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Jungliberale im Social-Media-Kampfmodus

Mit ihrem "Social Media Warroom" wollen die JuLis die FDP wieder in den Bundestag befördern. Ein Besuch.
Von Liza Marie Niesmak

Würstchen sind bei Politikern populär, um sich dem Volk  als einer von ihnen zu präsentieren. Gerade im Wahlkampf. Bei einigen Praktikanten der Jungen Liberalen (JuLis) sind sie gerade weniger beliebt. Denn seit Agnes, 19, Anna, Luca und Marvin, alle 18, Anfang Juli einen leerstehenden Imbiss in Berlin-Lichtenberg bezogen haben, steht fast täglich jemand in der Tür, der nach einer Bockwurst verlangt.

 

Die JuLis-Praktikanten müssen die Hungrigen dann weiterschicken. Ihren Imbiss haben sie mit Sitzsäcken in den FDP-Farben Blau, Gelb und Magenta ausgestattet – die riesige Kühltheke hinters Haus verbannt. Bockwürste gibt es hier keine mehr. Dafür steht mitten im Raum ein runder Tisch, darauf ein mobiler Wlan-Router, Powerbanks, Ladekabel und die Laptops der Jungs. Anna und Agnes sitzen mit ihren Smartphones lieber auf den Fensterbänken. „Social-Media-Warroom“ nennen die JuLis den Imbiss. Die jungen Leute, die hier jetzt und in den kommenden Wochen sitzen, heißen „Shitstorm-Trooper“. Bald sollen großflächige JuLis-Banner, die „Back-Shop“-Beschilderung des Imbisses überdecken und einen Hinweis darauf geben, was hier wirklich vor sich geht: Bundestagswahlkampf nämlich. Für ihre Mutter-Partei, die FDP.

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      Foto: Liza Marie Niesmak
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      Foto: Liza Marie Niesmak

 Bei der Wahl am 24. September wollen die JuLis, nachdem die FDP 2013 zum ersten Mal in ihrer Geschichte nicht genügend Stimmen bekam und aus dem Bundestag flog, ein gutes Ergebnis bei den 18- bis 34-Jährigen einfahren. Ihre Kampagne soll die „modernste und digitalste in der Geschichte der Jungen Liberalen“ werden, wie in einem Schreiben von Florian Philipp Ott, dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden und Pressesprecher der JuLis, zu lesen ist.

 

Der Imbiss ist bis Ende September angemietet. In den kommenden Wochen sollen hier „Tag und Nacht“, so stellt Ott sich das zumindest vor, bis zu zehn JuLis-Praktikanten aus ganz Deutschland sitzen und per Laptop und Telefon mit potenziellen Wählern kommunizieren. In der Theorie. In Woche eins fehlt noch der Telefonanschluss. Bisher hat noch niemand die Nacht hier verbracht. Tagsüber jedoch versuchen die „Shitstorm Trooper“ auf jeden Kommentar und jede Privatnachricht auf den Social-Media-Seiten der JuLis zu reagieren, um die „Ideen und Visionen der Jungpartei ins Netz zu tragen“, so Ott. Der Schwierigkeitsgrad ist hoch: Fake News, Hate-Speech, Trolle und Menschen, die die FDP inhaltlich ablehnen könnten den Einsatz gefährden. Und damit auch das ambitionierte Ziel: eine hundertprozentige Rückmeldequote.

 

Rund 10.000 Mitglieder haben die JuLis derzeit. In etwa so viele wie Grüne Jugend und Linksjugend [’SOLID], deutlich weniger als Jusos (70.000) und Junge Union (110.000)  Mit ihrem „Social-Media-Warroom“ setzen sie endlich das um, was man von Jungparteien schon lange erwartet: sie nutzen ihre Ressourcen für den digitalen Wahlkampf. Junge Mitglieder werden eingebunden, um Ihresgleichen zu erreichen. Während sich die digitalen Aktivitäten der deutschen Jungparteien bisher mit denen von etwa Polit-Bloggern kaum messen können, investieren die JuLis nun nach eigenen Angaben den größten Teil ihres Budgets in Social-Media-Arbeit, vor allem in den „Warroom“. Das Konzept der JuLis sei für deutsche Jugendorganisationen „sehr innovativ“, meint Martin Fuchs, Politikberater und Gründer des Blogs hamburger-wahlbeobachter. Ihm zufolge hat die FDP „von allen Parteien am besten verstanden, wie man On- und Offline kongenial miteinander verbindet und nicht mehr in getrennten Welten denkt“. Dass sich auch die Jungliberalen komplett auf Social Media konzentrieren, entspreche dieser Strategie und sei „ein vielversprechendes Konzept – insofern die Umsetzung gelingt“.

