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Warum nicht alle Probleme meine Probleme sein müssen

Nein, ich bin kein schlechter Mensch, wenn mich die Weltlage nicht betroffen macht.
Von Miriam Pontius
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    cydonna / photocase.de

Der Sohn eines beliebigen Medienstars hat Krebs. Dabei ist er noch nicht mal drei Jahre alt. Und so niedlich! Sofort beginnt der Austausch von Betroffenheiten: "Wie schlimm das nur für die Eltern sein muss", "Wenn man an ihrer Stelle wäre, schrecklich!" und ein abschließendes "Das mag man gar nicht weiterdenken. Ich brauche jetzt erst mal ein Gummibärchen, um das zu verdauen."

 

Wer auch immer das Thema beim Meeting auf den Tisch gebracht hat – er hat erfolgreich die Stimmung ruiniert. Und die beschriebene Geschichte ist da kein Einzelfall. Wo ich hinschaue: Hysterie und Sorge um alles, was in der Zeitung steht. Es scheint zum guten Ton zu gehören, dass man bewegt ist von den persönlichen und politischen Schicksalsschlägen unserer Zeit.

 

Klar, die Fakten kenne ich auch. Ich habe eine Nachrichten-App auf dem Handy und ich schaue die Tagesthemen. Man kann mir nicht nachsagen, ich würde die Außenwelt ignorieren und müsste mal dringend über den Tellerrand der elitären Mittelschicht gucken. Trotzdem kann ich bei all den Meldungen nicht immer mitfühlen. Ja, es gibt Übel in dieser Welt und Kummer und Krankheit und Leid. Ja, das ist schlimm. Und nein, verdammt, ich werde mir da keine Gedanken drüber machen. Oder drüber reden. Oder auch nur das klitzekleinste bisschen mitfühlen.

 

Im Freundeskreis, wo geistige oder körperliche Abwesenheit während solcher Diskussionen nicht sanktioniert wird, kann ich mal eben kurz auf der Toilette verschwinden und auf dem Smartphone meine angenehm undramatischen Werbemails löschen. In weniger entspannter Runde stehe ich unbeteiligt am Rande und warte darauf, dass der Sturm sich legt.

 

Warum regen wir uns nicht lieber über etwas auf, das wir ändern können?

 

Komisch eigentlich, denke ich mir. Warum regen wir uns nicht lieber über etwas auf, das wir ändern können? Über den spiegelglatten Gehweg vor dem Haus zum Beispiel, auf dem schon mehrere Nachbarn ausgerutscht sind. Da könnte man ja selbst ein bisschen streuen. Zack ­­­– Problem gelöst.

 

Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich mir lieber die Geschichte meiner besten Freundin anhöre, die an den frisch abrasierten Barthaaren ihres Mitbewohners in ihrer Zahnbürste verzweifelt, als mir über die Lage in Syrien den Kopf zu zerbrechen?

 

"Empörung oder Zorn beim Lesen eines Zeitungsartikel entsteht, wenn unser Gerechtigkeitsgefühl gestört wird", sagt Julia Ernst. Sie ist Dozentin für Ethik und Philosophie der Lebensgestaltung an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Ihr fallen gleich mehrere Philosophen ein, die etwas zum Thema Mitleid zu sagen haben. David Hume, der große Vertreter der schottischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts, glaubte fest an die Macht der Gefühle. Der Mensch könne gar nicht anders, als mit anderen mitzufühlen. Auf diesem Mitgefühl basiere unsere moralische Urteilsfähigkeit. 

 

Mist. Heißt das jetzt, dass ich keinen Sinn für Gerechtigkeit habe? Dass ich ein unmoralischer Mensch bin, wenn mir beim Zeitunglesen keine Tränen in die Augen schießen? Dabei will ich gerne ein guter Mensch sein. Auch im philosophischen Sinne.

 

Immerhin sind die Stoiker auf meiner Seite. Ihre Ideen kann man etwa so zusammenfassen: "Lerne zu unterscheiden, was du ändern kannst und was nicht. Ändere die Dinge in deinem Einflussbereich. Und dann sorge dich nicht mehr um den Rest." Mitleid ist in den Augen eines Stoikers Quatsch. "Seine Gefühle im Griff zu haben, ist das A und O. In diesem Sinne sind sowohl das Leid des Opfers als auch das darauffolgende Mitleid vermeidbar und sollten auch vermieden werden", erklärt Julia Ernst.

