Braucht die Welt mehr Kanada? – Folge neun der Olympia-Kolumne

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Ein Besuch in Downtown Vancouver zeigt, wie nah die Olympischen Winterspiele gerückt sind. Nur wenige Geschäfte haben keine besondere Olympia-Werbung im Schaufenster – Ahornblätter, Biber, das kanadische Maskottchen, und Kanadaflaggen so weit das Auge reicht. "The World needs more Canada" bewirbt eine große Buchhandlung sämtliche Bildbände und Bücher über Kanada im Allgemeinen, Bären, Berge und Biber im Besonderen. Wer soll das alles lesen? Die ersten "Volunteers" laufen durch die Straßen, tausend freiwillige Helfer unterstützen die Winterspiele. Nach zahlreichen Schulungen haben sie jetzt endlich ihre Ausrüstung bekommen und tragen stolz den Olympia-Ausweis um den Hals. Seit dem 1. Februar sind alle Busfahrer auf Olympia-Fahrplan, die Busse sollen jetzt öfter kommen und den fließenden Verkehr garantieren. Da einige Straßen während der Winterspiele gesperrt sind und Parken auf vielen Hauptstraßen zu Gunsten der Olympia-Spur verboten ist, sind die Einwohner aufgerufen die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Es wird mit überfüllten Bussen und Bahnen gerechnet. Kaum dass die Busse ihre Frequenz erhöht haben, warte ich vergebens an der Haltestelle - und natürlich regnet es. Neben mir stehen zwei Männer, die ebenfalls den „Vancouver 2010“-Ausweis um den Hals tragen. Ich freue mich und erwarte, jetzt endlich mal mit begeisterten Kanadiern zu sprechen.

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Illustration: Julia Schubert

"Ja, wir sind euphorisch, aber nur weil wir nicht in Vancouver leben", erzählt Michael, der aussieht wie Bruce Willis. "Wir können begeistert sein, wir gehen ja nach Toronto zurück und müssen nicht für Spiele bezahlen", erklärt sein Kollege und lacht. In Downtown herrscht eine aufgeregte Stimmung, Vorfreude ist spürbar. Viele Touristen sind schon zwei Wochen vor den Spielen angereist. Neben den Touristen bestimmen jetzt auch die Kamerateams und Fotografen das Straßenbild. Das ZDF auf der Couch Die internationale Presse reist nach Vancouver und saß auch schon bei mir im Wohnzimmer. Durch meine jetzt.de-Kolumne wurde das Team von Mona Lisa auf mich aufmerksam. Plötzlich bin ich selber Teil der Berichterstattung. Gestern Mittag bekomme ich eine SMS aus Deutschland: "Ich habe Dich im Fernsehen gesehen und mich total erschrocken, aber auch gefreut", schreibt eine Freundin, die erste Ausschnitte im ZDF gesehen hat. Der Medienhype um meine neue Heimat bringt mich und meine zurück gelassenen Freunde näher. Ohne die Olympischen Spiele hätte niemand ein Bild von der Stadt vor Augen, für die ich Deutschland verlassen habe. Jetzt wird täglich "Vancouver-Reklame" gesendet. Bei meinem letzten Anruf in Deutschland erfahre ich, dass Vancouver fast täglich auf dem Bildschirm zu sehen ist und der Hype schon fast zu viel sei. Interessant finde ich Berichte über die zunehmenden Immobilienkäufe in Vancouver, die offenbar ein Bild zeichnen, dass jetzt alle Welt in Vancouver investiere und die Stadt total angesagt sei. Das macht mich misstrauisch. Denn der Leihzins ist derzeit extrem niedrig, eine Nachwehe der Finanzkrise und Indikator dafür, dass die Nachfrage noch nicht wieder gestiegen ist. Meines Erachtens reden Immobilienmakler die Nachfrage schön, um mehr Interesse zu wecken, denn noch sind die Spiele nicht vorbei und das Geschäft noch nicht gemacht. Auch wenn in vielen Wohngegenden Häuser noch immer auf hohem Niveau angeboten werden, fallen die Immobilienpreise insgesamt. Neulich erzählte mir eine Immobilienmaklerin, dass sie ein Appartementhaus für 100 000 Dollar weniger anbietet als noch im letzten Jahr. Vielleicht sollte ich froh über die Folgen der Finanzkrise sein. Ohne den Einbruch an den Märkten wären die Immobilienpreise in Vancouver sicherlich, dank Olympia-Aufschlag, noch viel höher. Ich bin auch froh, dass die Mieten nicht mehr gestiegen sind, das Mietniveau in den letzten zwei Jahren eher gesunken ist, denn schon bald endet meine Zwischenmiete. Meine Prognose: Nach den Winterspielen wird eine künstliche Blase zerplatzen. Noch im letzten Sommer dachten alle, dass sie ihre Häuser und Wohnungen zu gigantischen Preisen untervermieten können- das wurde nur zum Teil Realität. Nichtsdedotrotz versuchen viele, so viel Kapital aus den Winterspielen zu schlagen, wie möglich. Nicht ohne Grund schrieb mir eine jetzt.de-Userin mit der Bitte, ihr bei der Suche nach einem bezahlbaren Zimmer zu helfen. Sie macht ein Praktikum im Deutschen Haus und wollte die horrenden Preise nicht zahlen. „The German House“ hat schon jetzt für Hohn gesorgt. Die Deutschen gastieren auf dem Campus der "Simon Fraser"-Universität, der etwas außerhalb auf einem kleinen Berg gelegen ist, damit haben sie sich einen der dezentralsten Orte der Stadt ausgesucht hat. Die Schweizer dagegen sind toll auf Granville Island untergebracht, einer hübschen Touristenattraktion mit alten Markthallen und öffentlicher Kunst, am gegenüberliegenden Flussufer von Downtown. Viele andere europäische Nationen sind direkt Downtown untergebracht. Nur die Deutschen verstecken sich auf dem Uni-Campus weit im Osten der Stadt. Für alle, die dort arbeiten und feiern wird das eine isolierte Angelegenheit. Die Welt zu Gast in Kanada – man muss nur wissen wo man absteigt.

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