Warum brechen Menschen die Corona-Quarantäne?

Die Quarantäne dient dem Schutz der Gesellschaft. Wieso halten sich Menschen nicht an die Auflagen, sondern treffen dennoch Freund*innen oder gehen spazieren?
Illustration: FDE

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Eigentlich durfte Bruno* seine Wohnung nicht verlassen. Er war positiv auf das Coronavirus getestet worden und hatte starke Symptome. Das Gesundheitsamt schickte ihn in Quarantäne – doch er hielt sich nicht an die Regeln. Bruno ist einer von vielen Menschen, die sich mit dem Virus infiziert haben und sich daher isolieren mussten. Das Problem ist: Je mehr Menschen Corona haben, desto schwieriger wird es  für die oft überlasteten Gesundheitsämter, zu überprüfen, ob die Quarantäne konsequent durchgesetzt wird. Gleichzeitig denken sich viele Infizierte: Warum zu Hause bleiben, wenn ich keine Symptome oder etwas Wichtiges zu erledigen habe? 

Bruno ist 32 Jahre alt und arbeitet in einem Großhandel. Mitte September wurde er positiv auf das Coronavirus getestet. „Die Quarantäne habe ich nach einer Woche gebrochen, weil ich einfach raus musste. Ich war eingesperrt mit meiner Freundin und ihrer Tochter, da ging es irgendwann nicht mehr anders, ich musste laufen gehen“, sagt er gegenüber jetzt. Da er das Haus am Abend verließ und niemand mehr auf der Straße war, war es „für mein Gewissen safe, eine Runde zu spazieren“, so sagt er es. Dabei hatte Bruno Krankheitssymptome, und zwar so starke, dass die Quarantäne vom Gesundheitsamt später um eine weitere Woche verlängert wurde. 

Die Quarantäne ist wichtig, um die Pandemie einzudämmen und andere Menschen nicht zu gefährden 

Dennoch brach er die Auflagen ein zweites Mal. „Ich habe mich mit einem Kumpel draußen vor der Tür auf ein Bier getroffen, mit drei Metern Abstand. Ich wollte einfach mit jemandem reden. Wir haben uns nicht berührt, es war alles safe.“ Sein Freund habe Bescheid gewusst über die Quarantäne, habe also eingewilligt, sie gemeinsam mit Bruno zu brechen und damit sich und andere zu gefährden.

Aktuell sind rund 355 900 Menschen in Deutschland mit Covid-19 infiziert (Stand 29.12.20), die entsprechend in Isolation sein müssten. Zu infizierten Personen kommen meist noch mehrere Kontaktpersonen, die auch mit einem negativen Testergebnis für mindestens zehn Tage in Quarantäne müssen, da sich Symptome trotzdem entwickeln und eine Infektion sich erst später zeigen kann. Deswegen ist die Einhaltung der Quarantäne auch so wichtig – die Gefahr, infiziert zu sein, ist recht hoch und damit auch das Risiko, andere Personen außerhalb der eigenen vier Wände anzustecken. Wenn dieses Risiko aber so hoch ist, wieso brechen manche Menschen dann bewusst die Quarantäne und gefährden andere damit?

Bruno nennt dafür individuelle Gründe – den Wunsch nach Bewegung und Abwechslung zum Beispiel. Für ihn selbst mögen sie valide klingen, die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung blendet er dabei jedoch aus. Wie könnte die Pandemie je eingedämmt werden, verhielten sich alle so wie er? Charlotte Nell, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie in Jena, versucht das Verhalten der Quarantäne-Brecher*innen einzuordnen:  „Man liefert sich in jungen Jahren der Welt ein bisschen aus: Man möchte vielleicht gar nicht immer die Kontrolle über die Welt haben, sondern rausgehen und Erfahrungen machen.“ Die Einstellung vieler: Wenn man sich dann mit Corona infiziere, dann sei es eben so. „Dieses Ansteckungsrisiko wird dann als ,Widerfahrnis‘ konzipiert. Das führt dazu, sich nicht die ganze Zeit von Zahlen verrückt machen zu lassen und einen Kontrollzwang abzulegen“, erklärt sie.

