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„Berechne den Winkel, mit dem das Teststäbchen durch die Nase eingeführt wird“

In Corona-Kunde hätten wir vermutlich alle eine Eins. Oder?
Foto: Kzenon / Adobe Stock

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Selbst die Zähesten der Zähen sind in diesen Wochen dank Corona langsam erschöpft: Es ist einfach verdammt viel; jeden Tag kommen neue Informationen und manchmal auch Verordnungen hinzu, die man verarbeiten, verinnerlichen und einordnen muss. Der ehemalige Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Kurt Kister, bezeichnete 2020 kürzlich sogar als ein „Epochenjahr”, vergleichbar mit historischen Zäsuren wie 1989 (Mauerfall) und 2001 (11. September). Hier in Deutschland, aber auch in den anderen Ländern, gäbe es so gut wie niemanden, den die Seuche nicht direkt oder indirekt betroffen habe, es sei ein „negatives Gemeinschaftsereignis”, das so schnell nicht in Vergessenheit geraten würde.

Auch auf der Video-Plattform Tiktok beschäftigen sich einige User*innen gerade mit der historischen Bedeutung der Pandemie. Hier geht es aber weniger um potenzielle Einträge in die Geschichtsbücher, sondern darum, was wir denn nun eigentlich gelernt haben in der Zeit. Also besser gesagt, was zukünftige Generationen über die Pandemie in der Schule lernen werden – und dann abgefragt werden könnten. Vergangene Woche veröffentlichte die Tiktok-Userin „Laila“ ein Video, in dem sie ihre knapp 130 000 Follower*innen aufforderte, Fragen zu kommentieren, „die 2055 in einer Arbeit über Corona dran kommen könnten“:

Knapp 100 000 Likes generierte die junge Frau, die ihrer Bio zufolge in Frankfurt lebt und deren Account vor allem wegen des Comedy-Contents und der Schmink-Tutorials bekannt ist. Und die Followerschaft lieferte direkt ein paar gute Test-Fragen, fast 10 000 Kommentare sammelten sich unter dem Video. Dabei haben sich gleich mehrere Dinge gezeigt:

1. Es gibt viel zu lernen

Die Corona-Pandemie hat alles und irgendwie auch alle verändert. Zum Beispiel hat es uns zu Mini-Pandemie-Expert*innen gemacht: Worte wie „Inzidenzwert“, „Aerosole“ und „Maskentragedisziplin“ gehen uns mittlerweile lockerflockig über die Lippen. Klausurfragen aus der Tiktok-Community, wie: „Nenne drei Vorteile des Tragens einer Maske“ oder: „Erläutere den Begriff ,Hamsterkäufe’“ wüden heute niemanden mehr verunsichern. Eins plus, setzen. Übrigens: Dem Leibniz-Institut für Deutsche Sprache nach sind 2020 etwa 1000 neue Worte rund um das Thema Corona entstanden.

2. Es gibt in allen Bereichen noch etwas zu lernen

Die Pandemie betrifft alle Gesellschaftsbereiche – Politik, Medizin, Kultur, Wirtschaft – also kann sie potenziell auch in allen Unterrichtsfächern abgefragt werden. Diskussionsaufgaben über die Sinnhaftigkeit verschiedener Maßnahmen in Deutsch, Geschichte und Sozialkunde, klar. In Physik dagegen könnten der Tiktok-Community zufolge Aufgaben gestellt werden wie: „Warum war es so schwer für Brillenträger, eine Maske zu tragen?“, und in Chemie gibt es Denksportaufgaben wie „Welches Desinfektionsmittel hat am meisten gestunken?“

Aber auch die Mathematik kommt nicht zu kurz. User*innen stellten komplizierte  Schulaufgaben-Rechnungen – und zwar sowohl in Algebra („Pro Tag gab es 625 171 Neuinfektionen. Berechne den Umsatz der Klopapier-Firmen.“) als auch in Geometrie („Berechne den Winkel, mit dem das Teststäbchen durch die Nase eingeführt wird“). Selbst der Sportunterricht könnte sich 2055 auf die Pandemie beziehen: „Führen sie drei Übungen vor, die Angela Merkel gegen Kälte in Klassenzimmern empfohlen hat.“

3. Die Pandemie ist noch nicht überstanden

Deshalb kann man heute noch nicht alle Fragen, die sich zur Pandemie stellen, korrekt beantworten. Zum Beispiel stellte ein Tiktok-User die pointierte Klausuraufgabe: „Erläutere, warum die 27 Lockdowns während der Pandemie nichts gebracht haben.“ Ja nun, ganz so schlimm wird es hoffentlich nicht. Aber welche Maßnahmen wann was gebracht haben, wird man erst mit etwas zeitlichem Abstand klarer einordnen können.

4. Ich weiß, dass ich nichts weiß

Dieser Satz hat nie mehr gestimmt als in diesen vergangenen Monaten. Nicht nur das Virus, sondern auch die daraus entstandene Sondersituation waren und sind für die globale Gesellschaft neuartig. Dementsprechend sind auch viele Entscheidungen getroffen worden, die man heute vielleicht nicht mehr so treffen würde, beziehungsweise, die ohne Kontext einfach nur wahnsinnig klingen. Das beweisen hypothetische Fragen aus der Tiktok-Community wie diese hier: „Wieso durften sich nicht mehr als fünf Personen treffen, aber in der Schule durften zum Teil über 500 eng zusammen sein?“, „Wie kam es dazu, dass Corona in den Bussen und Zügen Pause hatte?“ oder „Erkläre, wieso es dazu kam, dass im Frühjahr die Schulen bei knapp 3000 Neuinfektionen geschlossen wurden, aber bei 30 000 noch offen blieben?“

Die gute Nachricht ist jedoch: Auch wenn viele Schüler*innen in den vergangenen Monaten vielleicht nicht ganz so viel Stoff vermittelt bekommen haben, wie das vielleicht regulär der Fall gewesen wäre – zumindest das historische Großereignis Corona-Pandemie hat sich ihnen mit Sicherheit ins Gehirn eingebrannt. Bleibt nur noch zu hoffen, dass die Schulen 2055 dann auch wieder offen haben. 

mpu

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