Das beknackteste Silvester meines Lebens

Der 31. Dezember soll der beste Abend des Jahres werden und hat deshalb alle Anlagen, besonders mies zu enden - vier Erinnerungen aus der jetzt.de-Redaktion
jetzt-Redaktion
Default Bild

Illustration: Julia Schubert



Im Angesicht der Ex meines Freundes
Bevor ich von dem schlimmsten Silvesterabend der letzten paar Jahre erzähle, muss ich eines vorwegschicken: Eigentlich bin ich überhaupt nicht zickig. Wenn mir mein Freund ein Kompliment machen will, sagt er meist: „Du bist überhaupt nicht zickig.“ Es stimmt wirklich. Ich hatte noch nie mit einer Freundin Streit, ich war noch nie beleidigt wegen eines verspäteten Geburstagsanrufes, ich lästere nicht über Kolleginnen und lasse auch keine Türen krachend hinter mir ins Schloss fallen, weil mir im Streit die Argumente ausgehen. Ich hielt es jedenfalls für eine gute Idee, mit meinem Freund in dessen Heimatdorf zu fahren, um dort mit dessen alter Clique ein lustiges Silvesterfest zu feiern. Obwohl ich wusste: Zur alten Clique meines Freundes gehört auch dessen alte Freundin.

Ein halbes Jahr vor besagtem Silvesterfest hatte ich sie an der Seite meines Freundes abgelöst. Ich nahm also an, sie würde mich hassen - und hatte mir fest vorgenommen, die arme Verlassene einfach zu ignorieren. Um ihr nicht zufällig über den Weg zu laufen, um sie nicht zufällig zu provozieren, musste ich sie natürlich ständig im Blick behalten. Ich sah wie sie sich laut lachend mit ihren Freundinnen unterhielt und war mir sicher, die gackernden Hühner lachten mich gemeinsam aus. Ich sah, wie sie ein paar Worte mit meinem Freund wechselte und war mir sicher, sie würde ihn irgendwelche Vorwürfe machen. Wie er es wagen könne, mich hierher mitzunehmen. Ich sah mir ihre Kleidung an und verglich jeden Zentimeter ihres Körpers mit meinem. Wie konnte er nur! Ich fing an, wütend zu werden. Sie die Arme, ich die Böse. Ich fand das ungerecht.

Während ich irgendwelche Small-Talk Gespräche mit den Kumpels meines Freundes führte, suchte ich innerlich nach schlagfertigen Sätzen für den Fall, dass sie mir plötzlich von hinten auf die Schulter tippen und mit bösen Blick „Wir müssen reden“ ins Gesicht sagen würde. Der Alkohol wirkte überhaupt nicht, das Käsefondue schmeckte furchtbar nach Kirschwasser. Um Mitternacht überlegte ich ernsthaft, sie einfach zu ohrfeigen. Umarmen würde ich sie auf keinen Fall.

Als ich sah, dass sie auf mich zugelaufen kam, blickte ich starr auf den Boden und drehte mich in die andere Richtung. Es half nichts. Ganz freundlich stellte sie sich vor und wünschte mir ein gutes neues Jahr. Es war nichts Gekünsteltes oder gar Ironisches in ihren Sätzen. Ich merkte, dass es ihr viel Überwindung abverlangte, aber sie versuchte ernsthaft, Freundschaft mit mir zu schließen. Ich hingegen presste ein paar einsilbige Wörter durch die Lippen und verzog keinen meiner Mundwinkel zu einem Lächeln. Alles an mir reagierte unfreundlich und damit lächerlich. Ich wollte darüber am liebsten aus der Haut fahren und sämtliche Türen laut hinter mir zuknallen. Vermutlich hatte sie den ganzen Abend über kein schlechtes Wort über mich verloren. Vermutlich hatte sie mich ihrem Freund längst verziehen. Sie war ein nettes, super unzickiges Mädchen.

Und damit mir überlegen. Ihren Mut hätte ich nicht gehabt. Das ist keine schöne Erkenntnis zu Beginn eines neuen Jahres.

