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Roman wurde im Internat der Domspatzen vergewaltigt

Hier erzählt er, was das bis heute mit ihm macht.
Interview von Josef Wirnshofer
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    Illustration: Katharina Bitzl

Mindestens 500 Opfer körperlicher Gewalt, mindestens 67 Opfer sexueller Gewalt: Das ist die bedrückende Bilanz der Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen. Von 1945 bis in die Neunzigerjahre wurden Kinder dort immer wieder geschlagen, missbraucht und auch vergewaltigt. Der Rechtsanwalt Ulrich Weber hat die Fälle aufgearbeitet und im vergangenen Jahr in einem über 400-seitigen Abschlussbericht präsentiert.

Als besonders traumatisch beschreiben die Betroffenen die Vorschule der Domspatzen, die in dem kleinen Ort Etterzhausen und später in Pielenhofen stand. Sie nannten das Internat etwa ein „Gefängnis“, die „Hölle“ oder ein „Konzentrationslager“.

Roman* war von 1991 bis 1992 bei den Domspatzen. Er wohnte damals in dem Internat in Pielenhofen – und wurde während seiner Zeit dort vergewaltigt. Heute ist Roman 34 Jahre alt und selbst Vater. Wir haben mit ihm über seine Zeit bei den Domspatzen gesprochen. Darüber, was sie bis heute mit ihm macht und was es heißt, nicht aufzugeben.

jetzt: Roman, welche Atmosphäre herrschte in Pielenhofen?

Roman: Unter den Schülern im Internat gab es ein unglaubliches Konkurrenzdenken. Wir waren zu viert im Zimmer. Jede Woche hatte einer von uns die Aufgabe, das Fenster aufzumachen, während die anderen vorgegangen sind und sich zum Waschen fertig gemacht haben. Wenn ich dran war, habe ich mir nach dem Aufwachen immer Pläne zurechtgelegt, um nicht der Letzte zu sein: aus dem Bett springen, schnell aufmachen, Kinderdenken halt. Der erste Gedanke war immer: bloß nicht Letzter sein.

Warum nicht?

Es war immer ungünstig, irgendwo hinten dran zu hängen. Allein schon, weil man aufgefallen ist. Und wer auffiel, ist ins Visier geraten. Du solltest stattdessen Teil der Gruppe bleiben, oder noch besser: als Erster angezogen sein, als Erster gewaschen sein, das Optimum erfüllen. Man kann es mit einer Rinderherde vergleichen, die vor einem Löwen flieht. Wenn du da der Letzte bist: schlecht. Andererseits durften wir aber auch nicht rennen, das war absolut verboten. Wer rannte, hat sich eine gefangen.

Wieso?

Keine Ahnung, das war einfach so. Ich weiß auch noch, dass man auf der Treppe in Zweierreihen laufen musste und die Kinder nie das Treppengeländer anfassen durften. Nie. Wenn du es doch getan hast, gab es einen Riesenärger.

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    Illustration: Katharina Bitzl

Riesenärger hat bedeutet?

Dass der Zug angehalten und der Lehrer oder der Präfekt sich das Kind vorgenommen hat. Dann gab es mindestens eine Ohrfeige. Und bei Ohrfeige muss man wissen: Das war kein einfacher Schlag ins Gesicht. Man hat da hinterher oft den Handabdruck auf der Wange gesehen – seitdem weiß ich, was der Begriff Handschrift bedeutet. Einmal hat sich ein Schüler seinen roten Pulli über die Schultern gelegt, der Zug musste anhalten und der Junge wurde gefragt: „Ziehst du den an oder nicht?“ Er hat geantwortet, dass er ihn sich nur überwerfen will, er hat sich also gewissermaßen gewehrt. Darauf hat der so eine Ohrfeige bekommen, dass er die gesamte Treppe runtergerollt ist. Wegen einem Scheiß-Pulli. Wenn ich heute jemanden sehe, der sich seinen Pulli überwirft, ist dieses Bild sofort da.

„Bei uns hieß es immer: Setz dich nie hin. Wenn du am Boden bist, hast du verloren“

Ist dir das auch mal passiert?

