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Der Single-Papst

Warum strömen zehntausende junger Menschen zur "Generation Beziehungsunfähig"-Lesetour von Michael Nast?
Von Friedemann Karig
  • michael nast foto ingo wagner dpa reihe beziehungsunfaehig
    Foto: dpa/ Collage: Daniela Rudolf

 

"Beziehungsunfähig" seien wir, sagen viele, chronisch unverbindlich und deshalb unglücklich. Aber gibt es das überhaupt: beziehungsunfähig? Und falls ja, wer ist das wirklich? In einer Serie suchen wir nach Antworten.

 

 

Der Mensch ist ein Mängelwesen. Niemand weiß das in diesem Moment besser als Michael Nast, 42, Bestsellerautor auf Lesereise. Nervös nestelt er  am Mikrofon herum. Das dumme Ding will nicht halten. Rutscht immer wieder runter. Nast gibt den Trottel: "Ich kann’s einfach nicht." Das Publikum lacht. Dann endlich hilft ein Techniker. Und der Autor beginnt zu lesen: "Neulich saß ich mit zwei Freunden in der Goldfisch-Bar in Berlin-Friedrichshain“.

 

So beginnen die meisten Texte von Michael Nast: Berlin. Eine Bar. Zwei Männer.

 

Heute aber sitzt Nast vor 500 Menschen in München, 450 davon junge Frauen, und liest aus seinem Buch "Generation Beziehungsunfähig". Ein Titel, und ein Label, das man unserer Generation gerade anheftet. Oder das nur Einzelne sich gerade anheften. Aus Leidensdruck. Oder um damit zu kokettieren? Das Buch jedenfalls steht seit vergangener Woche auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste. Hier kennen es aber, das lässt Nast per Handzeichen erheben, nur sieben von 500 Menschen. Trotzdem – oder gerade deswegen – ist es so voll. Seine Tour führt Nast wie ein Triumphzug durch mehr als 40 Städte. Alleine in München verkauft er vier Mal aus. Karten gibt es erst wieder für November. Orhan Pamuk, der Literaturnobelpreisträger, liest am Vorabend vor 70 Menschen.

 

Man fragt sich: Was ist das hier für eine Single-Séance? Halten die sich an den Händen und wünschen sich und einander die große Liebe an den Hals? Oder kommen die zum Aufreißen?    

Claudi und Kathi sind 32, einmal "freiwillig" und einmal "unfreiwillig" Single. Sie sind hier, ohne zu wissen, was genau passiert. "Das Thema ist interessant, da ist ja schon was dran." Wer dieser Typ ist, wissen sie nicht wirklich. Sie haben auf Facebook davon erfahren. "Ist das nicht Kabarett?", fragt eine.

 

So ähnlich.

Michael Nast  – schwarzes Sakko über schwarzem Longsleeve – ist 42 Jahre alt, aber "gefühlte 29". Er war „Werber", bis er diese Texte schrieb. Jetzt ist er Schriftsteller und "steht schon jetzt für ein Lebensgefühl". Sagt seine Homepage. Weil er "Millionen Leser" begeistert. Dafür sind die 500 hier ganz schön wenig. Im Ernst: Der Nast zieht so viele junge Menschen zu Lesungen wie sonst nur Stuckrad-Barre. Ihre Fanbasis ähnelt sich. Es sitzt hier der VW Golf unter den Publikums: Deutsch. Weiß. Wach. Gesund, munter, gute Zähne. So um die magische 30, Ende Studium oder frisch im Job. Look: Bisschen H&M, bisschen Zara, bisschen Schmuck. Natürlich geschminkt.

 

"Irgendwann habe ich gemerkt: So wie ich und mein Umfeld sind ziemlich viele.“

 

"Irgendwann habe ich gemerkt: So wie ich und mein Umfeld sind ziemlich viele“, sagt Nast. Und zwar nicht nur die Thirtysomethings. "Du beschreibst mein Leben," mailte eine Sechszehnjährige ihm.

 

Das funktioniert auch gelesen. Die Pointen ziehen, der erste Text mündet in Applaus. Nast ist selbstironisch und routiniert, startet den Abend wie ein gewiefter Entertainer mit einer kleinen lokalen Episode.

„Was ist denn heute da los, wo sie hin wollen?" habe der Taxifahrer ihn gefragt.

„Ich“, habe er geantwortet.

Gelächter.

