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Das Bett als Arbeitsplatz

Muss man Schlafen und Arbeiten wirklich trennen? Auf der Suche nach Kreativität zwischen Kissen.
charlotte-haunhorst

Die Grenzen meines Königreichs sind aus Bast: An der Kopflehne ist er so hoch, dass ich daran lehnen kann, ohne mit den Schulterblättern die Wand zu berühren. Am Fußende ist er gerade noch hoch genug, dass ich alles gut überblicken kann. Zwischen beiden Grenzen liegen zwei Meter mal 160 Zentimeter, zwei Decken mit Blümchenbezug, Kissen und ein Laptop. Mein Königreich ist mein Bett. Und gleichzeitig für eine Woche mein Arbeitsplatz.

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Etwas Besseres hätte mir gar nicht passieren können. Ich kann mich an den wärmsten und besten Ort eines jeden Zuhauses zurückziehen – das eigene Bett. Hier ist alles weich und gemütlich – alles Raue, Anstrengende und Hektische des Arbeitslebens ist ausgesperrt. Das Bett ist der abgeschirmteste Ort überhaupt, drei Quadratmeter konzentrierte Geborgenheit und Privatheit. Der Wohlfühlort schlechthin. Diese Arbeitswoche wird bestimmt die entspannteste, aber gleichzeitig auch produktivste meines Lebens werden. Denn es heißt doch immer: Kreativ ist man vor allem dann, wenn man sich wohlfühlt. Klingt nach Win-win-Situation.

Andererseits wird einem oft gesagt, dass man Arbeiten und Schlafen strikt trennen soll. Das kann man einmal die Woche irgendwo lesen. Der Geist verbinde sonst das Bett mit Arbeit und komme deshalb nachts nicht zur Ruhe, heißt es dort.

Mein Bett ist jedenfalls bestens fürs Arbeiten eingerichtet. Ich habe hier schon meine Bachelor-Arbeit geschrieben. Unter dem Bett habe ich eine Mehrfachsteckdose installiert, an der Laptop, Handy und die Lampe hängen. Neben mir auf dem Nachttisch liegen außerdem Block, Stift und das Telefon. Beginnt mein Rücken wehzutun, schichte ich einfach meinen Kissenhaufen um. Ein Bett ist wesentlich variabler als ein Bürostuhl. Nur das Beine-Übereinanderschlagen, meine typische Schreibtisch-Sitzposition, fehlt mir ein wenig. Ich variiere zwischen: Anwinkeln, über die Bettkante baumeln lassen und langmachen.

Das Schönste: Der ganze Büroballast fällt weg. Im zwänge mich nicht in Skinny Jeans, die auf den Bauch drücken. Ich übermale mir die Augenringe nicht mit Abdeckstift. In meinem Königreich ist Aussehen egal. Die Interviewpartner spreche ich nur am Telefon, Kollegen kommen auch nicht vorbei. Nach ein paar Tagen bekomme ich deshalb aber erschreckende Ähnlichkeit mit Bridget Jones. Auf dem Kopf habe ich keine Frisur mehr, sondern nur noch Haare, die morgens zu einem Knödel zusammengewurstelt werden. Ums Bett herum sind leere Merci-Riegel-Papiere verteilt.

Nach drei Tagen spüre ich eine gewisse Trägheit. Anders als im Büro passiert im Bett oft einfach nichts. Niemand ruft an, um irgendein neues Buch vorzustellen, keiner bittet zur Kaffeepause. Ich hatte mich darauf gefreut, abgeschirmt zu sein. Jetzt fehlen mir Anreize und Input von außen.

Mein Arbeitstag wird nur dadurch unterbrochen, dass ich immer wieder einschlafe. Anfangs rede ich mir das schön, „Powernapping" und so. Mich powern die Schlafpausen allerdings eher aus. Wenn ich auf den Rückruf eines Interviewpartners warte und dabei einnicke, reißt mich das schrille Läuten des Telefons unsanft aus meinen Träumen. Ich bin schlaftrunken, reflexhaft möchte mein Sprachzentrum dem Anrufer ein „Verdammt, ich lieg noch im Bett, ruf später noch mal an" zuraunzen. Glücklicherweise fällt mir in letzter Sekunde ein, dass ich nicht privat im Bett liege, sondern dienstlich. Also sage ich mit belegter Stimme „Charlotte Haunhorst, jetzt.de" und hoffe, dass es nicht völlig zerstört klingt.

Nicht erwartet hatte ich, dass ich nachts Probleme bekomme. Ich schlafe schlecht und fühle mich ständig hellwach. Wahrscheinlich, weil ich den ganzen Tag nur rumlag. Also organisiere ich mir ein straffes Abendprogramm inklusive Kochen, Kino und anschließend Kneipe. Am nächsten Tag verschlafe ich prompt. Sich an Bürozeiten zu halten ist eine Riesenherausforderung, wenn man aus dem Bett direkt in die Arbeit fällt. Am Ende der Woche hat sich mein Arbeitsrhythmus deshalb um zwei Stunden nach hinten verschoben, statt um halb zehn fange ich erst um halb zwölf an. Statt acht Stunden am Stück schlafe ich mittlerweile nur noch häppchenweise.

Als das Experiment nach einer Woche zu Ende geht, fühle ich mich also weder ausgeschlafener noch kreativer oder leistungsfähiger. Gemütlicher war es, klar. Aber den Wohlfühlort Bett zum Schreibtisch zu machen, funktioniert nur begrenzt. Zum Arbeiten in die Falle gehen klingt verlockend – ist aber eine Falle. 

Text: charlotte-haunhorst - Illoustrationen: Jan Robert Dünnweller

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