Auf der Treppe nicht. Aber es gab so eine Kiste mit Plastikautos, aus der man sich manchmal zur Belohnung eins nehmen durfte. Irgendwann stand ich allein im Klassenzimmer, hab die Kiste gesehen und mir fünf Autos genommen. Das ist natürlich aufgeflogen. Der Lehrer hat mich angebrüllt, ich hab ihm aber nicht richtig zugehört, sondern die Autos angeguckt. Also hat er zugeschlagen, von links nach rechts, von rechts nach links. Plötzlich war ich für einen Moment weg.

Und dann?

Als ich zu mir kam, ging das Gebelle weiter. Du musstest da einfach durch, bis es vorbei war. Wann das war, hast nicht du entschieden, sondern jemand anderes. Bei uns hieß es immer: Setz dich nie hin. Wenn du am Boden bist, hast du verloren. Das Wichtigste war, schnell wieder aufzustehen. Physisch, aber auch im übertragenen Sinn.

Roman greift nach seinem Handy und zeigt ein Klassenfoto, das während seiner Zeit in Pielenhofen aufgenommen wurde.

Ich bin da gar nicht drauf. Außer mir fehlen auch noch drei andere Schüler.

Warum?

Das konnte verschiedene Gründe haben. Wenn zum Beispiel jemand geheult oder einen blauen Fleck im Gesicht hatte, kam der nicht aufs Foto.

Weil man ihm angesehen hat, dass er geschlagen wurde?

Genau. Du durftest auch am Wochenende nicht nach Hause fahren, wenn du an einer fragwürdigen Stelle verletzt warst. Für solche Fälle hatte die Schule die verrücktesten Begründungen. Die Schulleitung hat einmal meine Eltern angerufen und wohl gesagt: An dem und dem Wochenende kommt ein super Lehrer, der ist aber nur für ein paar Tage da. Wenn Sie erlauben, dass wir Ihren Sohn hierbehalten, könnte er an dem Unterricht teilnehmen. Das kam bei mir zwei-, dreimal vor.

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    Illustration: Katharina Bitzl

Haben deine Eltern oder die deiner Mitschüler denn nichts gemerkt?

Die ehrliche Antwort darauf ist: Ich weiß es nicht. Manche Eltern haben wohl tatsächlich nichts gemerkt. Andere Eltern wollten vielleicht nichts merken. Meine Mutter zum Beispiel will bis heute nichts davon hören. Ich komme bei ihr nicht mal bis zu der Frage, ob sie was mitbekommen hat. Aus dem Bericht von dem Rechtsanwalt, der die Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen aufgeklärt hat, geht außerdem hervor, dass die Schule sehr einschüchternd auf Eltern reagiert hat, die nachgefragt haben. Dort werden Briefe genannt, in denen Eltern sich darüber beschweren, dass ihre Kinder geschlagen werden. Die Schule scheint dann so in der Art geantwortet zu haben: „Wissen Sie eigentlich, mit welcher Institution Sie hier reden?“

 

Mit welchem Gefühl geht man durch so ein Internat?

In dem Moment, wo du so aufwächst, ist das für dich komplett normal. Dass man jetzt sagt: „Mein Gott, diese Angst, die die Kinder haben mussten“ – das sieht man heute so. Rückblickend. Damals war das für uns völlig normal.

Wie lange hat es gedauert, bis dir klar wurde, dass es falsch war, wie ihr behandelt wurdet?

Jahre. Man hat darüber ja auch mit niemandem gesprochen. Ich jedenfalls nicht. Wenn jemand weinend ins Klassenzimmer kam, hat man nicht gefragt, was passiert ist. Man wusste, dass was passiert ist, das hat gereicht. Man ist im Prinzip Einzelgänger geworden.

 

Allein in der Gemeinschaft?

Absolut. Jeder war allein, nur waren wir halt zufällig am gleichen Ort. Wenn man jemanden gesehen hat, der verprügelt wurde, hat man ihm die Hand gegeben und gesagt: „Komm, steh auf, wir gehen spielen.“ Wir haben uns sofort wieder in den Alltag geschubst. Ich bin deswegen bis heute nahezu unfähig, zuzuhören, wenn sich Leute ausheulen; weil sie verlassen wurden, oder weil irgendwas nicht geklappt hat. Ich finde das schrecklich, ich bekomme da eine Art destruktive Energie, Wut, Hass.