 

Beziehungsunfähigkeits-Autor müsste man sein. Michael Nast braucht jetzt nicht mehr durch die Bars der Stadt zu ziehen. Die Frauen kommen zu ihm. Er liest ihnen einfach vor. Ob er auf dieser Tour wohl die Eine kennenlernt? Die Atmosphäre wäre die richtige. Überall blitzen Augen neugierig, quatscht man sich über Stuhlreihen hinweg an. Feindkontakt! Die wenigen Männer im Publikum denken wahrscheinlich: Wenn schon nicht Beziehungsunfähigkeits-Autor, dann wenigstens Beziehungsunfähigkeits-Autorenlesungs-Besucher. Also doch: Eine als Lesung getarnte Single-Party? Der Dichter als Kuppler?

 

Könnte gehen. Immerhin schaffen Nasts Texte sofort Stimmung: "Neulich saß ich mit einem Freund in einem Restaurant in Berlin-Schöneberg". Clever ist das: Erst einmal einen literarischen Sundowner kredenzen. Und die Sehnsucht junger Deutscher nach Berlin bespielen. Denn: Wenn Paris die Stadt der Liebe ist, ist Berlin die Stadt der Fickbeziehung.

Verhandelt wird die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. 

 

Doch nach seinem ersten Schluck Gin Tonic wird Nasts Profil-Prosa schnell unsexy: Fitnessstudios, die man nie besucht. Hotlines, die einem nicht helfen. Die verflixten Formulare, die man immer verlegt. Verhandelt wird die Lücke zwischen Astra- und Astral-Körper, zwischen Wecker und Snoozen und Aufstehen, zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Und die Erleichterung, dass auch andere die Anforderungen eines neoliberal optimierten Menschenbildes verfehlen.

 

Nasts Fans hören zu, lachen artig, erkennen sich kollektiv wieder. Dieses Banalitäten-Bingo klingt wie Mario Barth für Akademiker. Bei manchen Geständnissen hört man hunderte Köpfe wissend nicken, "ach“ seufzen, sogar ein gerauntes "genau!" kommt auf. Man ist nicht allein mit den Mängeln an Leben, Körper, Seele.

 

All das Scheitern am gemeinen Alltag in einem reichen westlichen Land, all die kleinen Stolpersteine an der Spitze der Bedürfnispyramide, das Ausgeliefertsein an undurchschaubare Abläufe zwischen Kundendienst und Papierkram, die Entfremdung des Individuums von der Welt und sich selbst, für das auch Nast kein besseres Wort hat als die irreführende Deutschleistungskursangeberei „kafkaesk“. All diese Fucking First World Problems – die spießt Nast mit einem Cocktailschirmchen auf, das immer auch Cupidos Liebespfeil sein könnte.

 

Denn der eigentliche Mangel besteht am Herz. Die geglückte Beziehung, der passende Partner wird als Lösung aller Alltagsprobleme beschworen. Wen kümmern noch Fitnessstudio, Bars in Friedrichshain oder sogar das Internet, wenn er nur endlich verliebt wäre, noch besser: vergeben. Also: weg vom Markt.

Menschen mit Produkten zu vergleichen, das ist nicht neu. 

 

Aber Achtung! Hinter diesem – durchaus hübsch beobachteten – Gruselkabinett sehr deutscher Dämlichkeiten lauert knallharte Kapitalismuskritik. "Das System erzieht uns zur Unzufriedenheit“, raunt es bei Marx, äh, Nast. "Glückliche Menschen braucht der Kapitalismus nicht. Unsere Leere wird durch Konsum gefüllt." Michael Nast als Gregor Gysi der Mingles und Millenials? "Online-Dating ist wie Online-Shopping", alle seien beziehungsunfähig, weil die Auswahl so groß sei, glaubt er. Die Stimme sinkt bedeutsam in die Kellerräume seiner Analyse: "Produkte kann man anprobieren und umtauschen," heute ginge das auch mit Menschen, daher käme die neue Unverbindlichkeit. "Wir wenden Regeln des Konsums auf das Zwischenmenschliche an". Damit ist ihm nach einiger Überlegung das "Dilemma klar geworden.“

 

Aber hier wird nichts klar. Menschen mit Produkten zu vergleichen, das geht nicht tief, das ist nicht neu.  Solche Lebensberatung schriebe Dr. Sommer, wäre er Kommunist. Egal: Der Saal nickt hörbar. Das klingt gut. Das macht, nein, das ergibt Sinn. Beklagte die israelische Soziologin Eva Illouz nicht schon vor zwanzig Jahren die "Ökonomisierung der Liebe"? Nast erzählt Identisches, nur vom Sehnsuchtsort Berlin aus, der noch jede leere Phrase mit Bedeutung aufzuladen vermag. So klingt "Der kleine Prinz" für untenrum: "Sich auf jemanden einzulassen, tiefer zu gehen – das ist wahre Freiheit."

