kam ich von der Arbeit nach Hause und es stand plötzlich noch ein zweites Bett in meinem Zimmer. Darin schlafend: Kitty aus Neuseeland. Ich beschwerte mich bei Dave, wieso ich trotzdem noch die volle Miete zahlen musste. Er lachte und ging weg. Als ich mich erneut beschwerte, erzählte er, dass er gerade ein zweites Haus am anderen Ende der Stadt gemietet hatte, um eine WG darin einzurichten, eine richtige Villa mit Pool und Sauna. Er zeigte mir Fotos davon und versprach mir dort ein eigenes Zimmer. Ich müsse nur noch etwas Geduld haben. Drei Wochen vergingen, nichts passierte. Dave sah man immer seltener, mittlerweile war er ausgezogen und hatte auch die Garage vermietet. An zwei Spanierinnen. Jane war verschwunden. 

 

Schließlich packte ich meine Sachen und verschwand. Sicher hat Dave noch am selben Tag einen oder gleich mehrere Nachmieter für mich gefunden. Was aus seiner Milliardenidee mit den Kassenbons geworden ist, habe ich nie erfahren. Vermutlich hätte ich davon gehört. Aber Geld brauchte er vielleicht auch gar keins mehr. Er hatte ja schon ein erfolgreiches Immobilien-Business am Laufen.

 

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