 

Auch bei Freunden?

Ich hab eigentlich keine Freunde, bis heute nicht. Ich kann das nicht. Ich empfinde das als Zeitverschwendung. Ich traue Männern einfach nicht. Vielleicht hat das mit der Zeit in Pielenhofen zu tun. Wobei ich auch damals schon ein ziemlicher Außenseiter war.

 

Du wurdest in Südamerika geboren. Hat das eine Rolle gespielt?

Ich glaube schon. Gerade für die Sachen, die schwer zu verkraften waren. Mir wurde damals das Gefühl vermittelt, dass ich grundsätzlich schlechter als die anderen wäre. Dass es aber bestimmte Dinge gebe, die man machen kann, damit ich besser werde. Extra Gesangsunterricht zum Beispiel, so ging das los. Ich dachte: „Boah, super.“ Denn wenn dir jemand hilft, so gut wie die anderen zu werden, bist du dankbar. Und dann sagt dir die Person: „Ich mach hier was, das darf ich eigentlich nicht, aber ich will, dass du besser wirst. Wenn du das jemandem erzählst, bin ich weg und kann dir nicht mehr helfen“ – was machst du als Kind?

 

Du machst mit.

Klar. Und du sagst kein Wort. Du willst schließlich so gut sein wie die anderen. Bei mir hat dieser Mechanismus total funktioniert.

Sachen, die schwer zu verkraften waren: Welche waren das?

Es hat ganz normal mit einer Ohrfeige angefangen, mit Schlüsseln, die nach mir geworfen wurden. Erst später ging das mit dem Einzelunterricht los. Der wurde dann auch körperlich. In meinem Fall ging das von dem Prälat aus, der damals Direktor der Vorschule war. Für den war das körperliche Befriedigung.

 

Was macht das mit einem jungen Menschen?

Es tut weh. Es tut physisch weh. Wenn ein erwachsener Mann seinen erigierten Penis in das Loch eines Jungen steckt, musst du dir allein mal das Größenverhältnis klarmachen. Man versteht als Kind auch nicht, was in dem Moment passiert.

 

„Die Verantwortlichen haben mindestens die gleiche schwere Aufgabe wie wir: damit zu leben und zu sterben“

 

Wann hast du zum ersten Mal jemandem davon erzählt?

Jahre später. Ich erinnere mich, dass ich mal bei einem Familientreffen angefangen habe, davon zu sprechen. Die Antwort meiner Mutter war prompt: „Ach, er wieder mit seinen Lügengeschichten.“ Damit war das Gespräch vorbei.

 

Deine Mutter erkennt nicht an, was dir passiert ist?

Für sie sind das Lügen. Es würde auch nichts bringen, mit ihr darüber zu sprechen. Als ich eingeschult wurde, war sie von dem Direktor total begeistert. Ist sie vielleicht bis heute.

 

Du hast die Vorschule in Pielenhofen 1992 verlassen. Warum?

Ich wurde von der Schule geworfen, weil ich wohl irgendwas geklaut habe. Das sagt zumindest der Rechtsanwalt. Ich selbst weiß es nicht mehr. In der Zeit nach Pielenhofen wurde ich sehr aggressiv. Ich habe Mitschüler verprügelt, einem Jungen einfach so einen Ohrring ausgerissen. Auch zu Hause habe ich mich nicht mehr eingefunden. Keine gute Zeit.

 

Der Prälat ist in dem Jahr gestorben, in dem du die Schule verlassen hast. Gibt es etwas, das du ihm heute sagen wollen würdest?

Die Verantwortlichen haben mindestens die gleiche schwere Aufgabe wie wir: damit zu leben und zu sterben. Darauf verlasse ich mich doch ziemlich. Stell dir vor, du haust jemandem im Affekt eine runter: Wie scheiße fühlst du dich da? Das ist aber nur eine Ohrfeige. Was die damals gemacht haben, sind zig Dimensionen mehr. Ich will nicht die sein. Da will ich lieber ich sein.