 

Und genau da hakt es noch. Am Ziel „100 Prozent Rückmeldung“ droht man bereits am vierten Tag nach Einzug in die ehemalige Würstchenbude zu scheitern. Eine Facebook-Nutzerin namens Lena R. hat den JuLis als Antwort auf einen Post zur Menschenrechtslage in der Türkei („Es reicht, Herr Erdogan“) mehrere minutenlange Sprachnachrichten geschickt. Sie wettert gegen den Irakkrieg und den Umgang des Westens mit Russland und der Türkei, fordert: „Lasst eure dreckigen Finger von anderen Ländern“ und bezeichnet die Julis als „Sklaven des Kapitalismus und der Bundeskanzlerin“.

„Jetzt macht sie aber ganz schön viele Fässer auf!“ – Luca, der gemeinsam mit Marvin für die Facebook-Kommentare zuständig ist, wirkt überfordert. Die „Shitstorm Trooper“ wurden zwar im „Schärfen von liberalen Botschaften und Claims“ geschult, bei inhaltlichen Fragen sind sie aber auf sich gestellt. „Wir versuchen auf möglichst viele Beiträge möglichst sachlich und konstruktiv zu antworten“, erklärt Marvin, der in Heidelberg Physik studiert und sich bereits in Baden-Württemberg auf Landesebene für die JuLis um Social Media kümmert. Sind die Kommentare beleidigend, versuche man dem „mit Zwinker-Smiley“ etwas entgegenzusetzen, so Marvin.

 

Absegnen lassen müssen sich die Praktikanten ihre Kommentare nicht. Dass sie so selbstbestimmt in ihren Entscheidungen sind und man ihnen Vertrauen schenkt, motiviert sie. Jeder der Praktikant hat Zugang zu allen Social-Media-Accounts der JuLis. „Ohne diese Freiheiten, würde der Warroom auch nicht funktionieren“, meint Fuchs. Gerade der bewusste Informations- und Kontrollverlust, mache die Kampagne der jungen FDP-Mitglieder so stark.

 

„Gleich nach dem Aufstehen schaue ich, was bei Twitter los ist“, sagt Luca. Vor allem den Twitter-Account der JuLis möchte er auf Vordermann bringen. Der Abiturient aus Osterrode in Niedersachsen ist direkt im Anschluss an seine Abireise nach Berlin gekommen. Er wird einen Monat im Warroom verbringen, bevor sein Bundesfreiwilligendienst bei den Johannitern beginnt. Bis März dieses Jahres war Luca nur Mitglied der örtlichen Feuerwehr, dann schloss er sich den JuLis an.

 

„Ich kann kaum erwarten, dass es richtig losgeht“, sagt Anna, an ihrem Handgelenk baumelt noch das „Nie war mehr Anfang als jetzt“-Einlassbändchen vom FDP-Sommerfest. Die gebürtige Münchnerin hat ein Jahr lang in England Politik, Philosophie und Wirtschaft studiert, im Herbst wird sie für Jura nach Passau wechseln. Bis dahin kümmert sie sich im „Warroom“ vor allem um Snapchat, Jodel und Instagram. Agnes, die aus Berlin stammt, unterstützt sie dabei. Gleichzeitig ist Agnes als „Bastelbeauftrage“ für die Verschönerung des Imbisses zuständig. Ihr erstes Projekt nach dem Streichen der Wände: der runde Arbeitstisch aus Holz. Die Einzelteile dafür kommen vom Baumarkt nebenan. Mit Farbspritzer in Gelb, Blau und Magenta verpasst Agnes dem Tisch den FDP-Feinschliff.

