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Jugend ohne Sex

Wie ich fast ein keuscher Katholik geworden wäre: Zu Besuch bei einem Seminar für unverheiratete junge Menschen
bernhard-huebner

Sie haben ihr einen eigenen Altar gebaut. Jesus blickt segnend von einer Papptafel, rechts steht eine Madonna. Vorne liegt auf Tüchern eine Bibel, kleine Kerzen flackern, an der Wand hängt ein Kreuz. Und davor sitzt Gabriele Kuby und schimpft über Schwule. „Homosexualität ist gegen die Natur“, eifert sie, „sie zerstört das christliche Fundament“. Sie wettert: „Die ganze Gesellschaft wird homosexualisiert.“ Mit jedem Satz wird sie wütender. Ihre Stimme zittert. Dann ruft sie: „Das ist eine Krankheit, die geheilt werden muss!“ In diesem Moment erkenne ich, dass aus mir kein guter Christ mehr wird. Ich bin einfach zu tolerant.

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Illustration: dirk-schmidt Um Sexualität sollte es gehen und wie man damit lebt, so stand es in der Seminarbeschreibung. Ein Wochenende lang sollten wir lernen, als gute junge Katholiken mit dem Thema Sex umzugehen. Dass dazu auch militanter Schwulenhass gehören könnte, hatte ich nicht bedacht. Mit 12 Jahren hatte ich aufgehört zu beten, mit 16 ging ich nicht mehr in die Kirche. Ich hatte kein schlechtes Gewissen. So machte es ja jeder in diesem Alter. Dann wurde ein Deutscher Papst. Und plötzlich schien es sie wieder zu geben: die gläubigen jungen Menschen. Sie jubelten euphorisch auf dem Petersplatz und feierten den Weltjugendtag. Immer mittendrin war die Organisation Jugend 2000. Sie ist so etwas wie der Kern der neuen jungen Kirche. Auf ihrer Homepage sah ich einen Hinweis auf ein Seminar für junge unverheiratete Menschen. Es sollte um Sexualität gehen. Sex war seit Jahren das größte Reizthema zwischen Kirche und Jugend. Ich meldete mich an. Der Dämon Harry Potter Das Seminar findet in einem Kloster in Süddeutschland statt. Es ist hell dort, viele Wände sind aus Glas. Der Ort erinnert eher an ein Konferenzhotel. In der Mitte des Seminarraums, hinter ihrem kleinen Altar, hat die Referentin Platz genommen. Sie hat einen Topfschnitt, trägt einen Rock und eine strenge dunkelblaue Trachtenjacke. Das ist sie also: Gabriele Kuby, Jahrgang 1944 – die Frau mit der Mission. Ihr Vater Erich Kuby war ein bekannter linker Schriftsteller. Sie selbst war 1967 politische Referentin beim AStA der FU Berlin. Einige ihrer Mitstreiter debattierten über Orgasmusprobleme und gründeten Kommunen. Andere wurden Terroristen, als im Juni ein Polizist den Studenten Benno Ohnesorg erschoss. Gabriele Kuby selbst verließ in diesem Sommer die Stadt. Sie suchte Erfüllung in der Esoterik. Nach Jahren fand sie zum Christentum. Immer wieder erzählt sie davon. Sie sagt: „Ich sah in einen Sonnenuntergang und wusste, dass es Gott gibt.