Nachrichten konsumieren, ohne den Verstand zu verlieren?

Unsere Autorin sucht nach einer Antwort in der Ära "Trump".
Von Christina Waechter
Foto: maximka11 / photocase.de

Wecker klingelt, Augen auf, Handy an, Twitter-App öffnen, schnell schauen, was Trump in der vergangenen Nacht wieder in die Welt gesendet hat. Seit nicht mal zwei Wochen ist Donald Trump im Amt und die Liste der Dekrete, die er raushaut, passt auf keinen Bildschirm mehr. Dazu kommen seine Einlassungen via Facebook und Twitter, die Analysen derselben in diversen amerikanischen und deutschen Medien, lesenswerte Posts von Freunden und Prominenten, Aufrufe zum Aktivismus.

Ich bin erschöpft wie schon seit langem nicht mehr. Und vielen meiner Freunde geht es so ähnlich: Wir alle lesen gefühlt gerade zu viel, um es verarbeiten zu können und befinden uns in einem dauerhaften Zustand der Erregung. 

Gleichzeitig stelle ich fest: Zum ersten Mal in meinem (bisher offensichtlich sehr komfortablen) Leben kann ich Zeitungen nicht mehr durchlesen, muss ich Artikel in Zeitschriften überblättern, weil ich Angst habe, sonst gar nicht mehr schlafen zu können. Und wer nicht schläft, hat keine Kraft. Und wer keine Kraft hat, kann sich nicht wehren. Also muss man schlafen. Aber wie kann man schlafen, wenn man weiß, was sich da drüben jenseits des Atlantik gerade zusammenbraut? Und wie kann man wirklich auf dem Laufenden bleiben? Wie Fake-News, „Alternative Facts“, echte Nachrichten auseinanderhalten? Wie soll ich das schaffen, ohne meinen Job, mein Leben zu vernachlässigen und bitte auch gerne: ohne dabei verrückt zu werden? Geht das überhaupt?

Eine, die sich diese Frage auch gestellt hat, ist die Schweizer Designerin Tina Roth Eisenberg, die seit Jahren in New York lebt und mit swiss-miss.com einen sehr erfolgreichen Blog betreibt, der (eigentlich) auf Design fokussiert ist. Als Donald Trump zum Präsidenten gewählt worden war, stellte sie via Twitter ihren knapp 450.000 Followern die Frage: Wie kann ich weiter auf dem Laufenden bleiben, ohne verrückt zu werden?

Von den vielen Ratschlägen, die sie bekam, war für Eisenberg der wichtigste: Nicht jede 140-Zeilen-Einlassung des Präsidenten in Echtzeit konsumieren und darüber in Sorge geraten. Keine Fernsehauftritte vom Präsidenten verfolgen. Möglichst wenige Informationen via Twitter konsumieren. Lieber am nächsten Tag eine gefilterte und tiefergehende Analyse in einem der Qualitätsmedien nachlesen, inklusive einer Einordnung.

Ziemlich genau dasselbe sagt mir auch Leonard Reinecke, Professor für Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Den habe ich angerufen, weil ich das Gefühl habe, dass ich meinen Nachrichtenkonsum mittlerweile nicht mehr im Griff habe. Dass ich nicht aufhören kann zu lesen, hält er für ziemlich nachvollziehbar: „Gerade in Zeiten politischer Unruhe und Umbrüchen ist es ein normales Bedürfnis, sich gut zu informieren, keine zentralen Entwicklungen verpassen zu wollen, weil man sich so involviert fühlt.“

Dass wir uns nahezu reflexhaft über Themen informieren wollen, von denen wir emotional berührt sind, war schon immer so. Verändert haben sich in den letzten Jahren vielmehr die Möglichkeiten, uns zu informieren. Wir haben durch unser Smartphone mittlerweile eine stände News-Quelle direkt verfügbar und dadurch die Möglichkeit, uns überall und zu jeder Zeit zu informieren. Verbunden mit den Push-Mechanismen, die in vielen Apps vorinstalliert sind, kann so ein kleines Handy einen ziemlich großen Druck aufbauen. Sich diesen Mechanismus zu vergegenwärtigen hält Reinecke für einen ersten, wichtigen Schritt auf dem Weg zur Besserung.

