Wie viel Konsum ist gut für mich?

Bei Kleidung, Technik – und bei Sex. Ein Gespräch mit einem Philosophieprofessor.
Interview von Friedemann Karig
Collage: Katharina Bitzl; Fotos: dpa

Gernot Böhme ist emeritierter Professor für Philosophie. In seinem Buch „Ästhetischer Kapitalismus“  (Suhrkamp) scheibt er über Konsum, Einkaufspassagen und die Inszenierung unseres Lebens.

jetzt: Wie viel und welcher Konsum ist gut für mich?

Gernot Böhme: Schlecht ist Konsum, der sich selbst fortsetzt. Viele vermeintlich wichtige Bedürfnisse sind heute nicht mehr zu stillen. Sondern wachsen nur, wenn man ihnen nachgibt.   

Man wird nicht mehr satt?

Genau. Aus einem „Bedürfnis“, das man befriedigen kann, wird ein „Begehrnis", wie ich es nenne. 

Was kennzeichnet denn legitime Bedürfnisse?

Elementare Bedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlafen, Ruhe oder Sicherheit sind natürlich. Und endlich. Wenn ich durstig bin, trinke ich Wasser. Nach einem Glas oder zwei ist Schluss.

Und Begehrnisse?

Das sind oft transformierte Bedürfnisse. Selbst Durst kann ein Begehrnis werden, indem etwas im Getränk ist, was den Durst steigert. In Bayern sagt man ja: „Durch Bier wird der Durst erst schön“. Da ist also etwas Anregendes drin, was den Durst steigert, statt ihn zu stillen. Ohne dieses Begehrnis würde der Bierkonsum auf dem Oktoberfest nicht zustande kommen.

Und was ist an diesem Durst schlimm?

Dass er eben nicht gestillt werden kann. Wenn man sich auf so etwas einlässt, verliert man sich in einer Konsumspirale. Man braucht immer mehr. Man kommt nicht zur Ruhe. Was ja der eigentliche Sinn des Konsums ist.

Was ist mit Sex – darum geht es beim Oktoberfest ja auch?

Sex wird von der Philosophin Margret Nussbaum auch als „Basic Need“ gesehen, als Grundbedürfnis. Aber auch hier lauert die Gefahr, dass Sexualität sich zu einem Begehrnis ausweitet. Wenn man nach der sexuellen Erfüllung noch mehr will, man das schöne Erlebnis sofort wiederholen will, muss man sich eine entscheidende Frage stellen: Wozu die Wiederholung? Erreiche ich noch Befriedigung?

Kleidung, Auto, Wohnung: die Inszenierung meines Lebens

Wie kann ich mich gegen die Transformation von Bedürfnissen in Begehrnisse wehren?

Wenn man sich dem Kapitalismus heute aussetzt, kommt man oft automatisch ins Gleiten. Das beginnt bei Waren, von denen man immer die neueste Kollektion haben muss, sowohl was Kleidung als auch Technik angeht. Nicht, weil es mir etwas bringt, sondern weil die anderen das auch haben. Es herrscht eine Konsumkonkurrenz zwischen Peer Groups und innerhalb von Peer Groups. 

Es geht also um Abgrenzung?

Ja, denn mein Konsum bestimmt mit, was und wer ich gesellschaftlich bin. Die sogenannte „Selbstverwirklichung“ unterstellt ja, dass man durch bestimmte Handlungen, Aktionen, aber auch Konsum überhaupt erst das herstellen kann, was man wirklich ist. Wie kleide ich mich, was habe ich für eine Wohnung, was für ein Auto? Das alles gehört zur Inszenierung meines Selbst. Und das ist auch ein Fass ohne Boden. Ich kann immer noch "feinere Unterschiede", um mit Bourdieu zu sprechen, zwischen mir und den anderen herstellen. 

Aber da machen doch alle mit?

Natürlich. Das funktioniert ja auch nur, wenn es auch andere gibt, die sich das leisten oder nicht leisten können. Die die neuen Nike-Schuhe anziehen – oder eben bewusst nicht. 

Das Begehrnis des "Gesehenwerdens"

 

Ist es nicht wichtig, schöne Dinge zu besitzen? Weil Schönheit auch ein menschliches Grundbedürfnis ist?

Die Orientierung am Schönen findet man schon im Tierreich: Vom Rad schlagenden Pfau bis zu unserer Ehrfurcht vor beeindruckender Natur. Heute leben wir aber historisch gesehen in einer Konsumgesellschaft, in der dieses elementare Grundbedürfnis nach Schönheit ökonomisch ausgenutzt wird.

