„Was, wenn der richtige Zeitpunkt nicht kommt?“

Lena wollte immer jung Mutter werden, aber ihre Karriere ist ihr genauso wichtig.
Protokoll von Theresa Bourdick

Illustration: Julia Schubert

Vater + Mutter = Kind – das war einmal. Heute ist die Frage nach der Familienplanung hochpolitisch. Will man überhaupt welche? Was bedeutet das für die Beziehung? Und wenn man sich dafür entscheidet – geht das dann so einfach? In dieser Kolumne erzählen Menschen von ihrer Entscheidung für und gegen Kinder. 

Lena (27, Name von der Redaktion geändert) wollte schon immer unbedingt jung Mutter werden, aber ihre berufliche Karriere und finanzielle Unabhängigkeit sind ihr genauso wichtig. Das Ergebnis: das ewige Warten auf den passenden Moment und die Angst davor, dass dieser nicht kommen wird.

„Seit ich denken kann, möchte ich Mutter werden. Schon als Kind schob ich selig meinen kleinen Puppenwagen durch die Fußgängerzone, später kümmerte ich mich um meine drei jüngeren Geschwister, passte auf die Kinder in der Nachbarschaft auf, arbeitete im Sportverein und in Grundschulen. Eine logische Konsequenz dessen wäre es wohl gewesen, jung Mutter zu werden und wenn ich ehrlich bin, war das auch immer ein Wunsch von mir.

Mit 18 hat mich das Ausbleiben meiner Tage – wie wohl jede andere auch – noch in Panik versetzt. Während der vergangenen drei Jahre habe ich aber immer mehr gemerkt, dass ich gerne Mutter wäre und ich glaube, in meinem Freundeskreis würde es längst niemanden mehr überraschen, wenn ich ein Ultraschallbild aus meiner Tasche holen würde.

Dass ich arbeite, wird auch von mir erwartet

Ich bin aber nun mal eine Frau des 21. Jahrhunderts und lebe in Deutschland. Ich habe alle Möglichkeiten, beruflich erfolgreich und finanziell unabhängig zu sein und möchte das selbstverständlich auch. Abgesehen davon arbeite ich wirklich gern. Genauso hingebungsvoll, wie ich Puppenmutter war, war ich auch immer schon Lehrerin. Erst Anfang dieses Jahres habe ich das Lehramtsstudium abgeschlossen und bin nun im Referendariat. Obwohl dies eine besonders anstrengende und kräftezehrende Zeit ist, gehe ich gern in die Schule. Mein Beruf tut mir gut, er bereichert mich und ich habe das Gefühl, etwas bewirken zu können.

Dass ich arbeiten gehe, wird auch von mir erwartet. Zum einen von meiner Familie, zum anderen aber auch von der Gesellschaft. Es war selbstverständlich, dass ich mein Abitur mache und daran ein Studium anschließe. Meine Mutter sagte mir immer, ich solle mir bloß kein Beispiel an ihr nehmen. Sie hatte mich noch im Studium bekommen, war dann als Hausfrau und Mutter jahrelang zu Hause geblieben und hatte meinem Vater den Rücken frei gehalten, damit er Karriere machen konnte. Der Blick auf ihre Rentenansprüche hat sie diese Entscheidung zumindest zum Teil bereuen lassen. Bei ihrer Tochter soll dies natürlich anders sein.

Auch gesellschaftlich ist es längst nicht mehr angesehen, einfach ,nur‘ Mutter zu sein. Es ist schwer zu beschreiben, aber ich würde mich irgendwie unzureichend fühlen, wenn ich die hart errungene Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau nicht ausleben würde. Es wird einem ständig medial vermittelt, dass es möglich ist, Karriere zu machen und trotzdem Mutter zu sein. Dabei wirkt es aber oft so, als wären Kinder ein teures Hobby oder eine Art Accessoire. Das Muttersein ist eher eine Nebensächlichkeit.