Text: Anna Kistner


Schlaftrunken am Titicacasee
Wir waren in Bolivien und Peru und Ecuador unterwegs. Diese Länder muss man mit Bussen bereisen, weil es mit dem Auto wahnsinnig unbequem ist und weil es dort noch nicht soviel Eisenbahn gibt, wie es bräuchte. In einer Stadt am Titicacasee war für den Silvesterabend eine Fiesta angekündigt. Jedenfalls hatte man uns das an mehreren Stellen gesagt, von Trachtenumzügen und was ganz Traditionellem war die Rede. Da horcht man als Tourist ja immer auf. Wir kamen mit dem Bus von ganz unten, also von circa 1300 Meter Meereshöhe in einem Kaff in Peru. Und der Titicacasee liegt hoch oben auf fast 4.000 Metern Höhe. Dieser Unterschied spielt eine Rolle. Jeder warnt, dass es einem schlecht wird, wenn man zu schnell hochfährt. Wir haben es trotzdem gemacht. In den Bus und hoch. Im Bus saß hinter mir und meiner Freundin ein Pärchen aus der Schweiz. Sie waren die einzigen Gringos im Bus und wir versuchten deshalb schon beim Einsteigen ein bisschen Konversation. Man weiß ja nie, ob man nicht nochmal zusammenhalten muss. Aber die beiden verzichteten darauf, uns zu grüßen und zu beachten. Wir saßen und schwiegen, kein Austausch. (Waren sie sauer, weil wir auch zur geheimen Feier fuhren? Touristenneid?) So brummten wir zwölf Stunden durch Peru und mussten einmal wegen einer Überschwemmung und gesperrter Straße pausieren. Erst gegen 22 Uhr erreichten wir am letzten Abend des Jahres die versprochene Stadt. Die Schweizer waren noch da. Wir waren an unserer Grenze. Die lange Fahrt, die dünne Luft, das Ganze war zuviel. Wir mussten uns hinlegen, schnauften mächtig und stellten uns den Wecker auf 23.30 Uhr. Ich habe noch nie am Silvesterabend die Snoozetaste meines Handys benutzt, aber an dem Abend war es soweit. Erst als ich um 23.50 Uhr auf das Handy sah, weckte ich meine Freundin, wir zogen uns an, eilten in die Straße, kauften eine billige Pulle Sekt, zwölf, wir stießen an und tranken sehr schnell das Zeug in uns rein. Auf dem Marktplatz waren viele Trachten und die Schweizer. Wir prosteten ihnen zu, ein letzter Akt der Vergemeinschaftung an einem so wichtigen Tag. Aber vielleicht haben sie uns einfach nicht gesehen. Oder waren selbst benommen. Nach zwanzig Minuten waren wir dann fertig. Körperlich fertig. Touristenburnout. Wir gingen ins Hotel und schliefen bis 10 Uhr. Um 10.30 Uhr sollte ein Kleinbus die vorhandenen Touris und uns zu einer steinernen Sehenswürdigkeit fahren. Wir hatten uns angemeldet, waren ausgeschlafen und kletterten in den Bus. Die einzigen Gäste neben uns waren die Schweizer. Wir grüßten nicht. Sie sagten fröhlich „Bonjour“. Ich sah meine Begleitung an und kapierte nichts. Das Jahr begann also normal.

Text: Peter Wagner
Zuviel gewollt
Die Zutaten unerfüllte Liebe, Silvester-Böller und zwei konkurrierende Partys in einer Stadt müssen nicht sonderlich gekonnt zusammengefügt werden, um zu einem katastrophalen Abend zu führen. Es reicht die bloße Aneinanderreihung und schon hat man einen schweren Kopf und ein schweres Herz. So geschehen am Silvesterabend meines letzten Schuljahrs in meiner Heimatstadt. Ich war schon sehr lange und sehr unerfolgreich in ein Mädchen meiner Stufe verliebt. Meine Freunde wollten das neue Jahr im Westen der Stadt begrüßen, meine Mitschüler (und sie) feierten im Osten. Ich löste das Dazwischensein so: Bis Mitternacht viel trinken im Westen, dann mit dem Rad und großen Erwartungen in den Osten. Dort noch mehr trinken. Am frühen Morgen mit dem Rad, enttäuschten Erwartungen und einem dicken Schädel wieder zurück. Ein Jahr kann kaum schlechter beginnen.