 

Was hat Pielenhofen mit dir gemacht?

Das kann ich gar nicht so genau sagen. Ich weiß aber, dass ich in der Zeit gelernt habe, zu kämpfen. Aufzustehen, egal was es kostet. Wenn ich beim Prälat war... Ich habe vorhin ja schon gesagt, dass es allein vom Größenverhältnis her nicht passt, wenn der in dich eindringt. Du blutest da ziemlich. Wenn dann alles vorbei ist, musst du dich irgendwie sauber machen. Dann stehst du allein in einer Gemeinschaftsdusche, pendelst so vor dich hin, weißt gar nicht richtig, was passiert ist. Das Einzige, was erst mal hilft, ist warmes Wasser. Du hast weiche Knie, dir ist schlecht – alles Gründe, wegen derer man sich hinsetzen will. Dann guckst du runter und siehst, dass sich das Wasser rot färbt. In dem Moment ist dir klar: Setz dich nicht hin. Je länger du sitzt, desto weniger willst du aufstehen. Diese Widerstandsfähigkeit hab ich damals gelernt. 

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    Illustration: Katharina Bitzl

 

Du hast das Schulgebäude 2015 wieder besucht. Warum?

Pielenhofen war – egal was passiert ist – ein Teil meines Lebens. Es hat mich geformt und zu dem gemacht, der ich heute bin. Dieses Gebäude und diese Zeit sind genauso wichtig, wie sie schlimm sind. Es liegt an einem sehr schönen Ort, und eigentlich sollte dieses Gebäude glänzen. Das Haus sollte blühen, allein schon aus Dankbarkeit darüber, dass die Dinge jetzt offen liegen und geklärt sind. So würde ich es gerne sehen – so ist es im Moment aber überhaupt nicht.

 

Sondern?

Ein Teil der Anlage wird heute von einer Schule genutzt, als wäre nichts passiert. Der andere Teil ist stillgelegt, verlassen, die Gebäude rotten vor sich hin. Das finde ich schlimm. Denn ich kann dort zu jedem Meter was erzählen.

 

Was ging in dir vor, als du das gesehen hast?

Es hat wehgetan. Ich finde, das ist das Schlimmste, was passieren kann. Für uns war zum Beispiel der Kirchgarten immer tabu. Dabei ist der so schön, man könnte da so tolle Sachen draus machen, etwas für die Zukunft formen.

 

Was wäre denn ein angemessener Umgang?

Das Gebäude sanieren und funktionsfähig machen. Ein Hotel einrichten, eine Sommerakademie für Musik oder Kunst. Irgendwas, wo Menschen hinkommen, um etwas Produktives zu tun. Als Resonanz darauf, dass die Menschen, die früher dort hingekommen sind, etwas ertragen mussten. Ich fände es wahnsinnig schön, wenn das als Echo zurückkäme. Vielleicht versteht man das von außen nicht, aber ich bin da gerne, ich mag das Gebäude irgendwie.

 

Klingt für mich als Außenstehenden tatsächlich wie ein Widerspruch.

Kann ich verstehen. Vielleicht würde ich es gerne hinkriegen, den Ort zu schaffen, den ich mir damals gewünscht habe.

 

Hat das was von zurückerobern?

Eher von Frieden finden, Ruhe. Ich würde mich freuen, dort Kinder zu sehen, die glücklich sein dürfen. Die ans Geländer fassen dürfen. Ich fände es auch gut, dort mit der Kirche in Kontakt zu kommen. Gemeinsam darüber nachzudenken, wie man mit so einem Gebäude umgeht. Die Kirche an sich ist ja nicht schuld an dem, was dort passiert ist. Dieser Punkt ist mir wirklich wichtig: Die Täter waren Einzelne, aber nicht die Kirche als Ganzes. Alle moralischen Positionen der Kirche infrage zu stellen, weil einzelne Personen sich falsch verhalten haben, das geht nicht.

 

Du hast inzwischen einen kleinen Sohn. Was machen deine Erfahrungen von damals mit dir als Vater?