 

Für die FDP Wahlkampf machen, obwohl man keine Mitglied ist? Geht bei den JuLis

 

 

Was überrascht: Agnes und Anna sind keine JuLis-Mitglieder. Warum sind sie trotzdem hier? Agnes erzählt von diversen Praktika in der Tourismusbranche nach dem Abitur. „Mich interessiert der Austausch zwischen Ländern“, sagt sie. Bevor sie in den „Warroom“ wechselte, war Agnes zudem Praktikantin in der JuLis-Bundesgeschäftsstelle, wo sie sich um neue Mitglieder kümmerte. Nach den Wahlen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein sei der Ansturm groß gewesen. Ob sie selber den JuLis noch beitritt, weiß sie aber trotzdem noch nicht. „Ich möchte kein stilles Mitglied sein“, sagt sie.

 

Anna pflichtet ihr bei. In ihre Zeit an der University of Sussex fiel das Brexit-Votum. Damals gaben nur 36 Prozent der 18- bis 24-jährigen Briten ihre Stimme ab, 72 Prozent davon für den Verbleib. „Mir liegt es am Herzen, dass es gerade bei meiner Generation eine hohe Wahlbeteiligung gibt und junge Menschen ihre politische Verantwortung wahrnehmen“, sagt Anna. Mit den Positionen der JuLis kann sie sich identifizieren, doch auch Anna lässt die Frage nach dem Beitritt offen. Sie möchte erstmal „reinschnuppern“. Die Einstellung von Agnes und Anna bestätigt Erkenntnisse der aktuellen Shell-Jugendstudie: Junge Menschen wollen sich engagieren, aber nicht zwangsläufig einer Partei beitreten. Martin Fuchs findet die Einbindung von Nicht-Mitgliedern ins Kampagnenteam richtig. „Toll, dass man so politische Teilhabe niedrigschwellig ermöglicht!“

Um die Mittagszeit versammelt sich eine Gruppe Jugendlicher von der nahegelegenen Berufsschule unter der Markise vor dem Imbiss. Sie tragen enge schwarze Jeans, überlange Pullover, silberne Ketten und ihre Caps verkehrt herum. Neugierig schielen sie immer wieder zum Fenster rein. Dabei lachen sie und unterhalten sich. Luca macht schließlich die Tür zu. Nicht der Jugendlichen wegen, sondern weil auf der anliegenden Hauptstraße Sirenen heulen und Regen auf die Markise prasselt. „Viel Spaß noch“, sagt einer der Jugendlichen, bevor die Tür schließt.

 

Eine Weile beobachten sich JuLis und die Jugendlichen gegenseitig durch die Glasscheibe. „Ich freue mich darauf, mit fremden Leuten in den Dialog zu treten“, hat Agnes zu Beginn des Tages gesagt. Und nun? Schließlich betreten drei der Jugendlichen doch noch den Imbiss. Zwei Syrer und ein Afghane im Alter von 15 bis 17 Jahren. Es sind Flüchtlinge, zwischen sechs Monaten und zwei Jahren im Land. Sie sprechen gut Deutsch. „Ähm, was macht ihr hier?“, fragt einer von ihnen.

 

Die „Shitstorm Trooper“ blicken von ihren Laptops auf. Etwas zeitverzögert schalten sie von digitaler auf analoge Kommunikation. „Wo kommt ihr her?“ und „was macht ihr so?“, wollen Agnes und Anna wissen.  Marvin und Luca hingegen nutzen die Chance, um zu erklären, wer die JuLis sind und was man in einem „Warroom“ so macht. Die jungen Gäste stören sich an dem Militärbegriff nicht, falls sie ihn überhaupt bemerken. Einer von ihnen zückt sofort sein Handy, abonniert die JuLis-Facebook-Seite und liked ein paar Beiträge. Luca freut sich: „Ein Follower mehr – morgen ist er JuLis-Mitglied!“

 

Die Flüchtlinge, zwei von ihnen lassen sich zu Friseuren ausbilden, beklagen gerade ihre Haarschnitte, da kommt Tjark Thönßen, Presse- und Kampagnenreferent der JuLis, durch die Imbisstür. Er betreut die „Trooper“ und ist für Organisatorisches zuständig. Als er den Besuch bemerkt, scherzt er: „Bei Wählerkontakte könnt ihr schon mal eine drei hinschreiben“.