 

Diese Instagram-tauglichen Sinnsprüche – "Empathie gibt es nicht im App-Store" – reiht Nast an jedes Ende seiner Texte, druckt sie auf Turnbeutel und Taschen, die man draußen kaufen kann. Doch Nast mag jenes Netz nicht, das ihn groß gemacht hat. Youtube und Facbeook seien Mitschuld an dem Inszenierungswahn, und damit an der Beziehungsunfähigkeit. Und Tinder, das sei sowieso der Teufel.

Dass Nasts Buchcover so aussieht wie die Tinder-Oberfläche: noch cleverer. Nasts Management vertritt auch Fußballer und Hypnotiseure. Man weiß, was man tut.

 

"Beziehungsunfähig seid ihr alle nicht."

 

Aber da sei ja schon etwas dran wäre, finden Claudi und Kathi. Zumindest "an dieser Unverbindlichkeit überall". Sie beide sind "eindeutig nicht beziehungsunfähig". Sie hatten schon mehrere gute Beziehungen. Aber so langsam machen sie sich Gedanken. An die 20 Hochzeiten hat eine von ihnen erlebt. Sie wären mal an der Reihe. Aber nicht mit irgendeinem. Dann lieber alleine.

 

Das ist das eigentlich Spannende hier: Keiner hier ist wirklich arm dran. Niemandem geht es schlecht. Konsumschelte und Selbstkritik kommen vom warmen Ikea-Sofa aus. Jemand, mit dem man sein Leben teilen kann? Ja, der fehlt. Aber ansonsten ist alles rosig. Das weiß auch Michael Nast.

 

"Beziehungsunfähig seid ihr alle nicht," schreibt er in seinem Text "Diagnose Beziehungsunfähig", der seinen eigenen Slogan zerlegt. Auch den hat hier fast niemand gelesen. Im klinischen Sinne "beziehungsgestört", so Nast, seien Fälle für die Psychiatrie. Depressive, Borderliner und sowas. Deswegen sei "der Anspruch des Buches nicht: Ihr seid so, ruht euch aus." Das Missverständnis der Beziehungsunfähigkeit soll aufgeklärt werden. "Man sollte die Ursache bekämpfen. Sie liegt in uns, mit ihr beginnt die Veränderung." Frauen hört die Signale, auf zum nächsten Getränk.

Aber: Nast hat einen Nerv getroffen. Und zwar unseren Reflex zur ironischen Überhöhung unserer Probleme. Natürlich wissen Claudi, Kathi und all die anderen eingebildeten Kranken, dass sie nicht beziehungsunfähig sind. Aber sich trotzdem diese Diagnose anzuziehen wie eine "Porno-Brille", das wirkt. So tun, als ob – das ist eine selbstzerstörende Prophezeiung. Wer sich selbst "beziehungsunfähig" nennt, kann kein hoffnungsloser Fall sein. So wie nicht ganz geschmacklos sein kann, wer geschmacklose Brillen trägt.

 

"Das eigene Ego ist zu groß," sagt Nast gegen Ende seiner Lesung. "Dabei geht es in Beziehungen doch um eine gemeinsame Entwicklung. Der Partner als mein Spiegel." Und wieder raunen dutzende ungeküsster Lippen: "Ja, genau."

 

Man merkt: Nast hat keine Lösung. Aber die suchen seine Fans auch nicht. Claudi und Kathi wurden gut unterhalten. Das reicht. Das hier ist keine Therapie. Eher Wellness, maximal Schmerzmittel. Man fühlt sich für einen Abend gut. Oder wenigstens weniger schlecht. Dann geht dieses Leben weiter.

 

Nach 80 Minuten droht die Aufmerksamkeit zu sinken, eine schläft ein. Länger geht auch kein Kinofilm, also liest Nast seine letzte Geschichte. Erzählt doch noch die Anekdote, wie er einmal mit einem weiblichen Fan geschlafen hätte. Es war, wie Sex bei ihm oft scheint: belanglos. Irgendwie unvermeidlich. Wie eine Erkältung im Winter. Wie der Applaus zum Schluss.

 

Am Ende gehen alle hinaus in die kalte Nacht. Alleine. Noch. Kathi schreibt eine Woche später. Man könne sich ja mal treffen. Das Gespräch fortsetzen. Wäre doch nett.

 

 

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