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Das erste Weihnachten ohne Familie

Ist es pubertär, bewusst auf Weihnachten mit den Eltern zu verzichten, auch wenn man die Familie damit verletzt? Oder lässt uns das am Schluss sogar erwachsen werden?
Von Eva Hoffmann
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    Foto: Photocase / markusspiske

Vergangenes Jahr um diese Zeit gab es kein Weihnachten. Das hatte ich sorgfältig so geplant. Es ist nicht so, dass ich Weihnachten nicht mag. Im Gegenteil. Ich liebe das ganze Drumherum. Die Weihnachts- a.k.a. Wintermärkte, das hektische Rumgewusel kurz vor Heiligabend und das klebrige Gefühl, das sich im ganzen Körper ausbreitet, nachdem man zu viel Glühwein getrunken hat. Nur auf den 24. hatte ich eben keine Lust. Wie wäre es, das ganze Weihnachtstralala zu genießen, aber eben auf diesen einen Abend zu verzichten? Dieser Abend, den die meisten Menschen mit ihrer Familie feiern und der mindestens so viel Konfliktpotenzial birgt wie die erste Autofahrt mit den Eltern nach der Führerscheinprüfung.

 

Der 24. ist für die Familie reserviert. Menschen, die sich dem entziehen, haben in der Regel einen triftigen Grund. Eigene Kinder zum Beispiel. Arbeiten müssen. Oder im Ausland sein. Wobei die Person dann trotzdem per Skype unter den Weihnachtsbaum gebeamt wird, alle Lieder mitsingen muss und symbolische Gutschein-Geschenke verteilt. So einen Grund hatte ich nicht. Deshalb kam ich in den Wochen vor Heiligabend aus dem Rechtfertigen kaum noch raus. Hast du Streit mit deiner Familie? Ist etwas Schlimmes passiert? Winterdepression? Die Begründung „Ich habe einfach keine Lust auf Weihnachten“ wird von den Wenigsten akzeptiert. Und am wenigsten von der eigenen Familie. „Ich feiere dieses Jahr allein“ wird als symbolischer Mittelfinger an die ganze Verwandtschaft aufgefasst.

 

Weihnachten ist eine Zeitreise

 

Und das ja auch ein bisschen zu recht. Aber eben nicht, weil man die Familie nicht mag, sondern weil es so schwer ist, mit dieser Entscheidung in Ruhe gelassen zu werden. Beim Studienwunsch redet mir niemand rein. Ich kann nach Hause bringen, wen ich möchte. Und so langsam akzeptieren die Eltern auch, dass man in der Lage ist, sich selber mal was anderes als Nudeln zu kochen. Aber Weihnachten? Da fühlt man sich zurückkatapultiert in eine Zeit, in der man noch absolut gar nichts mitzureden hatte, weil eh alles klar war.

 

Mit der bewussten Entscheidung gegen diese Zeitreise wächst auch der Druck von außen, doch noch ein Last-Minute Ticket zu buchen. Und der lässt auch wirklich erst dann nach, wenn das letzte Sparticket bei der Bahn verkauft und der letzte Billigflieger nach Hause abgeflogen ist. Also am 24. Und dann? Ruhe. Eine ganz verrückte Ruhe. Wer nicht gerade neben einer Kirche wohnt, sollte sich jetzt mal aufs Sofa legen und einfach nur lauschen. Klar, man könnte jetzt so richtiges Anti-Programm machen, sich einen Wein gönnen, Serien schauen und Pizza bestellen. Aber man kann sich auch einfach auf dieses Sofa-Zeit-Vakuum einlassen und den Schwebezustand genießen. Der fühlt sich an, als würde man ein ganz besonderes Stück Zeit geschenkt bekommen, das es so nur am 24. Dezember zwischen 18 und 22 Uhr gibt. Eine Zeit, in der absolut nichts passiert. Es kann auch gar nichts passieren. Wer sollte schon anrufen? Was müsste schon bis morgen fertig sein?

 

Am 24. Dezember ist Alleinsein eine besondere Herausforderung. Aber anders als beim Alleinsein im Café oder in der Bar, gibt es hier niemanden, der einen skeptisch beobachtet. Der soziale Druck ist gleich Null, weil alle in ihren Wohnungen sitzen. Jetzt lohnt es sich besonders, mal eine Runde um den Block zu drehen. Mitten auf der ausgestorbenen Hauptstraße zu spazieren. Die Nase an überladene Glitzerschaufenster zu drücken. Und sich später im einzigen offenen Asia-Imbiss etwas für zu Hause mitzunehmen, um sich so schnell wie möglich wieder ins Sofa-Vakuum zu begeben. Im Idealfall schläft man dann einfach ein und Weihnachten ist vorbei. Oder man entscheidet sich doch noch für den obligatorischen Familienanruf. Und dann passiert etwas Seltsames.

 

Wenn man nämlich plötzlich diese seit über zwanzig Jahren vertraute Geräuschkulisse im Hintergrund hört, während Mama aufzählt, was es alles zu essen gab und wer wieder viel zu laut und schräg in der Kirche gesungen hat, dann wünscht man sich vielleicht doch ein bisschen, dabei gewesen zu sein. Aber man merkt auch, dass die Entscheidung, nicht dort zu sein, in ihrer Endgültigkeit akzeptiert wurde. Und dass das alle schade finden.

 

Es geht nicht um pubertäres Aufbegehren

 

Dabei geht es ja gar nicht ums Türenknallen. Ich wollte mit dieser Entscheidung niemanden verletzen, kein Familiendrama heraufbeschwören. Im Gegenteil. Ich bin sehr gerne mit meiner Familie zusammen. Aber eben lieber im entspannten Zustand. Die Verwandtschaft vor der Eskalation zu bewahren, indem man sich selber rausnimmt, ist also eher ein Liebesbeweis, als eine Beleidigung. Wenn ich ehrlich bin, so ganz unbeteiligt war ich an diesen Weihnachtsdramen nämlich auch nie. Es geht also nicht um postpubertäres Aufbegehren.

 

Das erste Mal allein Weihnachten feiern ist das letzte große Stück Emanzipation von den Eltern, das man sich nach Auszug und finanzieller Unabhängigkeit noch erkämpfen muss. Aber wenn die Entscheidung dann einmal akzeptiert wurde, lässt es sich im nächsten Jahr wieder umso besser zusammen feiern. Dann kann man gemeinsam mit der Familie auf dem Sofa liegen und den Stress mit einer neuen Gelassenheit genießen.

 

 

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