Saufende Tiere beweisen: Die Kluft zwischen Mensch und Tier ist gar nicht so groß

Eine Annäherung von der frustrierten Fruchtfliege bis zur Elchdame.
Von Kolja Haaf

Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Saufen ist schon eine ziemlich raffinierte Errungenschaft. Da wird man in die Welt geworfen und alles scheint fest vorgegeben: Arbeiten, Kinder machen, in der Supermarktschlange stehen, Netflix schauen, sterben. (Und das, wenn's gut läuft!) Aber dann, mit ein paar Schlucken vergorener Obstbrühe, entzieht man sich einfach dieser ganzen faden Angelegenheit. Insofern ist Trinken fast schon ein subversiver Akt. Der ultimative Lifehack.

Was aber vielen nicht klar ist – wir Menschen haben kein Patent aufs Saufen. Es wurden verschiedene (wildlebende) Tiere beobachtet, die sich ebenfalls gezielt einen antrinken. Ich finde das unendlich tröstend.

Wie viele Menschen habe ich immer relativ wenig Bezug zu Tieren gehabt. Die machen halt ihr Ding, wir unseres. Massentierhaltung? Okay, muss nicht sein. Artensterben? Ja, doof halt. Aber seit ich weiß, dass Tiere saufen, spüre ich eine Verbundenheit, die keine BBC-Doku und kein „Nach-diesem-Video-wirst-du-Vegetarier“-Video bisher in mir wecken konnten. Ich weiß jetzt: Wir sitzen alle im gleichen Boot. In einem Partyboot mit grauenhafter Musik, aber immerhin mit open Bar.

Was folgt, ist eine kleine Meditation, eine imaginäre Kontaktaufnahme mit einigen unserer Tierkumpels, die sich wie wir das Leben schönsaufen. Diese Übung soll dabei helfen, mal aus unserer Menschenbubble rauszuschauen und im Idealfall eine tiefe Solidarität mit allem Leben auf diesem Planeten zu erfahren.

1. Die Fruchtfliegen-Incels

Zum einen seid da ihr, frustrierte Fruchtfliegenmännchen: Wissenschaftler haben beobachtet, dass diejenigen unter euch, die es nicht schaffen sich zu paaren, deutlich öfter Nahrung zu sich nehmen, die Alkohol enthält, als die Männchen, die regelmäßig Fruchtfliegensex haben. Dadurch wird bei euch das Neuropeptid F produziert, das sonst nur beim Akt ausgeschüttet wird. Daher wird vermutet, dass ihr durch den Alkoholkonsum das ausgebliebene Erfolgsgefühl simulieren wollt.

Foto: Imago

Hachja, Liebeskummer. Ein Klassiker unter den Gründen fürs Frusttrinken. Gebt euch hemmungslos eurem Weltschmerz hin, ungeliebte Fruchtfliegenboys. Wenn ihr stumm mit trüben Augen nebeneinander hockt, überreife Pfirsiche in euch reinschüttet und euch fragt, woran es liegen könnte. Habt ihr was falsch gemacht? Nicht laut genug gesummt? Seid ihr vielleicht zu langweilig? Würde es euch attraktiver machen, wenn ihr ein Start-up gründet? Oder seht ihr einfach scheiße aus? Alles zusammen, liebe Fruchtfliegenhomies, alles zusammen. Es tut mir leid. Aber hey: Ich weiß, es ist nur ein schwacher Trost, aber vielleicht habt ihr ja andere Stärken! Wahrscheinlich aber nicht. Selektion ist nun mal Teil des Deals, irgendjemand muss auf der Strecke bleiben, damit sich kommende Fruchtfliegengenerationen nicht mit allzu vielen Loser-Genen rumschlagen müssen. Ihr habt ein Recht, verbittert zu sein.

Aber bitte, bei aller evolutionärer Ungerechtigkeit – lasst euren sexuellen Frust nicht in blinde Fruchtfliegenmisogynie umschlagen. Die Weibchen können schließlich auch nichts dafür, dass andere Männchen hotter sind als ihr. Falls es hilft: Für uns Menschen sehen alle Fruchtfliegen gleichermaßen ungeil aus.