Wenn ich meinen Sohn in die Kita bringe, gebe ich ihn der Frau dort und sie nimmt ihn weg. Das erste Mal war mir das gar nicht recht, brauch ich nicht erklären. Letztens kam er mit einer vollgekackten Windel heim, die nicht gut gewickelt war. Da hab ich nichts gesagt. Wenn das aber noch mal passiert, werde ich das ansprechen. Durch meine Vergangenheit bin ich da sicherlich sensibler.

 

In welchen Situationen noch?

Beim Waschen zum Beispiel. Wenn ich seine Windel wechsle und ihn am Hintern berühre, frage ich mich: Was hat das denen damals gegeben? Oder wenn wir duschen, mein Penis auf seiner Augenhöhe ist und er damit spielen will: Bis wohin lässt man das zu, wo zieht man die Grenze? Letztens hab ich ihn unter der Dusche gewaschen, weil er sich in die Hose gemacht hatte. Im nächsten Moment hat sich das Wasser gefärbt. Das war der größte Schock, den ich bislang mit meinem Sohn hatte. Da haben sich zwei Welten gekreuzt: er und Pielenhofen. Dann hab ich ihm in die Augen geschaut, diese großen, naiven Augen, die noch völlig unbeschrieben sind – das hat mir einen Moment lang echt wehgetan. Weil ich dachte: So naiv und unbeschrieben war ich auch. 

 

„Ich denke mir nicht so Sachen wie: 'Dieser Teufel hat mir mein Leben genommen.' Das hat er nicht erreicht“

Machst du dir manchmal Gedanken, wie es sein wird, wenn dein Sohn in die Schule kommt?

Klar. Da habe ich ein bisschen Angst vor mir selbst. Ich werde noch eine gewisse Entwicklung mit ihm durchleben müssen, um ihn laufen lassen zu können. Wenn ich ihn in die Kita bringe, versuche ich zu trainieren, mich nicht zu sehr Gedanken hinzugeben wie: Was passiert da jetzt wohl? Wenn er später Freunde hat, werde ich ihm auch Dinge beibringen, die ich so nicht empfinde: Lad mal jemanden ein, bilde Freundschaften, geh mit jemandem ein Bier trinken.

 

Was du selbst nicht machst.

Nein, aber ich ich hätte das gerne für ihn. In gewisser Hinsicht lerne ich mit meinem Sohn zusammen.

 

Was zum Beispiel?

Nicht panisch zu werden. Wenn ich etwa an Klassenfahrten denke. Ich glaube, es fällt niemandem leicht, sein Kind zum ersten Mal länger weg zu geben. Aber bei mir ist das dann doch noch mal anders gefärbt. Drum würde ich in den kommenden Jahren gerne versuchen, dahingehend an mir zu arbeiten.

 

Spielt es für dich eine Rolle, ob deine Mutter deine Geschichte irgendwann noch annimmt?

Nein. Ich weiß auch gar nicht, ob sie das ertragen würde. Und stell dir vor, ich käme in die Situation, sie trösten zu müssen: Das wäre ein Albtraum. Für mich ist es nicht so schlimm, dass sie nichts gemacht hat, als es passiert ist. Viel schlimmer ist, dass sie danach nicht zugehört hat. Das kann ich einfach nicht verstehen. Das finde ich unentschuldbar, irgendwie. Wenn mein Sohn zu mir käme und nur ansatzweise andeuten würde, dass er schlecht behandelt wurde, würde ich sagen: „Du setzt dich jetzt mit mir an den Tisch und erzählst mir alles.“

 

Spürst du noch Wut?

Komischerweise nicht. Ich denke mir auch nicht so Sachen wie: „Dieser Teufel hat mir mein Leben genommen.“ Das hat er nicht erreicht. Er hat es halt beeinflusst. Auf gewisse Weise war das ja auch eine Form der Disziplinierung. Ich will damit nichts gutsprechen, aber weißt du: nicht aufzugeben hat auch viele Vorteile. Ich hätte es nur gern anders gelernt.

 

* Roman heißt in Wirklichkeit anders, wir respektieren seinen Wunsch, anonym zu bleiben. Sein Name ist der Redaktion aber bekannt und der Autor hat ihn für dieses Interview mehrmals getroffen. 

 

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