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Mein Handy quält mich!

Illustration: Daniela Rudolf

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Wenn es nach mir geht, darf jeder so viel auf sein Smartphone starren, wie er will. Immer (morgens, mittags, abends, nachts) und überall (Esstisch, Bahn, Klo, Bürgersteig), mal abgesehen von am Steuer eines Fahrzeugs. Ich schlage auch nicht die Hände über dem Kopf zusammen, wenn wieder mal irgendwo steht, dass wir 80 Mal am Tag nach unseren Handys greifen, oder, dass wir es 1500 Mal in der Woche benutzen. Wenn wir alle nicht 1500 Mal in der Woche „Candy Crush“ spielen, sehe ich darin jedenfalls noch nicht den Verfall der Kultur. Ich finde es auch absurd, dass alle dauernd als „handysüchtig“ gelten, weil ich den Leidensdruck nicht sehe, der für eine Sucht gegeben sein muss.

Aber eine Sache gibt es doch, die mich am Handy oder am Umgang mit dem Handy nervt – und an der ich leide. Eine Sache, die eigentlich wie ein Spiel ist, sich aber manchmal auch auf mein körperliches Wohlbefinden auswirkt, mich nervös macht oder mir sogar Schmerzen bereitet: der tägliche Wettkampf, bei dem mein Handy gegen meinen Alltag antritt. Und damit am Ende gegen mich.

Dieser Wettkampf geht zum Beispiel so: Ich sitze in der U-Bahn und döse. Dann fällt mir ein, dass ich noch diesen einen Film googeln wollte. Bin gleich da und muss aussteigen, googele aber noch ganz schnell, vertippe mich, tippe neu, der Empfang ist schlecht, die U-Bahn fährt in den Bahnhof ein. Der blaue Balken ist fast fertig geladen, aber dann: einfach stehengeblieben! Die Tür geht auf, ich muss raus, die Suchergebnisse sind plötzlich da, aber ich kann sie jetzt nicht mehr lesen, muss ja weiter, und das Handy lacht hämisch in der Tasche.

Der Wettkampf geht aber auch so: Ich fahre mit dem Rad nach Hause (kein Handy am Steuer eines Fahrzeugs!) und stelle daheim angekommen fest, dass ich zum einen mehrere Whatsapp-Nachrichten habe, und zum anderen sehr dringend zur Toilette muss. Ich will aber unbedingt erst die Nachrichten lesen! Und beantworten! Und das Gespräch, das sich daraus ergibt, weiterführen! Während ich noch im Mantel im Flur stehe! Und mal muss! Der Alltag und mein Handy kämpfen darum, wer mich kriegt, sie zerren an mir, bis es wehtut.

In vielen Momenten kommt es zu so einem Wettkampf. Wie lange halte ich es bei minus zehn Grad aus, mit nackten Händen zu tippen? Kann ich diesen Chat noch zu Ende führen und dann erst losgehen und trotzdem noch die Bahn erwischen? Wie viel Haushalt kann ich mit einer Hand erledigen, während ich die andere zum Telefonieren ans Ohr halte? Es ist eine Art Gamification des Alltags, sie erfordert mal Geschick, mal Durchhaltevermögen, mal Schnelligkeit.

Wettkampf und Gamification, das klingt fast nach Spaß. Es macht mich aber leider wahnsinnig. Denn während ich es okay finde, wenn alle in der Bahn auf ihr Handy starren, finde ich es überhaupt nicht okay, wenn ich mich selbst quäle oder hintenanstelle, um jemandem zu schreiben oder eine Information aufzunehmen. Wenn mir die Blase schmerzt oder die Hände wehtun oder ich in Stress gerate. Ich liebe mein Handy dafür, dass es mir alles immer verfügbar macht, meine Freunde, die Nachrichten, die Welt. Allerdings zwingt es mich dadurch dazu, jeden Tag hundert Mal die kleine Entscheidung zu treffen: Ich oder meine Freunde? Ich oder Information? Ich oder die Welt? Also: Ich oder das Handy? Und leider gewinnt es zu oft, auch dann, wenn es nicht gut für mich ist.

Ich glaube, der Wettkampf gegen das Handy ist das einzige, was ich als Symptom für eine Handysucht gelten lasse. Spontanes Stehenbleiben auf dem Bürgersteig, aufs Handy schauen, wenn man jemandem gegenübersitzt, Selfie auf dem Aussichtsturm machen, finde ich im Jahr 2016 alles völlig in Ordnung und angemessen. All die „Wir reden nicht mehr miteinander“- und „Wir sehen uns die schönen Details in der schönen Welt gar nicht mehr an“-Argumente finde ich unsinnig und schwach, weil alle dauernd miteinander reden und sich die Welt anschauen, und zwar doppelt – draußen und im Handy.

Aber der Wettkampf, der muss aufhören. Das Sich-Quälen für fünf Nachrichten oder das Sich-Stressen für ein Google-Ergebnis. Ich schwöre hiermit, ab sofort nur noch abrupt auf dem Bürgersteig stehen zu bleiben, wenn ich Zeit dazu habe. Und erst meine Grundbedürfnisse zu befriedigen, bevor ich Mails lese. Und ich rate allen Menschen, die das hier lesen: Benutzt eure Handys, so viel ihr wollt – aber lasst euch nicht auf einen Wettkampf mit ihnen ein. Das (und nur das (und Handy am Steuer)) ist ungesund.

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