Wenn einer Stadt das Leben genommen wird

Nach den Bildern der Anschläge selbst kommen die der leeren Stadt Brüssel. Sie tun auf eine unterschwellige Art fast genauso weh.
Von Jakob Biazza
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Die Rue Royale (Koningstraat) in Brüssel nach den Anschlägen.

Foto: Hatim Kaghat/ AFP
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Sicherheitskräfte sind in der Nähe der Europäischen Kommission im Einsatz.

Foto: Yoan Valat/dpa
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Die belgische Polizei sperrte nach den Anschlägen sämtliche Metro-Stationen in der Stadt.

Foto: Philippe Huguen/AFP
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Die Metro-Station De Brouckere wurde nach den Explosionen gesperrt.

Foto: Hatim Kaghat/ AFP

Und plötzlich war da dieses Gefühl, dass die Terroristen es jetzt tatsächlich geschafft haben. Es hatte sich angeschlichen. War irgendwo in der Nackengegend hochgekrochen – durch das Rückenmark in den Hinterkopf vielleicht. Was weiß ich, wie so was geht. Jedenfalls kam es so leise, dass ich es erst nicht gemerkt hatte. Vielleicht, weil alles drumherum so laut war. Weil ich den ganzen Tag Trümmer gesehen hatte, und Rauch und Panik und Blut und Leichen.

Möglicherweise habe ich auch gar keine Leichen gesehen, sondern mein Gehirn kann sie inzwischen einfach wie automatisch dazurechnen. Und trotzdem nichts spüren. Und dann: zack. War es doch da. Nicht wegen des Rauches. Nicht wegen der Panik. Nicht wegen der Leichen. Es war die Leere, die sich irgendwann aus meinem Unterbewusstsein herausgeschält hatte. Die Leere auf den Straßen. 

Ich glaube, Matthias Groote hat das erste Bild getwittert, das ich früh gesehen und spät gespürt habe. Das erste von vielen: die Wege rund um das Europaparlament. Die Straßen von Brüssel. Und auf diesen Straßen: nichts. Also kein Mensch. Also verflucht noch mal NICHTS, das den Begriff Leben verdient. 

Die Phrase „ziviles Leben“ kam mir in den Sinn. Ich wusste nie, was die eigentlich meint. Aber wie so oft, wenn man etwas erst erfasst, wenn es plötzlich weg ist, füllte sie sich jetzt mit Substanz. Mit etwas, das ich begreifen und fühlen konnte: Denn auf den Straßen, da ist doch das Leben! Wenn jemand sagt, dass eine Stadt pulsiert, meint er ihre Straßen. Den Verkehr. Den Lärm. Die Energie. Die Menschen. Das alles ist das Blut, das in ihr fließt.

Leere Straßen aber sind der Tod. Wer die Straßen leerbombt, der stoppt den Puls der Stadt. Wenn nur noch Soldaten patroullieren, wo freie Menschen sich sonst frei bewegen, dann war's das. Nulllinie. Ende.

Was ich damit sagen will? Keine Ahnung. „Rausgehen!“, wahrscheinlich. Verflucht noch mal rausgehen! Und leben! Saufen, flirten, Sex haben! Und dann von vorne! Damit ich falsch liege, damit also die Terroristen es doch nicht geschafft haben. Eine hirnverbrannte Aussage, ich weiß. Ich bliebe auch zu Hause, wenn in der Stadt Bomben explodieren. Aber spätestens morgen, oder wenigstens übermorgen, bitte, da müssen wir wieder ausschwärmen. Wir alle. Die Stadt defibrillieren. Sie zurückerobern. Alle Städte. Den Puls wieder hochfahren. Ob das was hilft? Gegenfrage: Was sollen wir denn sonst tun? Eben.

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