 

Welche unendlichen Begehrnisse gibt es noch?

Ein starkes Begehrnis unserer Zeit ist „gesehen zu werden“. Walter Benjamin sprach schon 1937 vom „Menschenrecht, gefilmt zu werden“. Heute hat jedermann das Gefühl, er müsse auch mal ins TV. Aber da ist nicht genug Platz. Also gibt es immer mehr Sendungen, die diesem Begehrnis entgegenkommen. Oder inzwischen eben Youtube.

 

Wo jeder so viel senden kann, wie er will. 

Auch diese Spirale ist nach oben offen. Weil immer mehr Leute erreicht werden können, bis hin zur ganzen Menschheit. Man kann sich immer noch vielfältiger zeigen, bekleidet oder nackt, im Alltag oder festlich. Eine endlose Steigerung ist möglich. Deshalb hat das Begehrnis des "Gesehenwerdens“ auch eine große ökonomische Bedeutung.

 

Gibt es das Internet überhaupt nur, weil wir endlos gesehen werden wollen?

Das Internet ist ein „Dispositiv“, also eine Infrastruktur ohne vorher bestimmten Nutzen. Weil es uns die Möglichkeit auf weltweite Verteilung von Inhalten gibt, entwickeln wir die Gier nach Aufmerksamkeit. Und es befriedigt ein zweites Begehrnis: Das  „dazu zu gehören“. Daher kommt auch das extensive Onlinesein: Ich zeige mich, die anderen wissen von mir, ich möchte von den anderen wissen. Statt einer Gemeinde von 500 Menschen in meinem direktem Umfeld, habe ich ein theoretisch globales Soziotop, zu dem ich gehören kann.

 

Die Konsumspirale führt zu psychischem Stress

 

Ist das nicht ein immenser Druck, der sich da auf den Einzelnen aufbaut?

Ja. In der Logik der Konsumspirale wird selbst Urlaub zum Stress, wenn jeder mit den tollsten Erlebnissen heimkommen muss. Ich plädiere deshalb für einen Konsum, der den inneren Haushalt, die wahren Bedürfnisse kennt. Der nicht immer mit dem Mainstream mitgeht. 

 

Wie erkenne ich denn konkret, ob ich etwas wirklich brauche?

Indem ich mich mit anderen verständige, gemeinsam reflektiere. Als einzelner Verweigerer eines Mainstreams wird man nicht weit kommen. Aber es gibt Geistesverwandte, es gibt ja große Strömungen gegen einen unbegrenzten Konsum. Dabei müssen wir lernen, nicht jedem Impuls zum Konsum nachzugeben. Sondern einen inneren Haushalt zu zu entwickeln.

 

Ansonsten?

Ohne Achtsamkeit, Bewusstheit oder sogar eine gewisse Disziplin führt die Konsumspirale zu psychischem Stress. In unserer Leistungsgesellschaft gerät man schnell in ein wenig lebenswertes Leben des „immer mehr“.

 

Wie wird sich das weiter entwickeln? Das propagierte Wachstum geht ja immer weiter. 

Man muss hier schon die Systemfrage stellen. Ich als Altachtundsechziger habe zwar schon resigniert, was Veränderungen des Systems als Ganzes angeht. Denn der Kapitalismus braucht, um gut zu funktionieren, einfach diese Dynamik, die man Wachstum nennt. Unsere Wirtschaft muss wachsen. Stagnation ist negativ. Deshalb setzt heute nahezu jede Wirtschaftspolitik auf Wachstum. Man muss  die „Binnennachfrage erhöhen“. Wenn man nur Bedürfnisse befriedigen würde, wären die Märkte ganz schnell gesättigt.

 

Der ultimative Konflikt des Wachstums ist doch, dass wir dadurch endliche Ressourcen ausbeuten.

An dieser Stelle bekommt unser Konsum eine ethisch-politische Verantwortung. Der Konsum im Überfluss verbraucht Ressourcen im Übermaß. Es kommt auf jeden einzelnen an, daran etwas zu ändern.

 

Das heißt es seit Jahrzehnten. Was stimmt Sie da noch optimistisch?

Ich bin skeptisch bezüglich der globalen Entwicklung. Aber im Regionalen und mit einzelnen Leuten kann man einen anderen Weg gehen. Wir können mit unseren Freunden und in unserer Gemeinde anders leben. Das tun auch viele. Und das ist wichtig. Es gibt, was den Konsum angeht, ein richtiges Leben im Falschen.

 

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