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Das Ende vom Patchwork-Mythos

Illustration: Katharina Bitzl

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Anmerkung der Redaktion: Dieser Text erschien das erste Mal am 13.12.2016, also noch vor der Corona-Krise. Wir in der Redaktion finden: Jetzt, wo man Weihnachten maximal mit fünf Erwachsenen verbringen darf, ist er aktueller denn je. Dafür haben wir ihn ein wenig aktualisiert.

Es beginnt bereits einige Wochen vor Heiligabend per Whatsapp: „Wann kommst du Weihnachten?“ fragt Elternteil Nummer eins. Eine scheinbar harmlose Frage, aber das geübte Scheidungskind ahnt bereits, wo das hinführt. Man ist ja seit Jahren traumatisiert. Trotzdem hat man noch die leise Hoffnung, dass dieses Jahr alles anders wird. Also trotzdem zumindest die Aussitz-Taktik versuchen. „Weiß noch nicht, vermutlich aber am 23.“ schreiben. Handy weglegen, hoffen.

Aber natürlich hilft das nicht. Denn ganz automatisch kommt wenige Tage später die Nachricht von Elternteil Nummer 2. „Wir wollten nur schon mal planen – kommt ihr Heiligabend? Dieses Jahr soll es etwas ganz besonderes geben!“ Dahinter der Name eines ausländisch klingenden Gerichts, das man erst mal googlen muss. Im Zweifelsfall irgendein Fleisch, das sehr, sehr lange in den Ofen muss. So lange, dass man viel Zeit hat, sich mit Papas neuer Freundin zu unterhalten, mit der, trotz gleicher Altersgruppe, ein gemeinsames Thema zu finden ungefähr so schwierig ist wie von Mon Chéri betrunken zu werden.

Weihnachten, das ist jedem Scheidungskind klar, ist nicht das Fest der Liebe. Es ist das Fest, an dem der Mythos der glücklichen Patchwork-Familie implodiert.

Also wird bestochen: „Wer will schon Bockwurst, wenn er Boeuf Bourguignion haben kann?“

Weil Weihnachten eben ein streng hierarchisches Fest ist. Nicht umsonst heißt der 24. Dezember der „heilige" Abend. Es ist der Abend, den man mit den Personen verbringt, die einem am heiligsten sind – die man also am allerliebsten hat. Nur, dass das im Patchwork-Glück einfach nicht vorgesehen ist. Da müssten dann theoretisch alle zusammen unterm Weihnachtsbaum stehen: Papa und seine 25 Jahre jüngere Freundin, Mama und ihr neuer Sonderpädagogen-Lover plus dessen Ex-Frau, fünf Kinder und Meerschweinchen. Klingt unrealistisch? Eben.

Das Scheidungskind, das sonst das gesamte Jahr simuliert bekommen hat, dass gemeinsam alles möglich sei, muss sich auf einmal entscheiden: Wer bekommt Heiligabend? Wer nur den ersten, oder, noch schlimmer, den zweiten Weihnachtstag? Die Tage, an denen man in heilen Familien eigentlich schon wieder abreist. In den Skiurlaub fährt, zu den Schwiegereltern in spe oder auf diese jährliche, schreckliche Abiparty geht. Bei der Patchwork-Familie bedeutet diese Entscheidung für einen Elternteil auf jeden Fall: Reste essen.

Und kein Elternteil will die Reste. Als am Kindeswohl interessierte Eltern, die Ratgeber namens „Scheidung muss kein Trauma sein“, „Als Paar getrennt und als Eltern zusammen“ oder „Exfrau im Schlepptau – wie Sie trotzdem glücklich werden“ gelesen haben (ja, diese Bücher gibt es wirklich), darf man das allerdings nicht laut sagen.

Also wird auf einer anderen Ebene gekämpft: Bestechung! Die Kinder werden gelockt mit exquisitem Essen („Wer will schon Bockwurst, wenn er Boeuf Bourguignion haben kann?“), absurden Geschenken („Du hast da doch neulich was von einer Playstation 5 erzählt?“) und dem Versprechen, dass das natürlich alles „total unkompliziert“ werde  - „Das Gästezimmer ist schon für dich gemacht.“

Beide Elternteile werden enttäuscht sein und man selbst auch

Wählt man am Ende trotz all der Verlockungen doch den Elternteil mit der Bockwurst, folgt Stufe zwei des Showdowns: der Psycho-Druck: „Du warst doch schon letztes Jahr bei Mama.“ Oder: „Aber deine neuen Geschwister würden sich so freuen.“ Oder, besonders fies: „Jetzt habe ich extra schon eingekauft.“

Wer neu im Patchwork-Mythos ist, wird darauf reinfallen. Er oder sie wird den Kompromiss versuchen. Sagen: „Ich habe euch doch gleich lieb, also besuche ich euch beide.“ Denn das ist ja der Kern der Patchwork-Lüge: Die Behauptung, dass alles möglich sei, wenn man nur will. Aber: Das funktioniert nicht. Beide Elternteile werden enttäuscht sein und man selbst auch.

Die Eltern, weil man trotzdem nie gleich viel Zeit für beide hat. Einer wird das Scheidungskind immer, nach einer ewig langen Fahrt mit irgendeinem Regionalzug  (es gibt einfach kaum Trennungen, nach denen beide Eltern in einer vernünftig angebundenen Großstadt wohnen), mit dem Satz „Wir haben schon mal angefangen“ begrüßen. Und man selbst ist enttäuscht, weil es trotz aller Versprechen (wir erinnern uns: Playstation 5, Gästezimmer und Boeuf Bourguignon) am Ende doch nur einen Douglas-Gutschein, eine Luftmatratze im Arbeitszimmer und Raclette gab. Und Raclette, das ist bekannt, bringt zusätzlich zu all dem Familien-Terror auch noch die dunkelsten Seiten der Menschen hervor. Habgier („Ich nehm mir mal von den Oliven auf Vorrat“), Ungeduld („Warum schmilzt der Käse nicht?“) und Völlerei („Mir ist schlecht.“).

Also besser, so überhaupt nicht im Sinne des Patchworks, direkt Härte zeigen. Sich für einen Elternteil entscheiden und dazu stehen oder zu keinem von beiden fahren. Und sich dabei klar machen, dass man es eh nie allen recht machen kann. Das ist dann übrigens auch eine ganz gute Lektion für den nächsten Schritt im Wahnsinn der vermeintlich liebenden Patchwork-Familie: ein Familienfest planen, auf das man beide Elternteile einladen muss. Aber das ist eine andere Folge der Elternkolumne.

* Als Patchwork-Kind hat die Autorin natürlich ebenfalls über Jahre die Leier gehört, dass „über Probleme reden“ hilft. Aber in diesem Fall will sie gar keine Hilfe. Sie wollte einfach nur ihren Frust rauslassen und möchte deshalb anonym bleiben.

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