Eine Wohnung in Vancouver: Folge 7 der Kanada-Kolumne

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Ein neues Jahr, eine neue Dekade und ein neues Leben in Kanada liegen vor mir. Knapp drei Monate wohne ich jetzt in Vancouver und pünktlich zum Jahreswechsel bin ich endlich in mein eigenes Apartment gezogen. Damit legt sich auch das Gefühl, im Urlaub zu sein. Außerdem haben mich Weihnachten und Silvester daran erinnert, dass ich meine Freunde und Bekannte nicht einfach spontan besuchen kann.

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Illustration: Julia Schubert

Ich finde Vancouver jeden Tag aufs Neue wunderschön, daran ändert auch mein gelegentliches Heimweh nichts. Immerhin kann ich von meinem Balkon aus die Berge im Norden sehen, und wenn das Wetter mitspielt, reicht mein Blick sogar bis zu den Bergen im Osten, die schon im US-Bundesstaat Washington liegen. Meine Wohnungssuche verlief überraschend entspannt - und das, obwohl im Vorfeld der Olympischen Spiele die Mieten steigen, Häuser niedergerissen und Mieter schon auf die Straße gesetzt wurden. Die Stadt wird aufpoliert, doch ich bin, glücklicherweise, nicht betroffen. Ich bin in so manche politisch korrekte WG mit hippen Kunststudenten gestolpert. Die Befragungen am Küchentisch glichen eher einem Kreativitätswettbewerb - wie cool und kreativ kannst du vortäuschen zu sein? Am besten, man ist nebenbei noch DJ oder Modedesignerin. Alle sind natürlich super tolerant. Weiße Kunststudenten erklären in ihren Inseraten „open minded“ und nicht rassistisch oder homophob zu sein - wenn das so einfach wäre. Alle sind „pet friendly, bike friendly, vegan friendly, gay friendly“- nur Pflanzenfreundlichkeit ist mir noch nicht unter gekommen. Dafür lerne ich, dass der Code „420 friendly“ Marihuana-freundlich bedeutet – eine wichtige Information auf dem Wohnungsmarkt in Vancouver. Am Ende entscheide ich mich doch erst Mal gegen soziale Kontakte und für eine Zwischenmiete. Denn, anders als in Berlin, wo viele ihre Wohnung für mehr Geld vermieten, scheint das in Vancouver ein Weg zu sein, um an bezahlbare Wohnungen zu kommen. Immerhin zahle ich 150 Dollar weniger als für die eigentliche Miete veranschlagt wird. Leben auf dem Broadway Ein paar Blocks von meiner Wohnung entfernt treffen sich die Skater der Stadt. Der China Creek Skatepark ist einer der ältesten Skateparks in Nordamerika und wurde vor ein paar Jahren von den Anwohnern und der Skatergemeinde vor dem Abriss bewahrt. China Creek, so heißt mein neuer „Kiez“, ist eine reine Wohngegend und liegt zwischen zwei In-Bezirken. Zehn Minuten Richtung Osten liegt Commercial Drive, hier nur „The Drive“ genannt. Traditionell ein italienischer und portugiesischer Einwandererstadtteil, der mittlerweile von Bioläden, Coffee Shops mit fair gehandeltem Kaffee, und Second Hand-Läden dominiert wird. Altgewordene Hippies leben hier ebenso wie junge Hipsters und alt eingesessene Einwandererfamilien. Ich wohne direkt am Broadway, was allerdings weniger aufregend ist als es klingt. Die Party startet weiter westlich. Dort sind ebenso viele hippe, urbane Zeitgenossen in Cafés, Galerien und Pubs unterwegs. Der Bezirk ist seit 100 Jahren von japanischen, chinesischen und ostasiatischen Einwanderen geprägt. In jüngster Zeit haben sich hier auch viele Osteuropäer niedergelassen. Deutschland ist so sauber In meiner Wohnung erinnern Poster und Kühlschrankmagneten an Berlin. Für mehr Heimatgefühl habe ich zudem meine Matratze einfliegen lassen. Dank einer befreundeten Stewardess konnte ich die (plus ein paar leichte Umzugskartons) zu einem Schnäppchenpreis mit nach Vancouver nehmen. Allerdings habe ich mich nicht über Einfuhrbeschränkungen informiert! In meinem Kopf sind Alkohol, Pornos und Waffen ein Problem bei der Überschreitung von nationalen Grenzen. Mein Horizont sollte sich aber erweitern, als ich einem freundlichen kanadischen Zollbeamten gegenüberstand, der aussah, als wäre er einem Feuerwehrmann-Kalender entsprungen. Sein Namensschild verriet, dass er Jack heißt - ich finde, das passt auch gut zum muskulösen Feuerwehrmann, dessen Tattoos am Arm nicht komplett von seiner Uniform abgedeckt wird. Um meine Fracht mitnehmen zu können, muss ich Fragen nach dem Inhalt der Kartons beantworten. Im besten Fall stempelt Jack am Ende meine Papiere. Ich versuche ehrlich zu erklären, was sich in den Kartons befindet - auch wenn ich das, Wochen später, gar nicht mehr so genau weiß. Ich erzähle was von Hockeyausrüstung, was mich besonders kanadisch klingen lässt. Nachdem Jack einen Moment im Hinterzimmer verschwindet, erklärt er mir, dass Matratzen aus dem Ausland grundsätzlich nicht nach Kanada eingeführt werden dürfen. Mein Lächeln gefriert als ich seinen Satz in meinem Kopf hin und her übersetze - doch der ist schlicht zu einfach, als dass ein Missverständnis vorliegen kann. Nach einer gefühlten Ewigkeit erklärt mir Jack, dass er einfach mal befinden wird, dass „das schon in Ordnung geht“ und stempelt meine Papiere. Dieses Mal denke ich, dass ich etwas zu meinen Gunsten falsch übersetzt haben muss.