Text: Christian Berg

Mein blödestes Silvester sollte natürlich eigentlich das beste werden, wie immer. Gerade weil man jedes Jahr wieder mit zu großen Erwartungen in diesen Abend startet, kann er eigentlich nur misslingen. Dieses Silvester war aber noch wichtiger als die anderen, denn es war die Jahrtausendwende. Ich wusste, meine Enkel würden mich danach fragen, wie ich dieses unglaubliche Ereignis begangen hatte. Noch dazu war ich 20 und mit Herzdame ausgestattet, hatte also Jugend, Liebe und den historischen Moment auf meiner Seite. Nur wie die drei angemessen unter einen Hut kriegen? Im Vorfeld sichteten wir das Angebot an Partys in der näheren Umgebung: alles Durchschnittskram, alles Mainstream-2000-doof. Irgendwie teilten wir auch die krude Annahme, es würde bei diesem Knallerdatum alles von alleine gehen, Menschenmassen auf der Straße sich in die Arme fallen und dazu gäbe es volldröhn Beethoven aus allen Fenstern.

Wir wohnten in einem mittelgroßen Ort am äußeren Münchner S-Bahnnetz und bis uns dämmerte, dass hier, zwischen Pizzeria Sardo und Uschis Dessous-Lädchen doch eher keine spontane Blocparty starten würde, war die Zeit für große Planungen ohnehin zu knapp. Also neue Parole: Nach dem Fondue bei den Eltern in die Stadt düsen und dort würde sich dann alles von alleine ergeben, eine Million Menschen würden feiern und wir mittendrin, klare Sache. Der Abend kam. Das Fondue dauerte, wie das so ist, länger als geplant. Meine kleine Schwester wollte noch Bleigießen, danach war es schon halb elf. Jetzt aber schnell in die S-Bahn. Mein Vater stattete uns noch stolz mit einer Flasche Sekt aus, Spezial-2000er-Edition inkl. Goldflitter. Die S-Bahn verpassten wir knapp. Ich wurde, Flasche und Freundin im Arm, ziemlich hibbelig und wollte keinesfalls um null Uhr irgendwo zwischen Pasing und Hackerbrücke stehen. Irgendwie haben wir uns wegen dieser Hetze ein bisschen gestritten dann, jedenfalls war die Fahrt mit der ziemlich leeren S-Bahn durch die letzte Nacht des alten Jahrtausends stumm und nervös.

Endlich, Marienplatz, noch zehn Minuten hatten wir. Wohin jetzt? Oben war viel weniger Volk als gedacht. „Vor die Oper!“ rief ich und stellte mir das als romantischen Bringer vor: Auf den Stufen der Oper leicht erhöht in die Stadt gucken .... . Der Opernplatz aber glich einem Aufmarschplatz mehrere verfeindeter Heere. Es war so eng wie bei einem Festival weit vorne an der großen Bühne, nur dass die Leute nicht so freundlich waren. Jeder kämpfte mit Flaschen, Anorak, Raketen um einen Platz. Die Stufen, auf denen ich sitzen wollte, waren schwarz vor Menschen. Durch das Gedränge kamen wir kaum vorwärts und dann war es einfach so, mitten zwischen Ziehen und Schieben Null Uhr geworden. Wir konnten uns kaum eine Sekunde in die Augen sehen, dann brach die Hölle um uns los. 10.000 Angetrunkene gingen zum Nahkampf über, ausgestattet mit leichter bis mittelschwerer Artillerie. Die Raketen flogen waagrecht an unseren Köpfen vorbei, von den Treppenstufen wurden zehn Kugelspucker auf einmal in die Menge gefeuert, es hagelte Böller, Flaschen, Suffköpfe. Noch nie war mir diese nette Stadt so feindlich vorgekommen wie in diesen zehn Minuten, in denen ich meiner Freundin die Donnerschläge aus der Kapuze fischte und mich vor fliegende Scherben warf. Am Rand in einer Seitenstraße war es etwas ruhiger. Da, mit Blick auf diese wüste Menschheit, hatten wir wenigstens noch eine Flasche Sekt. Ich öffnete sie und stellte sie für eine Sekunde am Boden ab, um die Handschuhe wieder anzuziehen. In diesem Moment brach eine Gruppe Jungs hinter uns aus der Tür und rempelte vorbei. Die Flasche war hin, ich sah die Goldflitter auf dem Kopfsteinpflaster traurig blinken. Spätestens danach war ich reif für den goldenen Woyzeck-Orden am Bande und nicht in der Lage noch irgendwohin zu gehen, der Menge in die Clubs zu folgen. Vermutlich hätten wir genau das machen sollen. Stattdessen saßen wir um halb zwei wieder in der S-Bahn und fuhren schwer umwölkt und sehr kleinlaut in dieses neue Jahrtausend.

Text: Max Scharnigg


Text: jetzt-Redaktion - Foto: dpa

  • teilen
  • schließen