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Mein Freund ist Alkoholiker

Unsere Autorin schreibt darüber, was das mit ihrer Beziehung macht.
  • trinkolumne alkoholiker
    Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol. 

 

„Der Typ ist gerade auf Toilette. 36, trockener Alkoholiker – ich glaube, das wird nix.” Diese Nachricht habe ich noch während des ersten Dates an meine Freundin geschickt. Das ist jetzt zwei Jahre her und geworden ist es doch was: Der Typ ist mein Freund, und dass er trockener Alkoholiker ist, spielt in unserem Alltag keine große Rolle – obwohl Alkohol verdammt präsent ist.

 

Bei unserem ersten Date saß ich mit meinem Freund, nennen wir ihn Christian, in einer Bar. Samstagabend, ich hatte ein Radler bestellt, er eine Cola. Als die zweite Getränkerunde anstand, habe ich ihn gefragt, warum er nicht trinkt. Seine Antwort: „Weil ich Alkoholiker bin.“ Damit hatte ich nicht gerechnet. Als die Kellnerin kam, habe ich vor lauter Schreck eine Cola bestellt, wie er. Wenn Alkoholiker mit Alkohol in Kontakt kommen, werden sie leicht rückfällig, das weiß man doch. Und ich wollte nicht schuld sein, falls der Typ ein paar Tage später versoffen am Hauptbahnhof abhängt.

 

Inzwischen weiß ich, dass das Quatsch ist. Christian hat sich und seine Krankheit – denn nichts anderes ist Alkoholismus – sehr gut im Griff. Nach elf Jahren Abstinenz haut ihn eine Radler-trinkende Frau nicht aus der Bahn. Trotzdem habe ich mir anfangs Gedanken gemacht.

 

Nach ein paar ersten Dates habe ich zu recherchieren begonnen. Bin im Internet auf ein Forum für trockene Alkoholiker gestoßen, wo sich viele Betroffene beklagt haben, nie einen Partner oder eine Partnerin zu finden, weil die Alkoholkrankheit so abschreckend sei. Der gängigste Ratschlag: Sucht euch doch einen anderen Betroffenen. Dann hat man auch die ganzen Folgeprobleme nicht: die Frage nach Alkohol im Haus, nach Schnaps im Tiramisu. Das klang logisch und deckte sich mit meinen Vorurteilen über Alkoholiker: „Die“ tun sich schwer im Alltag, weshalb sich auch bei der Partnerwahl Gleiche mit Gleichen zusammentun.

 

Ich hatte Bedenken, ob Christian beim ersten Streit rückfällig werden würde

 

Ich habe Christian trotzdem weiter gedatet. Einmal haben wir nach einem Konzert etwas Fast Food geholt. Er war nüchtern und Fahrer, ich hatte mir ein paar Drinks genehmigt. Ich hatte gerade einen Schluck Cola getrunken und den Becher an ihn weitergereicht, als ich ihn fragte, ob es für ihn problematisch ist, wenn er vom selben Strohhalm trinkt. Ob ich beim Trinken denn in den Becher gespuckt hätte, fragte Christian – und erinnerte mich daran, dass Alkohol für ihn zwar gefährlich, aber kein hochansteckender Virus ist. 

 

Als sich abzeichnete, dass das mit uns doch „was Ernstes” werden könnte, haben wir über alles Mögliche gesprochen. Auch über seine Sucht. Ich hatte Bedenken, dass er beim ersten großen Streit rückfällig werden würde. Und fragte mich, was es bedeutet, wenn ich mich mit knapp 30 Jahren auf ein Leben mit einem Abhängigen einlasse. Co-Abhängigkeit? Ein Hartz-IV-Leben zwischen Klinik und häuslicher Gewalt? Woran man halt so denkt.

  

Heute weiß ich, dass Christian ziemlich viel mitgemacht hat, seit er trocken ist. Dass es fast anmaßend ist, zu glauben, dass er wegen einer Meinungsverschiedenheit mit mir alles wegwerfen und trinken würde.

 

Er hat mir offen von seiner Sucht erzählt. Von seinem Entzug, der Zeit danach und den Anonymen Alkoholikern, zu denen er aber schon lange nicht mehr geht. Diese Offenheit hat mir geholfen, die Krankheit zu verstehen. Und sie hat mir gezeigt, wie wenig ich darüber weiß.

 

Milchschnitte und Toastbrot enthalten zum Beispiel Konservierungsstoffe, die auf Alkohol basieren. Auch das Öffnen einer Packung Aufbackbrötchen kann Christian irritieren – wegen des intensiven Hefegeruchs. Ein anderes Beispiel: Bundesliga schauen ist nicht möglich, ohne permanent mit Bierwerbung zugeschüttet zu werden. Den Wildbraten kochen viele in Rotweinsoße, die Betäubung beim Zahnarzt und Erkältungsmedikamente enthalten oft Alkohol.