Ein zweiter wäre es, sich klarzumachen, dass eine Orientierung im Nachrichtenstrom wichtig ist. Und das sei durch die sozialen Medien heute schwerer denn je. „Natürlich haben wir heute die Chance, durch Facebook-Likes von Freunden auf Dinge aufmerksam zu werden, die wir sonst ignoriert hätten. Das kann durchaus unsere Perspektive erweitern. Andererseits haben wir in der Regel einen relativ homogenen Freundeskreis, so dass wir in unserer sozialen Blase bleiben und den Kontakt zu anders gearteten Perspektiven auf die Welt verlieren. Dazu kommt auch noch, dass es extrem schwer zu verstehen ist, wie die Algorithmen funktionieren und nach welchen Kriterien ich Nachrichten angezeigt bekomme.“

Strategie 1: Verlass dich nicht auf soziale Medien als alleinige Nachrichtenquelle. Orientiere dich an etablierten Medien

Nicht umsonst bestreitet Mark Zuckerberg vehement, dass Facebook ein klassisches Medienhaus sei. Facebook, Twitter und Instagram funktionieren nicht wie klassische Nachrichtenportale. Prominent platziert wird, was populär ist, und nicht, was von Nachrichtenredakteuren als wichtig ausgewählt wurde.

Nachrichten auf den klassischen Portalen werden dagegen von Profis nach Relevanz ausgewählt und platziert, nach journalistischen Qualitätskriterien aufbereitetet und haben dementsprechend in der Regel einen höheren Qualitäts- und Wahrheitsgehalt. Damit fällt für mich die Aufgabe weg, mich mit dem feinen Kamm durch Millionen von Meldungen zu gehen und selbst jede Meldung nach Relevanz und Wahrheitsgehalt zu überprüfen, was nicht nur extrem mühsam, sondern auch wenig erfolgversprechend ist.

Soziale Medien soll ich dagegen einfach als Zusatz-Tool zu den etablierten Nachrichten sehen und dementsprechend meinen Nachrichtenkonsum priorisieren. „Im Netz kann man sich gut ein Gefühl dafür abholen, wie andere Menschen auf Nachrichten reagieren. Und man kann es als Erweiterung des eigenen Blickwinkels erleben.“

Also gut: morgens also ganz altmodisch Zeitung lesen, anschließend ein kurzer Abgleich meiner Information mit dem Netz, das kriege ich hin. Aber bin ich dadurch ausreichend informiert? Das Gefühl habe ich gerade so gar nicht, im Gegenteil. Die Zahl der für mich relevanten Nachrichtenquellen vervielfacht sich gerade gefühlt stündlich, weil mir ständig neue, interessante Texte in die Timeline gespült werden. An den meisten Tagen surfe ich mindestens einmal die Seiten der New York Times, New Yorker, Washington Post, The Atlantic, SZ, Spiegel, taz, Teen Vogue, Vanity Fair, Mother Jones, Jezebel und dutzende anderer Seiten an. Und schaffe dabei natürlich niemals, mir einen kompletten Überblick zu verschaffen.

Strategie 2: Vergiss den Anspruch, ständig einen Überblick über die Nachrichtenlage haben zu wollen

Muss ich auch gar nicht, sagt Leonard Reinecke recht nüchtern, denn mein Anspruch sei ganz einfach falsch. „Die Informations- und Meinungsvielfalt ist so groß, dass der Anspruch, alles verarbeiten und sich einen Überblick verschaffen zu wollen, an der Realität vorbei geht. Und das ist auch nicht notwendig.“ Den Druck, mich komplett informieren zu wollen, baue ich mir ganz alleine auf, unterstützt von den technischen Funktionen des Internets. Durch die sich ständig verändernden Timelines in den Sozialen Medien, Eilmeldungen und neuen Inhalten auf den Nachrichtenseiten, baut sich bei manchen Menschen ein Druck auf, der als unangenehm empfunden werden kann. „Gerade weil die sozialen Medien eine so starke News-Dynamik erzeugen, weil sich die Timeline ständig ändert, kann es eine Taktik sein, sich einfach von dieser Dynamik freizumachen.“  

Strategie 3: Erkenne die Dynamik und übe dich in Gelassenheit

Reinecke empfiehlt, sich bewusst über den Tag verteilt immer wieder auf den Seiten des Vertrauens zu informieren und ansonsten gelassen zu bleiben. Wie oft das passiert, bleibt dabei jedem selbst überlassen. „Jeder Mensch muss eine eigene Balance finden zwischen dem Anspruch, informiert sein zu wollen und den eigenen Möglichkeiten. Mediennutzung sollte bereichern und kein Gefühl der Unfreiheit vermitteln, weil man das Bedürfnis hat, ständig am Puls der Zeit zu sein.“

Okay. Gelassenheit. Das kann ich mir vornehmen, das müsste zu schaffen sein, denke ich.