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Illustration: Julia Schubert

Rivers Ausblick auf die Berge Die Erklärung folgt: Deutschland sei schließlich ein sauberes Land. Selten war ich so froh über Klischees wie in diesem Moment. Doch ich bringe es nicht übers Herz ihn in seiner Annahme zu bestätigen und lenke das Gespräch auf die Bahn, mit der die Deutschen traditionell unzufrieden seien. Ausländer erzählten dagegen immer ganz beseelt von ihrer Bahnfahrt durchs Land und dem „easy travelling“ im gut organisierten Deutschland. So habe ich das Gefühl, ihn irgendwie zu bestätigen und nicht auf meiner Schleimspur auszurutschen. Außerdem merke ich, dass ich nicht genau weiß, ob ich mich als Deutsche präsentieren soll, schließlich habe ich ihm gerade meinen kanadischen Pass vorgelegt. Da ist sie wieder, die heimliche Kanadierin und die Einwanderin, die offiziell keine ist. Konfrontiert mit der heimlichen Kanadierin Eine ähnliche Situation erlebe ich später mit meiner Krankenversicherung. Seit Jahresanfang bin ich offiziell krankenversichert. Allerdings sind meine Beiträge zu hoch. Um das zu ändern, erfahre ich bei der Hotline des Finanzministeriums von British Columbia, muss ich meinen Steuerbescheid vorlegen. Als ich dem Mitarbeiter erkläre, dass ich bisher noch nie Steuern in Kanada gezahlt habe, aber volle kanadische Staatsbürgerin bin, weiß der auch keinen Rat und erklärt mich zur „unique situation“ – ich glaube zwar nicht, dass in einem Land mit Geburtsrecht so was noch nie vorgekommen sein soll, aber es scheint exotischer zu sein als ich dachte. Als ich das Telefonat schon für beendet halte, fragt mich der Mann, wie lange und in welcher Stadt ich in Deutschland gelebt hätte. Plötzlich erzählt er mir auf deutsch, dass sein Vater aus Stuttgart sei und fragt mich übers Ruhrgebiet aus und wie es wohl gewesen sein muss in all dem Kohlenstaub aufzuwachsen. Ich versichere ihm, dass dort nicht mehr alles schwarz sei. Ich freue mich über das nette Gespräch und finde mal wieder bestätigt, dass Kanadier einfach freundlich und total locker sind. Doch im nächsten Moment ertappe ich mich bei der Überlegung, ob vielleicht alle Mitarbeiter ewig plauschen und ich deshalb vierzig Minuten in der Wartschleife hing - ich bin eben doch ganz schön deutsch!

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