“ Seit 1997 ist sie katholisch. Heute schreibt sie Bücher über ihren Weg zu Maria und die dämonische Wirkung von Harry Potter. „Es ist gut, dass Sie in Sachen Harry Potter aufklären“, hat ihr Papst Benedikt persönlich in einem Brief bestätigt. Aber nun will sie nicht mehr aufklären, jetzt will sie abrechnen, mit ihrer Vergangenheit und ihrer Generation. Je länger man ihr zuhört, um so klarer wird: Sie möchte die sexuelle Befreiung der 1968er rückgängig machen. Und dafür braucht sie uns. Wir, das sind an diesem Wochenende elf Jugendliche. Der jüngste ist 14, die älteste 27. Wir sitzen in einen Halbkreis um Frau Kuby. Einige sagen, dass sie es unangenehm finden, wie sehr sich andere in ihrem Alter schon mit Partys beschäftigen und mit Knutschen. Wohler fühlen sie sich auf Jugend 2000-Festivals. Dorthin gehen sie alle regelmäßig. Einer hat schon eine Freundin, aber es ist noch nichts zwischen ihnen passiert. Ein anderer wurde von seiner Mutter hierher geschickt. Ein Mädchen, sie gehört zu den älteren unter den Teilnehmern, erzählt, dass sie sich in einen Jungen verliebt hat, der nur mit ihr schlafen wollte. Sie wünscht sich Trost. Sie bekommt, wie wir alle, eine Predigt. „Beim Sexualakt wird dem Kind die ewige Seele eingesetzt“, erklärt Gabriele Kuby. „Gott und Mensch wirken zusammen. Deswegen ist die Sexualität etwas ganz Großes.“ Aber Kuby würde nicht hier sitzen, wenn diese Großartigkeit nicht irgendwie in Gefahr wäre. „Es ist das größte Problem der Welt“, sagt Kuby: „Die demographische Wende“. Die nächste halbe Stunde pflügt sie mit Vollgas durch die aktuellen Debatten, redet von einer schrumpfenden Weltbevölkerung, dem Pillenknick, der Vergreisung, dem Aussterben der Deutschen und dem Ende des Generationenvertrags. Und woran das alles liegt: Verhütung, Abtreibung und Homosexualität. Und dass man etwas dagegen machen müsse. Aber dazu kommen wir erst morgen. Es ist Zeit für das Abendgebet. Eine Schwester packt ihre Gitarre aus. Wir singen Lieder aus dem Jugend 2000-Gesangbuch. Sie klingen wie eine Mischung aus „Kumbaya“ und „Bridge Over Troubled Water“. Um 22 Uhr ist Bettruhe. Der nächste Tag beginnt mit einem gemeinsamen Morgengebet. Ab neun Uhr früh redet Gabriele Kuby über falsche Gedanken. Die seien an der schlechten Entwicklung der Gesellschaft schuld. Und Schuld an den Gedanken seien die Medien. „Die Medien machen uns süchtig“, sagt sie. „Ihre Bilder vergiften uns.“ Manchmal stellt Gabriele Kuby auch Fragen. „Was wünscht sich ein Kind?“ - „Sollen die Eltern zusammen bleiben, oder nicht?“ - „Sollen sich die Eltern treu sein, oder nicht?“ Je länger das Seminar dauert, desto weniger von uns rufen Antworten zurück. Es gibt einfach so wenig Auswahlmöglichkeiten. Wir sollen die Augen schließen. Kuby liest die Worte vor, die Braut und Bräutigam bei der kirchlichen Hochzeit zueinander sagen. Wir sollen erzählen, was wir fühlen. „Ich fühle Sicherheit und Geborgenheit“, sagt das unglücklich verliebte Mädchen. Damit wir bis zur Hochzeit keusch bleiben können, gibt Kuby Tipps. Wenn du deine Freundin küsst, dann nur ohne Zunge. Ihr solltet auch nicht den Abend zu zweit zu Hause verbringen. Oder ohne Begleitung tanzen gehen. Denn bei all diesen Gelegenheiten könnte zu viel zu früh passieren. Ein Pfarrer kommt in den Raum. Er malt ein Dreieck auf einen Flipchart. Dann deutet er darauf und sagt mit fränkischem Akzent: „Die Dreifaltigkeit Gottes spiegelt sich in der Liebe wieder. Zur Liebe gehören drei.“ Ehemann, Ehefrau und Kind also. Der verstorbene Papst Johannes Paul II. hat sich dieses Konzept ausgedacht. Nachzulesen im Buch „Die Theologie des Leibes für Anfänger“. Es hat 174 Seiten. „Was spricht dagegen, dass zwei Menschen schon vor der Hochzeit Sex haben?