Bis mir einfällt, dass spätestens seit Trumps Wahl ja auch noch verlangt wird, mich aus meiner linksliberalen Filterblase rauszubewegen und ich in die Blase der „Anderen“ reinschnuppern soll. Weil ich durch meine Filterbubble keine Ahnung mehr vom echten Leben habe und dementsprechend völlig überwältigt war vom Wahlausgang. Aber heißt das jetzt, dass ich zusätzlich zu meinem eh schon gigantischen Leseberg auch noch Breitbart und Politically Incorrect ansurfen muss, um zu wissen, was die andere Hälfte der Menschheit denkt? Und wie halte ich das aus, ohne mich von oben bis unten mit Gehässigkeit, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien zu besudeln?

Strategie 4: Raus aus der Blase heißt nicht rein in den Schlamm

Indem ich da gar nicht erst hingehe, sagt Leonard Reinecke. „Wenn ich den Anspruch habe, mich umfassend zu informieren, kann ich das durchaus innerhalb der Qualitätspresse tun.“ Die deutsche überregionale Presse deckt mit zum Beispiel der Welt, der FAZ, der taz und der SZ ein relativ großes politisches Spektrum ab. Das reicht schon, sich außerhalb seiner engen Filterblase zu informieren. Den Nutzen, sich in den einschlägigen Portalen zu informieren, die hart an der Grenze zu Fake News operieren, kann Reinecke dagegen nicht sehen. Stattdessen hat er einen sehr altmodischen und geradezu radikalen Vorschlag: rausgehen und mit den Menschen in einen echten politischen Diskurs treten.

Letzte Frage: Was ist von der Phantasie zu halten, die mich im Quartalsturnus überkommt, in der ich mich in den Wald zurückzuziehen und die Welt sich selbst überlassen will? Die Idee, mich einfach komplett aus dem Nachrichtenhamsterrad rauszuziehen, kommt mir immer dann, wenn ich glaube, es nicht mehr auszuhalten. Und es gibt durchaus Studien, die besagen, dass sogenannte Mediendiäten zu einer gewissen Erleichterung führen. Andere Studien besagen wiederum, dass Nachrichten, die sich mit ernsten politischen und gesellschaftlichen Themen beschäftigen, unser Wohlbefinden ein Stück weit einschränken können. Doch das ist ja auch vollkommen nachvollziehbar, weil in den Nachrichten so wenig Wellness-kompatible Themen wie Krieg, Elend und Hunger thematisiert werden. Doch die Augen davor zu verschließen, wäre nicht nur feige, sondern auch falsch, findet Leonard Reinecke: „Das wäre letztendlich eine Kapitulation vor der Realität der Welt. Wenn man ein Interesse daran hat, ein informierter und mündiger Bürger zu sein, dann kann ein Rückzug keine Alternative sein.“

Meine Aufgabe ist jetzt also, mir einen gesunden Weg zu suchen, irgendwo zwischen dem Anspruch, informiert zu sein und dem Bedürfnis, darüber nicht den Verstand zu verlieren. Dass das ein langer Prozess sein wird, dürfte schon jetzt klar sein.

Auch Tina Roth Eisenberg hat sich die vielen Ratschläge ihrer Freunde zu Gemüte geführt. Aber die Disziplin, sie zu befolgen, bringt sie nicht immer auf: „Ich habe festgestellt, dass die meisten meiner Freunde unglaublich selektiv in ihrer Mediennutzung geworden sind. Ich habe allerdings nicht die Selbstdisziplin, die sie haben und so schaue ich am Ende doch immer Trumps Tweets und all die verschiedenen Nachrichtenquellen an. Und natürlich führt das dazu, dass ich mich wahnsinnig aufrege.“ Aber auch wenn es ihr persönlich vermutlich nicht immer gut tut, kann sie der Wut durchaus etwas Positives abgewinnen: „Ich persönlich glaube, dass wir auf dem Laufenden bleiben müssen mit den Entwicklungen. Ich fühle eine Verantwortung dafür, dass ich alle Gefühle der Empörung geradezu fühlen muss. Denn wenn ich mich nicht empöre, werde ich nicht aufstehen und mich wehren. Ich will um jeden Preis vermeiden, abzustumpfen. Ich will, dass das hier niemals anfängt, sich normal anzufühlen.“

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