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„Du wirst es bereuen, keine Kinder bekommen zu haben…!“

Warum gewollte Kinderlosigkeit vor allem bei Frauen noch immer nicht akzeptiert wird.
Von Melanie Schröder
  • keine kinder
    Illustration: Katharina Bitzl

Ungefähr seit dem Teenageralter weiß ich, dass ich keine Kinder bekommen möchte. Nachwuchs passt einfach nicht in meine freiheitsliebende und unabhängige Lebensplanung. Auf diese klare Haltung erlebe ich allerdings immer wieder schockierte Reaktionen und Anfeindungen und je älter ich werde, desto schlimmer wird es. 

Als ich Anfang 20 war, war die häufigste Reaktion noch eine belustigte. Mit einem spöttischen Lächeln sagte man mir: „Das wirst du dir noch überlegen.“ Als ob es gar nicht möglich sei, diese Aussage ernst zu meinen. Denn als Frau ist es ja schließlich meine Bestimmung, Mutter zu werden, oder? Jetzt, mit Ende 20, wird meine Entscheidung zwar ernstgenommen, allerdings werde ich ständig gewarnt. Die Aussage „Du wirst es bereuen, keine Kinder bekommen zu haben!“, gehört zu den Klassikern unter den geschockten Reaktionen auf meine Ansage. Vielleicht wollen die Menschen in meinem Umfeld mich einfach dringend davor schützen, im Alter allein zu sein. Doch darf ich nicht selbst frei entscheiden, was mit meinem Körper passiert und wie ich mein Leben gestalten will? Warum überhaupt wird diese durchaus intime Entscheidung immer wieder zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen? Und warum sind Männer nicht in ähnlichem Ausmaß von diesen Anfeindungen betroffen?

 

Gewollt kinderlose Frauen berichten von ihren Erfahrungen

 

Auch Julia*, 34, befindet sich in einer ähnlichen Situation wie ich. Zwar ist eine zukünftige Mutterschaft für sie nicht gänzlich ausgeschlossen, doch im Moment kommen Kinder nicht infrage. Sie wuchs in einem kleinen Dorf auf, in dem es ganz normal ist, als Frau eben zu heiraten und Kinder zu bekommen. Erst in den vergangenen zwei bis drei Jahren festigte sich ihre Entscheidung, diesem konservativen Lebensentwurf nicht zu folgen. Dafür genießt Julia ihre Freiheit und Freizeit zu sehr. „Die größte Angst vor Kindern jagt mir der Gedanke ein, dass ein Mensch insbesondere in der ersten Zeit nach der Geburt völlig abhängig von mir ist, mich 24 Stunden am Tag beschäftigt und somit meine Freiheit einschränkt“, sagt Julia. Ihre Familie und Freunde hat sie an ihrem Entscheidungsprozess gegen Kinder teilhaben lassen, sodass ihr negative Reaktionen größtenteils erspart geblieben sind. In ihrem beruflichen Umfeld, bei einem großen Automobilkonzern, hängt sie ihre Meinung hingegen lieber nicht an die sprichwörtliche ‚große Glocke‘. Außerdem verhält sie sich gegenüber Freundinnen, die schwanger sind oder Kinder bekommen möchten, mit Meinungsäußerungen vorsichtig: „Ich möchte niemanden von meiner Einstellung überzeugen und respektiere, wenn Freunde sich Kinder wünschen“, sagt Julia. Die einzige Person, von der sie manchmal mit leichten Vorwürfen bedacht wird, ist ihre Mutter. Sie hofft auf einen noch ausstehenden ‚Hormonrausch‘ mit Ende 30. Deshalb muss sich Julia zumindest von ihr manchmal anhören, dass Kinder „doch so eine Bereicherung“ wären.

 

 

Roxy*, 27, ist hingegen in den letzten Zügen ihres Masterstudiums und hat sich bereits klar gegen Kinder entschieden. „In erster Linie schreckt mich die Gebundenheit an das Kind und den dazugehörigen Partner ab. Zusammen mit den verminderten Karrierechancen wirkt die Mutterschaft auf mich alles andere als attraktiv“, sagt Roxy. In ihrem Umfeld wird sie in ihrer Entscheidung sehr oft nicht ernstgenommen. Besonders ihre Dating-Partner äußerten wiederholt die Meinung, dass sie spätestens mit einer Schwangerschaft einen deutlichen Kinderwunsch verspüren würde. Ähnlich wie für Julia ist es für Roxy außerdem unangenehm, wenn Kolleginnen über ihre Kinder oder ihren Kinderwunsch sprechen. Ihr eigener Standpunkt wird in diesen Unterhaltungen oft als deplatziert und unangebracht empfunden. Auch im familiären und beruflichen Umfeld stößt sie immer wieder auf Unverständnis. „Im Regelfall wird nach meiner persönlichen Stellungahme sofort nach dem Grund gefragt. Danach kommt ein nachdenkliches oder schockiertes ‚Warum?’ oder es folgt direkt eine Kontrahaltung. Dann wird meist darauf verwiesen, welch ein Segen Kinder doch sind“, erklärt mir Roxy sichtlich genervt.