“, fragt Gabriele Kuby. Keiner antwortet. Es ist still. Frau Kuby muss nachlegen. „Wenn ich mit Überzeugung keusch lebe, werde ich vom Außenseiter zur Führungsperson“, prophezeit sie. „Vielleicht seid ihr ja die Vorhut und andere kommen nach.“ Wir, die Avantgarde? Das klingt reizvoll. Ich habe mich schon vorher ertappt, wie ich die niedlichen Gitarren-Lieder mittlerweile auch gar nicht mehr so übel fand. Vielleicht ist das ja dieses Stockholm-Syndrom. Für einen Augenblick habe ich jedenfalls Angst, dass sie mich doch noch irgendwie kriegen im Laufe des Wochenendes. Aber dann kommt diese Gastrednerin. Mir reicht es. Ich gehe beichten Wir sollen die Augen schließen. Sie geht herum und drückt jedem von uns etwas in die Hand. Ich spüre etwas längliches. Es sind Knubbel daran. Als ich die Augen aufmache, sehe ich einen kleinen, putzigen Plastikembryo. „So sieht ein Embryo aus, der legal abgetrieben werden darf“, erklärt die Referentin. Auch sie ist auf einer Mission. Sie arbeitet für die Anti-Pillen und Anti-Kondom-Lobby. Sie erzählt, wie wir verhüten können und trotzdem katholisch bleiben. Sie redet von Zykluskalendern und Abstrichen im Gebärmutterhals. Um die Details zu verstehen, brauche man ein zweitägiges Seminar, sagt sie. Leider funktioniere die Methode erst frühestens sieben Jahre nach Beginn der Pubertät. Was ja kein Problem sei, weil wir ja keusch bleiben werden bis zur Ehe. Die Teilnehmer hören gespannt zu. Einer hat vorher erzählt, dass er sich geweigert hat, den Sexualkundeunterricht an der Schule zu besuchen. „Die Statistiken über Verhütungsmittel in den Biologiebüchern sind falsch“, meint die Referentin. „Die Pille verursacht Infektionen und Schlaganfälle.“ Und Kondome seien nicht so wirkungsvoll wie Treue und Verzicht. Dann sagt sie diesen unfassbaren Satz: „Kondome schützen nicht vor Aids.“ Mir reicht es. Ich gehe beichten - zum ersten Mal seit über zehn Jahren. Der Pfarrer von vorhin begrüßt mich in seinem schmalen Beichtzimmer. In der Ecke steht ein düsterer hölzerner Beichtstuhl mit einer Bank zum Knien. Ich nehme lieber einen Stuhl. Ich sage: „Ich habe da ein Problem.“ Ich erzähle, dass ich – egal was in diesem Seminar erzählt wird – Kondome für eine gute Sache halte und auch die Pille. Genauso wie zwei Schwule oder zwei Lesben, die sich lieben. Im Grunde glaube ich also an völlig normale Dinge. Der Pfarrer erklärt, das mit der Verhütung und der Homosexualität stünde aber fest verankert im Katechismus. Und wenn ich Homosexualität dann immer noch nicht schlimm finde? Dann, meint der Pfarrer, sollte ich vielleicht wirklich aus der Kirche austreten. Wenig später sitze ich in einem Kleinbus irgendwo auf der Landstraße. Es ist vorbei. Die Schwester fährt einige von uns zum Bahnhof. Sie betet den Reisesegen. Ein Ave Maria, ein Vater Unser, ein Gebet an den Heiligen Antonius. Es dauert fast zehn Minuten. Amen. Ich ziehe einen Fragebogen aus der Tasche. Gabriele Kuby hat ihn uns zum Abschluss in die Hand gedrückt. Wir können darauf eintragen, welche Eigenschaften unsere Traumfrau haben soll. Ich beginne ihn auszufüllen. Es gibt auch ein Feld mit der Aufschrift „Religionszugehörigkeit“. Ich überlege nur kurz. „Egal“, schreibe ich dann. „Hauptsache nicht zu katholisch.“

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