Ich möchte nicht den Anschluss verlieren

Ich frage mich oft, ob das etwas ist, das ich persönlich leisten kann und möchte. Könnte ich es schaffen, wenige Wochen nach der Geburt meines Kindes wieder arbeiten zu gehen, dort selbstbewusst, gut gelaunt und konzentriert aufzutreten? Um beruflich in jungem Alter erfolgreich zu sein, wäre das sicherlich nötig und das ist es doch, was man von Karrierefrauen erwartet. Ich glaube, ich könnte es nicht. Das schlechte Gewissen gegenüber meinem Kind wäre zu groß. Ich möchte aber auch nicht die Teilzeit-Kollegin sein, die nach drei Jahren in Elternzeit völlig den Anschluss verloren hat, deren einziges Gesprächsthema ihr Kind ist und die nach wenigen Wochen wieder geht, weil sie das zweite Baby bekommt. So sehr als Mutter sehe ich mich dann eben auch nicht und auch das ist sicherlich gesellschaftlich bedingt. Ich befinde mich innerlich in einem ziemlichen Konflikt.

Ich finde (fast) alle Babys süß und auf die wenigen, die in meinem Bekanntenkreis schon Eltern geworden sind oder bald werden, bin ich immer ein bisschen neidisch. Ich beobachte in der Stadt und im Park junge Eltern und stelle mir vor, an ihrer Stelle zu sein. Man könnte das fast schon als Obsession bezeichnen, denn ich würde am liebsten jetzt schon Kleidung und Kuscheltiere für mein zukünftiges Kind kaufen, ich gucke sämtliche Dokumentationen zum Thema Baby und Kind und Vlogs von Familien mit vielen Kindern auf YouTube und ich habe in meinem Handy eine Liste mit möglichen Vornamen.

Es wäre aber nicht ,vernünftig‘, jetzt einfach zu versuchen, schwanger zu werden. Zum momentanen Zeitpunkt würde es meiner Karriere wirklich schaden. Außerdem ist ein Kind teuer, mein Einkommen und das meines Freundes noch nicht besonders hoch, unsere Wohnung zu klein und zudem im 5. Stock. Dort ein Kind hochtragen zu müssen, allein die Vorstellung ist schon schrecklich. Ein winziges bisschen Egoismus spielt sicherlich auch eine Rolle. Ein Kind würde die Beziehung zwischen mir und meinem Freund maßgeblich beeinflussen. Wir wären nicht mehr länger nur ein Paar, sondern wir wären Eltern. Alles wäre plötzlich so ernsthaft und wir hätten so viel Verantwortung. Dabei kommen wir jetzt schon völlig erledigt von der Arbeit und schaffen es kaum, uns um unsere Wohnung zu kümmern und mal etwas Gesundes zu kochen. Irgendwie also immer noch nicht der passende Zeitpunkt für ein Kind.

 

Ich muss mich wohl oder übel entscheiden

So denke ich allerdings schon seit einigen Jahren, habe immer vernünftig und rational gehandelt, in Regelstudienzeit studiert, bin gereist und habe für einige Monate im Ausland gelebt. Sprich, ich habe alles dafür getan meinen Lebenslauf ,perfekt‘ und lückenlos zu gestalten. Bis ich beruflich wirklich Fuß gefasst haben werde, bin ich aber Anfang – und wenn es schlecht läuft – Mitte dreißig. Natürlich nicht zu spät, um Kinder zu bekommen. Aber eine wirklich ,junge‘ Mutter wäre ich dann nicht.

Besonders im Hinblick darauf, dass ich mir mehrere Kinder wünsche, stört mich der Gedanke, erst in einigen Jahren damit anzufangen. Mir geht es dabei auch weniger darum, dass ich jetzt schon meine biologische Uhr ticken hören würde – obwohl biologisch gesehen Anfang 20 der beste Zeitpunkt zum Kinderkriegen sein soll – sondern es geht vielmehr darum, dass ich mich wohl oder übel entscheiden muss. Erst Karriere und dann Kinder oder ein Kind bekommen, aber dadurch beruflich eingeschränkt zu sein, noch bevor das Berufsleben so richtig begonnen hat.

Diese Entscheidung wird wohl eine der wichtigsten meines Lebens und durch meine ambivalenten Ansprüche an mich selbst, eigentlich zeitgleich junge Mutter und Karrierefrau zu sein, habe ich das Gefühl, mich bald entscheiden zu müssen. Ich habe vor allem Angst davor, am Ende unglücklich zu sein. Entweder, weil sich mein Wunsch nach einer eigenen, großen Familie nicht erfüllt oder weil ich im Nachhinein eventuell bereue, mich nicht erst selbst verwirklicht zu haben. Viele werden sicherlich sagen, dass sich alles schon fügen wird und dass ich irgendwann wissen werde, was die richtige Entscheidung für mich ist. Aber was, wenn der richtige Zeitpunkt nicht kommt?“

*Name geändert

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