2. Die Erbsünden-Affen

Auf der Karibikinsel St. Kitt’s habt desweiteren ihr, Südliche Grünmeerkatzen-Affen, vor geraumer Zeit angefangen, am Strand von Touristen gezielt Cocktails zu klauen oder ihre Reste zu trinken. Aufgrund eures Alkoholkonsums wurdet ihr von Forschern in vier Kategorien unterteilt: 15 % eurer Population trinken selten oder gar nicht, 65 % trinken in Gesellschaft, 15 % trinken regelmäßig stärkeren Alkohol und 5 % von euch sind gestandene Alkoholiker, die soviel und so hart trinken, wie sie nur können.

Screenshot: Youtube/BBC Studios

Südliche Grünmeerkatzen-Affen, euer Durst macht nachdenklich. Ihr lebt in einem tropischen Traum – Meeresrauschen, heiße Rhythmen, Sonnenuntergänge zum niederknien, ein absoluter Sehnsuchtsort. Aber genau wie die Urlauber, die für zwei Wochen richtig schön All-Inclusive gespart haben und sich nach einem halben Tag im Paradies zu Tode öden, könnt auch ihr nicht anders, als vom Baum der Erkenntnis zu essen. In Form von kübelweise klebrigen Cocktails.

Weil eben nichts passiert: Welle. Neue Welle. Strandverkäufer. Welle. Heiß. Welle. Welle.

Verständlich, dass ihr da den Kick sucht. Denn nach drei abgestandenen Daiquiris macht alles wieder Sinn: Ihr seid der Mittelpunkt eines abenteuerlichen Piratenuniversums, das nur darauf wartet, von euch erkundet zu werden! Der unterbezahlte Geschirrabräumer, der kreischend mit einer Fliegenklappe auf euch losgeht, wird zu Jack Sparrow. Die schwabbeligen, rotgebrannten Touristenpopos sind geheimnisvolle Inselgottheiten, die aus unbekannten Gründen gepiekst werden wollen. Und irgendwo ist ein Schatz versteckt in Form eines fast vollen Sangria-Eimers mit kaum Kotze drin! Südliche Grünmeerkatzen-Affen, ihr seid Rausch-Rebellen im Garten Eden. Aber bitte: An die Elektrolyte denken.

3. Die Midlife-Crisis-Elchin

Schließlich du, schwedische Elch-Lady, über die in Lokalzeitungen ausgiebig berichtet wurde, weil du in einem Garten in einem Vorort von Göteborg so lange vergorene Äpfel gefressen hast, bis du im Vollsuff in einem Apfelbäumchen steckengeblieben bist: Ich bin bei dir.

Foto: Gustav Johansson

Ich weiß, du hattest mal Träume. Du wolltest ein Leben leben wie in einem Roman. Alle Höhen und Tiefen auskosten. Nie aufhören, Fragen zu stellen. Nie aufhören, zu staunen. Du wolltest den Elchmann treffen, mit dem sich jede Millisekunde richtig anfühlt. Wolltest glücklich sein.

Und dann bist du irgendwann aufgewacht und warst Ende Vierzig (Elchjahre). Tausend kleine Zwänge halten dich am Boden, deine Augenringe werden immer schwerer und dein Elchmann schnarcht nachts, dass der ganze Fjäll erbebt. Die Brunftzeit hat schon vor Wochen angefangen, aber ihr habt euch erst ein einziges Mal, aus Pflichtgefühl, lieblos gepaart. Es war schneller vorbei als das Titellied von „Michel von Lönneberga“. Und danach hast du einfach einen Drink gebraucht. Einfach mal kurz durchatmen und entspannen mit zwei, drei Kilo vergorenen Äpfeln. Und jetzt hängst du da, rotzevoll und hilflos. Und irgendwelche rotgesichtigen, schnäuzbärtigen Schrebergärtner halten dir ihre Taschenlampen ins Gesicht, gaffen und sehen wahrscheinlich nur eine gewaltige, strampelnde Portion Köttbullar.

Aber weißt du was, Elchin? Es ist nicht deine Schuld. C’est la fucking vie! Und es ist okay, ab und zu einen zu heben. Und völlig abzustürzen. Und dabei fotografiert zu werden. Es kommen wieder bessere Tage.

Das gilt übrigens auch für euch versoffenen Fledermäuse, maßlosen Motten und süffelnden Seidenschwänze. Und für den Fall, dass ihr Glück habt und uns Menschen aufgrund irgendeiner selbstverschuldeten Katastrophe überlebt und dann demnächst durch die verwilderten Ruinen unserer Zivilisation streunert – bei mir im Küchenschrank oben rechts steht noch eine Flasche Jägermeister. Ich weiß, ihr werdet die Ironie zu schätzen wissen. Wohl bekomm’s.