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Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es gerade geht, lieber Leser – bitte immer daran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol. 

Ich habe gestern drei Gläser Wein getrunken und war um 1 Uhr im Bett. Und weil sieben Stunden Schlaf doch ganz okay sind, habe ich mir keine Sorgen gemacht, zumal man von Wein doch bekanntlich so gut schlafen kann. Hat jedenfalls Shakespeare laut Google mal gesagt: „Wer Wein trinkt, schläft gut“, steht es da schwarz auf weiß. Ich fühle mich jetzt aber schwarz auf weiß ziemlich scheiße. Nicht, weil ich sonderlich betrunken oder die Nacht besonders lang war, glaube ich. Erholsamkeit scheint aber dennoch ein Gast zu sein, den mein Schlaf diese Nacht mit ausladender Geste lachend von der Bettkante gestoßen hat. Der Idiot. Nur weil die Erholsamkeit einen Wein zu viel hatte.

Ich fühle mich ein bisschen von Shakespeare betrogen. Soll ich mir jetzt lieber kein Gläschen mehr einschenken, um das Einschlafen ein bisschen einfacher zu machen?

Die Welt titelte 2014 „Eine Nacht ohne Schlaf ist wie ein Promille Alkohol“. Meint: Wer eine Nacht nicht schläft, fühlt sich, als hätte er was getrunken. Und wie ist das anders herum? Ist ein Promille Alkohol wie eine Nacht ohne Schlaf? Dass ich mir nicht sieben große Gin Tonic reinstellen und am nächsten Tag wie das Bild vom blühenden Leben durch die Redaktion hüpfen kann, ist schon klar. Aber ein Promillchen? Oder viel eher ein halbes? Kann mir das meinen Schlaf so gründlich versauen?

Ich habe mich ein wenig zu schlau gemacht und damit nun traurige Gewissheit: Jein! Den Schlaf erst einmal einläuten kann der Alkohol nämlich ganz gut. Je nachdem, wie viel man danach getrunken hat, kann sich die kleine bis mittelgroße Einschlafhilfe im Verlauf der Nacht aber perfide  rächen.

Der Alkohol greift die gesamte Schlafstruktur an, so dass auch Traum- und Tiefschlaf massiv gestört werden

„Zum Einschlafen hilft Alkohol, zum Durchschlafen ist er schlecht“, erklärt mir Professor Peter Young von der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, als ich ihn verzweifelt und verschlafen anrufe. Erstmal der schöne Teil der Erkenntnis: „Alkohol ist tatsächlich ein Schlafmittel. Aufs Gehirn wirkt er einschläfernd, auf die Muskeln entspannend, so dass wir eher schlafbereit sind.“

Mein Gehirn schläft beim Trinken mitunter ein, noch bevor der Körper sich entschließt, es auch so zu tun, denke ich mir. Das erklärt schon einmal vieles: Problematisch sind nicht die ersten Stunden des Schlafs, sondern die, die darauf folgen: „Durch die toxischen Stoffe, die beim Abbau selbst entstehen, regen wir das Gehirn wieder an. Es ist ganz häufig so, dass beim Alkoholkonsum ein Erwachen nach drei, vier Stunden kommt.“

Der Schlafende selbst merkt das ob der Sedierung manchmal vielleicht gar nicht. Im Schlaflabor lassen sich diese Zustände aber ganz klar nachweisen, so Young. Der Alkohol greift die gesamte Schlafstruktur des Betrunkenen an, so dass auch Traum- und Tiefschlaf massiv gestört werden: „Der Tiefschlaf ist aber der wichtigste Schlafanteil für die Erholung“, sagt Young. Und je weniger man erholt ist, desto negativer wirkt sich das auf Konzentration, Gedächtnisleistung und motorische Fähigkeiten aus.

Aber gibt es da keine Schlupflöcher? Vielleicht besondere Alkoholsorten, mit denen man erholsamer schläft? Der Wein zum Beispiel, das sprichwörtliche Schlafmittel, das einem Schwere verleiht? „Nein.“ Greifen wirklich alle meine Schlafstruktur gleichermaßen an? „Ja.“

Schade auch. Es gibt per se also erstmal keine Alkoholsorten, die sich erwiesenermaßen besser mit dem menschlichen Schlaf vertragen als andere: „Das wird im Volksmund gerne mal angenommen. Aber Alkohol ist Alkohol“, belehrt mich Young und ich fühle mich ein wenig wie jemand, der erfährt, dass Vittel-Wasser zu Nestlé gehört und man das jetzt wohl moralisch gesehen nicht mehr trinken kann.

In der Schule habe eine Freundin mir mal erklärt, dass man pro kleinem Bier eine Stunde erholsamen Schlaf einbüßt, erzähle ich Dr. Young. So eine Art Faustregel also, die einem erlaubt, Sachen wie „mit vier kleinen Bier hab ich immer noch vier Stunden guten Schlaf, also passt das schon“ zu sagen. Eine solche Hausregel gebe es aber leider nicht, antwortet der Experte. Vielmehr gewöhne sich die Leber einfach an den Alkoholgenuss. Das einzige, was sich verallgemeinern lässt, ist, dass „sich die Schlafarchitektur ab 0,2 bis 0,3 Promille verschlechtert“, so Young. Ab diesem Wert nehmen Folgeerscheinungen wie Probleme beim Durchschlafen und die Reduktion des Tiefschlafes zu. Wann dieser Moment erreicht ist, kann ganz unterschiedlich sein, je nach Gewöhnung, Größe, Gewicht und Geschlecht.

Ich bedanke mich bei Dr. Young für das erhellende Gespräch, das meine Welt ein Stück weit entzaubert zurücklässt. Ein, zwei oder drei Gläser Rotwein nach Feierabend? Vielleicht lieber doch nicht. Schon kleinere Mengen Alkohol können unseren Schlaf deutlich unerholsamer machen, als er eigentlich sein sollte. Und drei Gläser sind, je nach Größe, auch keine kleine Menge mehr. Wenn man jedoch sehr gemäßigt ist und unter der 0,3-Promille-Grenze bleibt, kann man wohlig einschlafen ohne die negativen Wirkungen zu spüren. Aber das gleicht mir dann doch sehr einem Drahtseilakt der Beherrschung.

Übrigens:  Der „Eine Nacht ohne Schlaf ist wie ein Promille Alkohol“-Spruch stimmt! Hab ich extra nachgefragt. Wer ohne Kater betrunken sein will, muss sich also nur manchmal dem Schlaf entziehen!

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