Ähnlich wie Bruno ging es auch Jasmin*, 21 und Studentin in München. Sie besuchte ihren Freund, während er in Quarantäne war, nachdem ein Arbeitskollege von ihm sich infiziert hatte. Jasmins Freund ließ sich Ende November testen. Er begab er sich nach einem negativen Ergebnis trotzdem freiwillig in die Isolation, um bei eventuell doch noch auftretenden Symptomen niemanden anzustecken. Noch bevor er seinen zweiten Test machte, fuhr Jasmin zu ihm. „Neben ihm und einer guten Freundin hatte ich auch keinerlei Kontakte unter der Woche, weswegen ich mir da keine großen Sorgen gemacht habe“, sagt sie. Ihr Freund habe während der Quarantäne auch immer wieder Fieber gemessen und auf mögliche Symptome geachtet. „Wir sind alle sehr verantwortungsbewusst damit umgegangen“, sagt Jasmin. 

Pawel*, 21, musste hingegen selbst aufgrund eines direkten Kontakts zu einer infizierten Person in Quarantäne. Als er vom positiven Test seines Arbeitskollegen erfahren habe, sei er direkt zum Kölner Flughafen gefahren, um sich testen zu lassen, sagt er. Das negative Testergebnis kam am nächsten Tag. In Absprache mit seinem Arbeitgeber begab Pawel sich trotzdem für zwei Wochen in Quarantäne. Diese brach er, weil seine Freundin ihn unter der Woche besuchte. Außerdem kamen gemeinsame Freunde in seine WG, um seinen Mitbewohner zu treffen. „Alle wussten, dass ich in Quarantäne bin und haben sich auf das Risiko eingelassen.“ Das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs ist für junge Menschen gering. Die Quarantäne dient dazu, eine weitere Ausbreitung einzudämmen. Seine Freunde riskierten damit also vor allem die Gesundheit anderer Menschen.

Während der Quarantäne ging dann Pawels Handy kaputt, erzählt er. Damit sein Vater ihm ein neues Gerät besorgen konnte, ging er extra in der Nacht zum Geldautomaten, um Bargeld abzuheben. Dass man diese Situation anders hätte lösen können, weiß er. „Ich mag es nicht, solche wichtigen Gegenstände übers Internet zu bestellen, ich hab nicht mal ein Amazonkonto“, sagt er als Rechtfertigung. Und ohne Handy zu Hause bleiben? „Was soll ich denn sonst in der Quarantäne machen? Ich wohne nicht bei meinen Eltern und darf sonst keinen Kontakt haben.“

Charlotte Nell beurteilt die Rechtfertigungen der Quarantäne-Brecher*innen als Ausdruck verantwortungsvollen Abwägens angesichts empfundener Notsituationen. „Alle drei Beispiele zeigen einen relativ verantwortungsvollen Umgang, da sie sich an den allgemeinen Corona Richtlinien in ihrem Handeln orientieren. Sie halten sich zwar nicht an alle Corona-Regeln, die meisten tragen aber gute Gründe vor, wenn sie es nicht tun.“ Dieser Umgang passt gut zu den Ergebnissen einer TUI-Studie im Oktober 2020, wonach mehr als 80 Prozent der jungen Menschen sich an die Corona-Regeln halten und diese auch befürworten

Die Identität hängt in jungen Jahren sehr stark vom Freundeskreis ab

Dabei spiele auch die Einbeziehung der eigenen mentalen Gesundheit eine Rolle, wie Jasmin bestätigt: „Hätte ich meinen Freund zwei Wochen nicht gesehen, wäre ich quasi selbst zwei Wochen in Quarantäne gewesen. Bis auf die Spaziergänge mit meinem Hund bin ich kaum rausgegangen. Ich habe ihn zwar schon besucht, bevor das zweite Test-Ergebnis da war, aber gerade unser gemeinsamer Umgang damit hat mich beruhigt.“ Diese gegenseitige Unterstützung brauchen gerade junge Personen, sagt Charlotte Nell.

