Als ich Housesitter bei den Hippies war - Folge zwei der Kanadakolumne

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Erst drei Wochen sind vergangen, seit ich in Vancouver gelandet bin, aber es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Ich bin mir sicher, dass für meine Freunde in Deutschland die Zeit wie im Fluge vergangen ist. Erst langsam wird mir bewusst, dass ich nicht nur Urlaub mache, sondern mir in Kanada ein neues Leben aufbaue. Ein Gedanke, der gemischte Gefühle auslöst. Doch ich konzentriere mich im Moment darauf, alles spannend zu finden. Außerdem will ich jetzt nicht sentimental werden. Zu einem „richtigen“ Kanada-Erlebnis gehört Natur, und die wartet schon zwanzig Minuten außerhalb von Vancouver. Doch bevor ich Berge besteige, zieht es mich ans Wasser. Bekannte von Bekannten suchten jemanden für ihre Farm, während sie mit den Kindern Freunde besuchen - zehn Tage Farmsitting auf Hornby Island, einer kleinen Hippie-Insel zwischen Vancouver und Vancouver Island. Die Insel aus River Tuckers Sicht:

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Drei Fähren und fast einen ganzen Tag Reisezeit braucht man, um auf die Insel der Aussteiger zu gelangen. Im Tausch gegen das Hüten der Ziegen, Hühner, Enten und Katzen gibt es einen wunderschönen Ausblick. Die Hobbyfarm liegt direkt an einer Klippe, nur ein paar Meter vom Meer, mit Blick auf die Berge auf Vancouver Island. Nur einen kurzen Spaziergang entfernt lebt eine Robbenkolonnie, einige habe ich schon gesichtet. Die Robben sind hier riesig. Mit meiner Freundin wohne ich in dem kleinen Holzhaus, in dem sonst die Hippieeltern und ihre drei Kinder wüten. Für gewöhnlich wird Housesitting bezahlt, aber, wie die meisten auf der Insel, hat die Familie nicht viel Geld und ich bin glücklich über die paradiesische Lage. Meine ersten Gummistiefel Kurz vor meiner Fahrt nach Hornby Island habe ich glücklicherweise Gummistiefel erworben, das erste Paar meines Lebens. Bisher hatte ich mich erfolgreich geweigert, aber Gummistiefel gehören zur Westcoast-Ausrüstung und ohne sie wäre ich hier wahrscheinlich im Schlamm versunken. Hatte ich schon erwähnt, dass ich ein absolutes Stadtkind bin? Nicht, dass ich nicht bereit wäre, passendes Schuhwerk zu tragen. Aber nach vier Tagen wage ich kaum einen Blick in den Spiegel. Ich habe keine Frisur mehr, weil ich wegen des pfeifenden Windes immerzu Mützen trage und habe eben das erste Mal seit Vancouver geduscht. Zwar gibt es fließendes und warmes Wasser, aber die Dusche war so eklig, dass die Not größer werden musste als der Ekel. „Unser Wasser ist sehr rostig, das Bad sieht nur dreckig aus, ist aber toll“, sagte die Hippiemutter bevor sie davon fuhr. Später wusste ich dann, warum sie es bei der Hausführung ausgelassen hatte.

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Illustration: Julia Schubert

River Nachdem bei Einbruch der Dunkelheit alle Tiere wieder in Stall und Käfig sind, bleibt mir meist nur noch Energie für Abendessen und eine Partie Backgammon. Danach kommt nur noch Müdigkeit. Ich bin mir deshalb noch nicht sicher, ob dieses Paradies auf Dauer nicht zu langweilig wäre. Für kurze Zeit aber kann ich dem Ganzen die nötige Kanada-Romantik abgewinnen.

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Illustration: Julia Schubert

Mit Ziegen. Eigentlich gibt es einen DVD-Spieler im Haus, doch der ist grad kaputt. So wie fast alles in diesem Haushalt. Es gibt so einige Vorurteile über Hippies, die sich hier bestätigen: Herausragend sind Eigenschaften wie „unordentlich“ und „schlampig“ und wenn ich das sage, heißt das schon einiges, denn ich bin alles andere als ordentlich. Überhaupt höre ich mich immer wieder „verdammte Hippies“ schimpfen, wenn ich im Hof über Kinderspielzeug stolpere oder mir den Weg durch das Chaos im Stall bahne. Ich muss zugeben, dass mich langsam die Angst verfolgt, es könnte doch so etwas wie Hippie-Gene geben, die dafür sorgen, dass ich nach einem Jahr Kanada total esoterisch, nach Patchouli riechend und schlecht gekleidet daher komme. Nein, ich will kein Hippie sein, nur weil meine Eltern es waren! Da kann die Natur noch so schön sein. Geheimnisse über Kanada Wenn ich nächste Woche zurück in Vancouver bin und der Farmalltag weit weg, werde ich mich nach der Naturidylle sehnen, Nach Rehen, die einem beim Joggen über den Weg laufen und nicht sofort weg rennen, da Jagen auf Hornby Island verboten ist und die Tiere weniger Angst vor Menschen haben. In Vancouver fängt dann der Ernst meines neuen Lebens an: Wohnungssuche, Jobsuche, Ämterangelengenheiten, neue Freunde finden - alles, was zu einem neuen Leben gehört. Die ersten, die vielleicht Freunde werden könnten, waren kurz vor Hornby Island zu meiner „Secretly Canadian“-Party geladen. Alle mussten ein kanadisches Gericht und ein Geheimnis über Kanada mitbringen. Ich hingegen beglückte meine Gäste mit deutschem Kartoffelsalat und, noch viel wichtiger: deutschem Bier. Noch nie habe ich mich so sehr über Radeberger Pilsener in Dosen gefreut, das bisher nicht zu meinen Favoriten zählte. Ich lerne, dass in Multikulti-Kanada am Ende jede Küche kanadisch ist. So kommen Spezialitäten wie Poutine, Pommes mit Käse und Bratensoße, ebenso auf den Tisch wie Sushi. Nur ein Gast meckert, Sushi sei ja wohl nicht typisch kanadisch. Doch alle anderen im Raum lassen keinen Zweifel daran, dass Sushi Teil der kanadischen Küche sei, besonders in Vancouver. Die Stadt liegt nicht nur direkt am Meer, sie hat zudem auch noch eine große japanische Community und ist damit der ideale Ort für Sushi-Liebhaber. Nach dem Essen müssen alle ihre Geheimnisse kund tun, was einer alternativen Geschichtsstunde gleicht. Weniger bekannte Details über die Geschichte der First Nations (zu deutsch Ureinwohner), das Frauenwahlrecht und kanadische Arbeitslager während des Zweiten Weltkriegs werden vorgetragen. Am Ende sitzen alle mit betrübten Gesichtern am Tisch und sorgen sich, die Party-Stimmung ruiniert zu haben. Ich hingegen freue mich und erkläre, dass sich das komplett mit meinem deutschen Geschichtsbewusstsein deckt und wir stoßen an. Für den Moment hat sich Kanada gar nicht mehr fremd angefühlt. 100 Tage bis zu den Olympischen Spielen - die nächste Folge kommt in 10 Tagen

Text: river-tucker - Fotos: privat, hornbyisland.com

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