 

Schwierig auch: Zu bestimmten Anlässen wird einfach erwartet, dass man trinkt. Zu Hochzeiten zum Beispiel. Wer die Feier über nur Cola trinkt, wird ständig gefragt: warum?

 

Zweimal kam es zu kritischen Situationen – Christian ist aber beide Male stark geblieben

 

Das alles hat mir vor Augen geführt, wie präsent Alkohol ist. Seit wir zusammen sind, gab es trotzdem nur zwei kritische Situationen:

 

Das erste Mal war auf einem Festival. Ich musste länger arbeiten, Christian war mit einigen Freunden vorausgefahren. Als er mich vom Parkplatz abholte, gab er zu, dass es ihm gerade schwerfalle, standhaft zu bleiben. Das Punkfestival, die Musik, die Freunde, der viele Alkohol. Die Gruppe, mit der wir dort waren, hatte schon früh am Morgen angefangen zu trinken. Was mich dabei ärgerte: Auch Freunde, die wussten, warum Christian sich an Energydrinks hält, haben ihm immer wieder Alkohol anboten. Weil sie es vergessen hatten, oder weil sie dachten, einer würde doch gehen, ist schließlich ein Festival. Dabei ist das Nicht-trinken nötig, in gewissem Sinne überlebenswichtig. Ich habe Christian dann angeboten, mit ihm nüchtern zu bleiben, das wollte er aber nicht. Also haben wir vereinbart, dass ich auf sein Zeichen hin ohne viel Aufsehen mit ihm das Festival verlassen würde – dazu kam es aber nicht. Christian ist stark geblieben.

 

Ein anderes Mal hat Christian mir ein Bier aufgemacht, was normalerweise kein Problem ist. An diesem Tag haute ihn der Geruch irgendwie um. Also gab er mir die Flasche und ich füllte mein Glas selbst. Warum gerade an diesem Tag? Weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es seitdem nicht mehr vorgekommen ist. Wenn wir irgendwo hin fahren, kauft er mir vorher ein Wegbier und sich einen Weg-Energydrink. Mein schlechtes Gefühl, dass er mir etwas Alkoholisches kauft, habe ich längst abgelegt.

Inzwischen habe ich auch meine Alkoholvorräte wieder hervor gekramt, die ich anfangs in die Abstellkammer verbannt hatte. Denn ich weiß, dass Christian stark genug ist, sie nicht anzurühren. Außerdem stört es ihn viel mehr, wenn ich mich aus Rücksicht auf ihn anders verhalte.

 

Christians Sucht spielt für uns im Beziehungsalltag kaum mehr eine Rolle. Manchmal probiere ich im Restaurant halt den Nachtisch zuerst und sage ihm, „ob ihm das wohl schmeckt”. Ist einfacher, als den Kellner vor allen anderen zu fragen, ob Alkohol im Dessert ist.

 

Klar, wir werden nie einen gemütlichen Abend auf der Couch mit einer Flasche Rotwein verbringen. Wir werden unsere Geburtstage nie mit einem Schlückchen Sekt feiern können. Manchmal finde ich das schade. Doch andererseits: Wir werden nie darüber diskutieren müssen, wer an Silvester oder während der Fahrt zum Konzert am Steuer sitzt.

 

Wenn ich eines gelernt habe, dann: Die meisten Menschen haben eine falsche Vorstellung davon, was Alkoholismus ist

  

Einige meiner Freunde wissen mittlerweile Bescheid. Meine Familie aber weiß von Christians Krankheit nichts. Sie wissen nur, dass er keinen Alkohol trinkt. Es wäre für ihn nicht schön gewesen, die Eltern der Freundin kennenzulernen und sich vorzustellen mit: “Für mich keinen Wein, ich bin Alkoholiker.” Außerdem würden sich meine Eltern sicherlich ähnliche Gedanken machen wie ich am Anfang – mit dem Unterschied, dass sie dabei nicht verliebt sind. Vielleicht aber lasse ich sie diesen Text lesen, jetzt, wo sie Christian als Menschen kennen.

 

Denn wenn ich eines in den vergangenen Jahren gelernt habe, dann: Die allermeisten Menschen haben eine falsche Vorstellung davon, was Alkoholismus bedeutet. Christian führt ein normales Leben. Er hat einen Job, spielt in einer Band, besucht gerne seine Eltern, kümmert sich um den Hund und ist sehr verlässlich. Nur trinkt er halt nicht. Wenn ich beim Ausgehen Paare sehe, die nach ein paar Drinks zu viel plötzlich streiten, bin ich sogar ziemlich froh über seine Abstinenz.

 

Die Redaktion kennt die Autorin und respektiert ihren Wunsch, diesen Text anonym zu veröffentlichen.

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