 

Dabei sollte dort mindestens „100“ stehen. So viele Kommentare beantworten Luca und Marvin an diesem Tag allein zum Erdoğan-Post. „Der Warroom kommuniziert mit unserer Zielgruppe dort, wo sie zu finden ist: in den sozialen Medien“, sagt Thönßen. Dass sich junge Menschen beständig im Internet aufhalten, ist 2017 natürlich keine neue Erkenntnis. Doch wie die JuLis darauf reagieren, mit einer langfristigen Social-Media-Offensive, ist neu.

 

„Katrin Göring-Eckardt hat keine Ahnung, was sie twittert“

 

“Rapid Response Einheiten“ nennt Social-Media-Berater Martin Fuchs solche zentral gesteuerten Teams. Vergleichbar mit den Notfallteams in Krankenhäusern, die bei Bedarf sekundenschnell reagieren müssen. „Rapid Response Einheiten sind für das Monitoring, die Reaktionsfähigkeit und das groß machen von Themen Gold wert und die Grundlage eines erfolgreichen Netzwahlkampfs“, so Fuchs.  Kampagnenzentralen habe es zwar bereits Ende der 90er Jahre gegeben, erklärt er, jedoch nicht bei den Jugendorganisationen und nicht explizit für Social Media. Bei anderen Parteien existieren ähnliche Konzepte, wie etwa die Netzfeuerwehr der Grünen, doch die sei nicht an einem Ort, sondern virtuell verteilt. Und auch die diversen „3-Tage wach“-Aktionen, bei der die Grünen Wählerfragen im Netz beantworteten, waren nur temporär.

 

Sind alle Kommentare abgearbeitet, grasen die „Shitstorm Trooper“ das Netz nach relevanten Artikeln, Posts und Tweets ab. Insbesondere Spitzenpolitikern haben sie im Visier. Trifft jemand eine Falschaussage? Stellt er sich gegen JuLis-Positionen? Heute wird Luca schnell fündig: „Katrin Göring-Eckardt hat keine Ahnung, was sie twittert“, ruft er. Auf seinem Bildschirm hat er einen Tweet der Grünen-Politikern geöffnet, die einen Frankfurter Rundschau-Artikel mit „Nur die Grünen wachsen noch“ retweeted hat. Keine zwei Minuten später erscheint Lucas Protest im Namen der JuLis: „Artikel zu Ende gelesen? Auch die @fdp hat letztes Jahr um 1,3% zugelegt“. Für den schnellen Faktencheck gibt es immerhin 17 Herzchen.

Nachmittags wird es in der ehemaligen Würstchenbude ruhiger. Zwei der Praktikanten haben sich bereits ins Wochenende verabschiedet. Gegen 16 Uhr ein kleines Highlight: Der Amazon-Prime Kurier bringt ein Paket mit Gummibärchen, Chips und Club Mate. Mehr Startup-Romantik geht nicht. Mit den selbstgewählten Arbeitszeiten, dem kommunikativen runden Tisch und der Gründermentalität, hat der „Warroom“ viel von einem Start-Up. „Ein Wahlcountdown bei Jodel?“ „Starwars Binge-Watching im Shitstorm Trooper Headquarter?“ – immer wieder wirft jemand eine Idee in den Raum. Ist bei einem Trooper die Luft raus oder die Überforderung zu groß, übernimmt ein anderer.  „Alle Wahlkämpfer vor Ort zu haben, motiviert ungemein, macht alle kreativer und ist ein guter Schutz, wenn beispielsweise eine Hasswelle über die Communitymanager einbricht“, sagt Martin Fuchs.

 

 

Eine solche Hasswelle, ein richtiger Shitstorm, ist den „Shitstorm Troopern“ auch vier Wochen nach Start des „Warrooms“ bisher erspart geblieben. Stattdessen: rund 1.000 neue Fans bei Facebook und knapp zusätzliche 500 Twitter-Follower innerhalb eines Monats – deutlich mehr als üblich bei den JuLis. Auch die Neubeitritte sollen im Juli überdurchschnittlich hoch sein, sagt Tjark Thönsen. Hält der Erfolg an, könnten die JuLis über eine „Die Rückkehr der Shitstorm Trooper“ nach der Bundestagswahl nachdenken.

 

 

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