„In diesem Alter spielt die Peer-Group eine sehr große Rolle“, erklärt die Expertin. „Junge Menschen stehen in einem besonderen Spannungsverhältnis. Auf der einen Seite wollen sie „ein souveränes und kompetentes Mitglied der Gesellschaft“ sein und entsprechend die Regeln zu erfüllen. Auf der anderen Seite gebe es für sie eine höhere, sogenannte Transgressionstoleranz. Der Begriff bezeichnet das Maß, bis zu welchem man gesellschaftliche Grenzen überschreiten kann, ohne sanktioniert zu werden – zum Beispiel aufgrund der noch nicht vorhandenen Erfahrung und Reife. „Wenn man jung ist, hat man gewissen Anforderungen an sich, viele Erfahrungen zu machen, möglichst viele Abenteuer zu erleben, auf die man später im Leben zurückblicken kann. Das macht ein reiches Leben aus. Dieser Imperativ des Abenteuertums belastet natürlich auch“, sagt Nell. Dieser Druck sorge dafür, dass man in der Isolations-Zeit nicht auf sein Leben verzichten möchte. Junge Personen wüssten zwar, dass wenige Wochen Quarantäne absehbar sind, das Ende der Corona-Pandemie sei es aber eben nicht. Daher sei der Austausch mit der Peer-Group und Freund*innen auch so wichtig. Das zeige sich vor allem bei Bruno und Jasmin, die von sich aus bewusst das Risiko eingingen, einen Freund und den Partner zu treffen, obwohl man selbst oder die andere Person in Quarantäne war. „Die Identität hängt in diesem Alter eben auch sehr stark vom Freundeskreis ab. In Krisensituationen möchte man den Austausch mit den für einen wichtigen anderen Menschen, wie zum Beispiel den besten Freunden, so intensiv aufrecht erhalten wie möglich.“

Bricht man die verordnete Quarantäne in irgendeiner Form, gibt es dafür auch rechtliche Konsequenzen – zumindest theoretisch. Bis zu 10 000 Euro Bußgeld sind vorgesehen. Für Bruno gab es allerdings keinen Grund zur Sorge vor einer Strafe. „Dadurch, dass ich sehr vorsichtig war und das Gesundheitsamt in keinster Weiser irgendetwas kontrolliert hat, hatte ich keine Gedanken an Konsequenzen.“ 

Pawel kritisiert vor allem die Bürokratie des Gesundheitsamtes 

Jasmin war sich des Risikos tatsächlich kaum bewusst. „Da mein Freund auch wirklich den ganzen Tag zu Hause geblieben ist und ich nur zu ihm gefahren bin, gab es eigentlich keinen Anlass für den Gedanken einer Straftat für mich.“

Pawel sagt von sich aus, dass er beispielsweise nicht einmal Angst hatte, jemanden anzustecken, während er die Quarantäne gebrochen hat. „Eher hatte ich die Angst, dass das Ordnungsamt kontrolliert, ob ich zu Hause bin. Ich bin nämlich bei meinen Eltern gemeldet, wohne aber in einer WG, wo ich die Quarantäne dann auch durchgezogen habe.“

Das Skurrile an Pawels Situation: Hätte er nicht aus Eigeninitiative den Test gemacht, hätte er keinen machen müssen, da das Gesundheitsamt ihm keinen verordnet hatte. Ein Informationsbrief des Amts zur Quarantänepflicht kam auch erst zwei Wochen nach Pawels Test an – also als die Quarantäne bereits abgeschlossen war. „Die sollten eher an der Bürokratie was ändern, statt Leute penibel für kleine Corona-Ordnungswidrigkeiten zu bestrafen“, sagt Pawel. 

Dass die Gesundheitsämter überlastet sind und sich nicht oder viel zu spät bei vielen Menschen melden, kann auch dafür sorgen, dass Menschen das Vertrauen in diese Institutionen verlieren – und sich dann nicht an Regeln halten. Charlotte Nell erklärt: „Er hat den Eindruck, die Behörde funktioniert nicht wie sie sollte, und stellt entsprechend die Sinnhaftigkeit der Regelungen in Frage.“  Deshalb wolle er sich nicht einer „blinden Vernunft“ dieser Institution unterordnen, sondern versuche, eigene Vernunftskriterien anzulegen. 

Eine Quarantäne stellt mit ihren Beschränkungen einen gravierenden Einschnitt in den Alltag dar, weswegen es normal sei, mit dieser Situation nicht klarzukommen. „Das macht einen auch nicht zu einem bösen Menschen“, sagt die Expertin Nell. Dennoch ist es wichtig, sich an die Auflagen zu halten, um die Pandemie einzudämmen und keine anderen Menschen zu gefährden. Eine Möglichkeit, um mit Einschnitten in die Alltagsroutine in Form einer Quarantäne klarzukommen, sei ein bewusstes Reflektieren und Nachdenken. „In  der Quarantäne bekommt man plötzlich viel Zeit, die man dafür nutzen kann.“ 

*Unsere drei Protagonist*innen heißen eigentlich anders, wollen in diesem Text aber unerkannt bleiben. Ihre wahren Namen sind der Redaktion bekannt. 

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