 

Beruhigend zu wissen, dass ein paar kluge Köpfe zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen sind wie ich. Leider hat die Lehre der Stoiker einen ganz gewaltigen Haken: Sie sehen den Lauf der Welt als festgelegt und vorbestimmt. Neben ihren sonst so vernunftbasierten Einstellungen erscheint mir diese Herangehensweise dann doch etwas bequem. Um nicht zu sagen: faul. Dann kann man sich ja gleich hinsetzen und regungslos warten, bis das Leben vorbei ist.

 

"Gefühle sind nur dann nützlich, wenn sie Handlungen auslösen"

 

Also was jetzt? Nichts fühlen oder nichts tun? Oder beides?

"Nichts fühlen ist nicht gut. Wir brauchen nämlich immer eine Motivation, um zu handeln", sagt Julia Ernst. "Glaubt man Hume, so kann dieser Anstoß einzig und allein von Emotionen erzeugt werden. Wer nicht mitfühlt, wird nichts tun, um eine ungerechte Situation zu verändern." Gerade jetzt, wo einiges an unserem Gerechtigkeitsgefühl kratzt, ist Mitgefühl gut. Denn Mitgefühl führt zu Empörung und Empörung gibt den Impuls, die Dinge in die Hand zu nehmen.

 

Allerdings: "Mitgefühl zu instrumentalisieren um damit anzugeben, dass man ein besonders empathischer Mensch ist, macht auch aus philosophischer Sicht keinen Sinn. Mitgefühl ist kein Selbstzweck. Zur Emotion an sich sollte auch immer der Wunsch gehören, zu handeln", erläutert Julia Ernst.

 

Und woher kommt jetzt dieses zur Schau gestellte Mitgefühl? Julia Ernst hält es nach kurzem Nachdenken für einen Ausdruck von Hilflosigkeit. "Wir haben die erste Etappe geschafft, wenn wir mitfühlen. Nun müsste eigentlich der zweite Schritt kommen, wir müssten etwas gegen diese Ungerechtigkeit unternehmen. Und dann fühlen wir uns doch ohnmächtig. Vielleicht wollen wir deshalb unsere Emotionen besonders stark nach außen tragen."

 

Außerdem erzeugte das Sich-gemeinsam-echauffieren ein Gemeinschaftsgefühl, das in unserer Einzelgängerwelt nur noch selten erlebt wird. Gemeinsames Leid schweißt zusammen. Man denke an die Schulkameraden, mit denen man seinen Abschluss gemacht hat: Irgendwie verbindet einen selbst Jahre später mehr als nur der Name der Schule auf dem Abizeugnis.

 

In allen Fällen gilt: Gemeinsam erreichen wir Dinge, die uns alleine nicht einmal in den Sinn kommen würden. Das "Wir" kann verändern, was für das "Ich" alternativlos erscheint. Das ist ja eigentlich ein ganz schöner Gedanke. Und wenn das nur mit überschwänglichem Gefühlsausdruck möglich ist, dann sei es eben so.

 

Ich darf mich nicht beschweren. Von kollektivem Ärger habe ich selbst schon profitiert. In meinem ersten Semester hatte ich so ziemlich alles satt. Bis jemand den Mund aufmachte und sich ordentlich über die Dinge beschwerte, die ich still mit mir herumtrug. Da hatte ich auf einmal sehr viele neue Freunde gewonnen. Und fand Studieren doch nicht mehr so doof.

 

Letzten Endes hat mich Julia Ernst beruhigt: "Sie denken doch darüber nach, ob Sie ein schlechter Mensch sind, weil Sie nicht mitfühlen, oder? Das ist einfach ein Zeichen dafür, dass Sie über die rein affektive Mitleidsebene schon hinaus sind. Jetzt können Sie rational darüber nachdenken, was man dagegen tun kann."

 

Na gut. Wenn ich in der Schule schon keine Klasse überspringen durfte, dann überspringe ich heute eben Emotionen im Medienverarbeitungsprozess. Bei so viel Talent sollte ich da eigentlich was draus machen.

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