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Brüssel hat sich fürs Weitermachen entschieden

Unser Autor lebt in in der belgischen Hauptstadt. So erlebte er die Anschläge – und die Stadt am Tag danach.
Von André Herrmann, Brüssel
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    Foto: Valentin Bianchi/AP

Wenn ich nicht so nah am Brüsseler Gefängnis wohnen würde, wo täglich mindestens zwanzig Polizeiautos mit Sirenen herumrasen, dann hätte ich vielleicht bemerkt, dass es gestern Morgen ein paar mehr waren als sonst. Um 8:23 Uhr erreicht mich die erste Facebooknachricht: "Bist du derzeit in Brüssel? Sehe gerade eine Eilmeldung 'Explosion im Flughafen Brüssel'".

 

Ich denke: Ja ja, klar.  

 

Mittlerweile habe ich so eine Art inneren Schutzschild entwickelt gegen Brüssel-Gerüchte. Angeblich wird man hier schließlich dauernd überfallen, vergewaltigt oder bekommt auf offener Straße Maschinengewehre angeboten. Trotzdem tippe ich "Explosion Flughafen Brüssel" in mein Handy und finde sofort das Video. Die Fensterfront der Check-In-Halle ist zerborsten und haufenweise Menschen rennen in Panik davon. Gruselig.

Diese Bilder wurden im November 2015 aufgenommen. Sie zeigen Brüssel, als dort und in Paris gerade Ausnahmeuzstand wegen der Terrorattacken herrschte: 

Ich denke daran, dass ich am Montagnachmittag selbst noch dort mit dem Flugzeug angekommen bin und glaube zu wissen, welcher Café-Angestellte es ist, der auf einer Nachrichtenseite von abgerissenen Beinen direkt in seiner Nähe berichtet. Ich denke daran, wie Mitte Februar ein Autofahrer fünf Stationen weit durch die U-Bahn-Tunnel bis zum Südbahnhof fahren konnte, ehe er nicht mehr weiter kam – und ich mich fragte, wie das so einfach gehen und wem das vielleicht mal nützen könnte.  

 

Und ich erinnere mich daran, wie wir kurz vor Weihnachten und kurz nach den Anschlägen von Paris zusammensaßen, Vin chaud tranken, also Glühwein, und davon sprachen, dass nun zwischen London 2005 und Paris 2015 eigentlich nur noch Brüssel fehlt. Brüssel 20XX. Heute wäre es mir lieber, wir hätten Unrecht gehabt.

 

Punkt 08:30 Uhr sitze ich am Schreibtisch. Noch gibt es keine genauen Zahlen. Dafür die ersten Bilder aus der zertrümmerten Check-In-Halle. Die reichen für schlimmste Befürchtungen.

 

Ich denke: Fuck.

 

Freunde und Bekannte schreiben mir und wollen wissen, ob alles okay ist und ob ich zu Hause etwas davon mitbekomme, was gerade 20 Kilometer entfernt am Flughafen passiert. Den ganzen Vormittag über bin ich damit beschäftigt, Fragen zu beantworten, Ängste zu nehmen und immer wieder zu versichern, dass es mir gut geht. Meine Mutter ist erstaunlicherweise am ruhigsten.  

 

Zumindest so lang, bis kurz nach 9 Uhr ein U-Bahn-Waggon in der Station Maelbeek im EU-Viertel explodiert. Das liegt nur noch 15 Minuten mit dem Fahrrad entfernt.  

 

Ich schaue in den Kühlschrank und überlege, ob ich heute vielleicht einfach drinnen bleibe und was ein Sternekoch wohl aus einer Schale Hummus und einem Beutel Reis so zum Mittagessen kreieren könnte. Und was ich hinbekäme.

 

Es fühlte sich keineswegs so an, als würde die Angst in Brüssel regieren.

 

Im November, als Salah Abdeslam nach den Paris-Attentaten nach Brüssel geflohen war und drei Tage lang keine U-Bahn fuhr, die Schulen geschlossen blieben und gefühlt ganz Belgien im home office arbeitete, da fand ich das alles noch ganz ulkig. In den deutschen Zeitungen stand, die Stadt sei wie ausgestorben und das öffentliche Leben liege vollkommen brach. Und ich fuhr mit dem Fahrrad umher und machte Fotos davon, wie sich Dutzende Familien in der Innenstadt lachend mit den Soldaten fotografierten und die Sicherheitskräfte vorm Zentralbahnhof gemeinsam Kaffee tranken, das Maschinengewehr lässig vorm Bauch baumelnd.  

 

Damals habe ich mich darüber aufgeregt, dass Molenbeek zur "Islamistenhochburg" stilisiert wurde, obwohl die deutschen Medien nicht einmal den Unterschied zwischen Stadtteil und Vorort zu kennen schienen. Denn es fühlte sich keineswegs so an, als würde die Angst in Brüssel regieren, sondern eher, als hätte man einfach gern wieder eine funktionierende Metro, weil man keinen Bock darauf hatte, nicht einfach normal weitermachen zu können.  