 

Mit meinem persönlichen Gefühl, dass bewusst kinderlose Frauen von der Gesellschaft immer noch schief angeschaut werden, bin ich also nicht alleine. Aber warum ist das immer noch so? Sollten wir 2017 nicht weiter sein?

 

Tatsächlich hat unser Bild von Frauen immer noch viel mit der Gleichsetzung von Weiblichkeit mit Mütterlichkeit zu tun, erklärt mir Prof. Dr. Paula-Irene Villa. Sie lehrt an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Soziologie und Gender Studies. Dabei setzt sie sich auch damit auseinander, dass insbesondere Frauen nach wie vor starken Beurteilungen durch ihr Umfeld ausgesetzt sind. Insbesondere in Bezug auf Reproduktionsfragen. „Schwangerschaft und Kinder gelten, nicht nur aber auch, als ‚öffentliche Angelegenheit‘, die demnach die ganze Gemeinschaft etwas angeht“, sagt Villa. Besonders im Verlauf des 19. Jahrhunderts habe sich die Idee durchgesetzt, dass Weiblichkeit sich vor allem darin verwirkliche, eine Mutter zu sein. Wer als Frau also ein anderes Lebensmodell bevorzugt, lebt - so folgt daraus – „wider seiner Natur“. Daher also auch die wiederholt auftretende Belehrung, Frauen würden es bereuen, keine Kinder zu haben. Männer seien diesem Diktat nicht im gleichen Maße ausgesetzt wie Frauen, deren Körper quasi als „Rohstoffe“ betrachtet werden. „Denn Männer gelten historisch idealtypisch als ‚Naturbeherrscher‘, die Frauen durch ihre Natur beherrschen“, so Villa.

 

Vor diesem Hintergrund lässt sich gut erklären, warum den befragten Frauen und mir die bewusste Entscheidung gegen Kinder einfach nicht geglaubt wird. Es ist für Außenstehende einfach oftmals gar nicht vorstellbar, dass Frauen sich bewusst gegen Kinder entscheiden könnten. Dass Männer nicht im gleichen Maße mit diesen Fragen und Begutachtungen traktiert werden, zeigt, dass die Diskussion immer noch in der Tradition sexistischer Denkmuster geführt wird.

 

Was sich in Zukunft ändern sollte

 

Ich möchte nicht mit jedem darüber diskutieren, warum ich keine Kinder bekommen möchte, mir keine Belehrungen darüber anhören oder mich sogar für meine Einstellung verteidigen müssen. Deshalb sollten insbesondere Personen, die mir nicht besonders nahestehen, gar nicht erst nach dem Kinderwunsch fragen. Wenn das Thema doch mal aufkommen sollte: Verkneift euch doch einfach die beurteilenden Bemerkungen! Gewöhnt euch an den Gedanken, dass es nicht wenige Frauen gibt, die keine Kinder wollen. Auch ohne Nachwuchs oder Kinderwunsch möchte ich als vollwertige Frau wahrgenommen werden.

 

Natürlich ist mir bewusst, dass viele Kommentatoren über ihre Äußerungen einfach nicht nachdenken und auch keine böswilligen Absichten hegen. Dennoch sollte die Diskussion um den Kinderwunsch kein öffentliches Small-Talk-Thema sein, bei dem jeder mal sagen darf, was er davon hält. Ein kleines Alltagsbeispiel: Selbst mein Zahnarzt findet die Frage nach dem Kinderwunsch so normal, wie den kurzen Plausch über das Wetter oder den vergangenen Urlaub. Beim letzten Routinecheck wollte er mich wohl etwas von meiner Zahnarzt-Angst ablenken und fragte mich, ob ich schon Kinder habe oder den Wunsch danach hege. Als ich beides verneinte, gab es zumindest keine Nachfragen mehr. Immerhin.

 

*Namen von der Redaktion geändert

 

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