 

Aber zu diesem Zeitpunkt hätte ich auch nie gedacht, dass ich mal die "Ich bin in Sicherheit"-Funktion von Facebook benutzen würde.

 

Gegen Mittag haben sich bereits die ersten hard facts bestätigt. Mindestens ein Selbstmordattentäter im Flughafen, mindestens drei Explosionen in der U-Bahnstation, mindestens 30 Tote plus viel zu viele Verletzte. Diesmal habe ich keine große Lust, meine Kamera zu nehmen und "einfach mal gucken zu gehen". Nur, weil ich Hummus mit Reis so langweilig finde, gehe ich mal kurz vor die Tür. Die Metro, die Bahnhöfe, die Tunnel – alles geschlossen. Sogar der Baumarkt um die Ecke hat dicht gemacht.

 

Vorm Supermarkt kniet eine Frau mit Kopftuch und wühlt in ihrer Tasche. Ein Mann und ich gehen auf sie zu, er bleibt erschrocken stehen, dreht sich um und geht eilig weg. Heute mustern sich alle ein bisschen mehr als sonst.  

 

Ich denke: Hoffentlich nicht.

 

Was mich im November am meisten genervt hat, war das Einknicken.

 

Hoffentlich hat das Ganze jetzt nicht die Auswirkungen, die ich befürchte, als sich in meiner Twitter-Timeline das Hashtag #StopIslam breit macht und ich die ersten Sätze sehe wie "Na, wann schreibt der Erste, dass das nichts mit dem Islam zu tun hat?" oder "Na, wollt ihr immer noch alle Flüchtlinge reinlassen?" Gerade jetzt, wo in ganz Europa die Hardcore-Nationalisten wie Le Pen, von Storch und Orbán wählbar werden, passiert genau das, was ihnen in die Hände spielt.

 

Was mich im November am meisten genervt hat, war das Einknicken. Das bedingungslose Runterfahren des öffentlichen Lebens, das Schließen der Läden, der Büros und öffentlichen Einrichtungen. Tagelang. Diese gänzliche Unterordnung unter den Willen von ein paar Verrückten, die trotz zahlreicher Razzien nicht einmal gefunden wurden.

Natürlich bleibt man jetzt mit einem mulmigen Gefühl zurück. Natürlich fühlt man sich ohnmächtig. Ich will nicht jedes Mal, wenn ich einen Bahnhof oder einen Flughafen betrete, bis auf die nackte Haut kontrolliert werden. Aber das heißt eben auch, dass dann mal jemand nicht kontrolliert wird, den man vielleicht doch hätte kontrollieren sollen. Freiheit? Oder eine vermeintliche Sicherheit? Eine phrasige Diskussion. Viele Plattitüden. Aber heute, hier, in Brüssel, kann man mal wieder spüren, was sie bedeuten könnte.

 

Und jetzt also wieder die Angst. Die genau das befördert, was den Terroristen nützt. Den Ausnahmezustand als Normalfall, Misstrauen, Abschottung und vor allem dauerhafte Unsicherheit. Himmel, wie schwer es noch werden wird, zu den freiheitlichen, den demokratischen Prinzipien zu stehen, die uns und unsere Gesellschaft ausmachen. Gerade eben, weil die Hauptstadt Europas verwundbar geworden ist. Weil die belgischen und französischen Ermittler es eben nicht geschafft haben, die Anschläge zu verhindern. Vielleicht, möchte man sagen, weil man das in einer freiheitlichen Gesellschaft in Kauf nehmen muss. Aber das will gerade niemand hören. Und ich kann es sogar ein bisschen verstehen.

 

Umso beruhigender, dass sich am Abend schon ein paar hundert Menschen im Stadtzentrum vor der Brüsseler Börse versammeln, den Toten gedenken und zeigen, dass sie sich nicht einschüchtern lassen. Und auch unter dem schrecklichen Hashtag #StopIslam findet man mittlerweile immer öfter den Hinweis, dass nicht alle Terroristen Muslime, wohl aber alle Terroristen freiheitsfeindliche Arschlöcher sind.

 

Am Mittwochmorgen gehe ich kurz raus. An der Straßenecke mustert mich ein Mann von oben bis unten. Dann grinst er und geht weiter.  

Ich denke: Vielleicht hätte ich doch erst duschen sollen.

 

An der Bushaltestelle warten ein paar Omas. Eine Traube Schulkinder rennt Richtung Lycee. Ich überlege, was ich gestern im Baumarkt wollte. Selbst die Metro hat schon wieder geöffnet. Brüssel hat sich offensichtlich fürs Einfach-Weitermachen entschieden. Gut so.

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