Finale Folge der Kanada-Kolumne: Jetzt geht's los

Seit 100 Tagen berichtet River Tucker aus Vancouver. Jetzt beginnen die Winterspiele - und ihre Kolumne endet. Die abschließende Folge aus Vancouver
river-tucker

Katarina Witt hat schon ein paar Runden auf einer Schlittschuhbahn in Downtown Vancouver gedreht und Arnold Schwarzenegger wird heute die Olympische Fackel 300 Meter durch Stanley Park tragen- die Eröffnung der Spiele rückt näher, die Stimmung in der Stadt wird immer aufgeregter und hinter den Kulissen wird gewirbelt. Zur Eröffnung kommen 5000 Kilometer Kabel, mehr als 40 000 Computer, 6000 Fernseher und 7000 Handys zum Einsatz - so die stolze Bilanz der Organisatoren. Aufregung herrscht auch um den fehlenden Schnee. Seit ein paar Tagen regnet es wieder in der Stadt, das gibt Hoffnung auf ein paar Schneeflocken auf den Bergen. Besonderes Sorgenkind: Cypress Mountain im Norden von Vancouver, wo die Snowboarder an den Start müssen. Per Lastwagen und Helikopter lassen die Organisatoren Schnee auf den Berg bringen. Selbst die, die sich sonst nicht für die Winterspiele interessieren, schämen sich bereits. „Das ist einfach nur blamabel. Andere Berge haben immer besserer Schneeverhältnisse, es war ein Fehler, Cypress Mountain für die Spiele zu wählen“, meckert Gianpaolo. 2010 sei so oder so kein gutes Jahr, erklärt mir der Ingenieur: Alle sieben Jahre gibt es einen milden Winter. Das nennt man El-Nino-Jahr. „Als das IOC 2003 kam, um die Spielstätten zu besichtigen herrschte Panik in der Stadt, weil es eben ein extrem milder Winter war. Damals dachte ich mir schon, dass die Athleten nur Matsch vorfinden werden, denn ist ja wieder ein El-Nino-Jahr“, erzählt mir Gianpaolo am Rande einer Kunstausstellung.

Bildergalerie kann leider nicht angezeigt werden.

Die Lastwagen, die Schnee auf den Berg bringen, sehe ich dann mit eigenen Augen bei einem Besuch auf Cypress Mountain. Der Berg ist zur Zeit für die Öffentlichkeit gesperrt. Für einen TV-Dreh muss ich bis zu dem Punkt, an dem Besucher der Zutritt zum Berg versperrt wird. In Erwartung ein Schild oder Absperrungen zu filmen, fahre ich auf den Berg und komme fast bis zum ersten Aussichtspunkt. An mir vorbei rattern die Lastwagen, am Himmel kreisen Hubschrauber. Kaum dass ich aus dem Auto steige, sehe ich einen kleinen Mann auf mich zu stampfen. „No, you cannot be here. NO, NO!“ wiederholt der Mann, in Warnjacke und mit einem Olympia-Pass um den Hals. Der Mann versucht das Filmen zu unterbinden und greift nach der Kamera - dieses Bild was man schon so oft bei Spiegel TV, Explosiv und wie sie alle heißen gesehen hat. Für gewöhnlich kann man das Sensationsjournalismus nennen, doch ich wollte nur harmlose Bilder drehen. Im Weggehen ruft der Mann noch immer „Go, you cannot be here“, und plötzlich höre ich ihn deutsch reden. Verdammt, gerade als ich dachte, dass in Vancouver doch nicht alle so entspannt und freundlich sind wie es scheint, entpuppt sich der unfreundlich Kanadier als Deutscher. Die fehlende Euphorie bei der breiten Bevölkerung hat schon so manche Gäste verwundert. Doch hinter der Kritik stehen konkrete Zahlen und enorme Kürzungen öffentlicher Leistungen als Folge der Budgetüberschreitung. Die Steuern wurden erhöht, Angestellte im Öffentlichen Dienst entlassen, 14 Schulen geschlossen und 800 Lehrer rausgeworfen. Außerdem wurden Krankenhäuser geschlossen, viele Psychisch Kranke auf die Straße gesetzt. „Darüber wird aber auch nur in Vancouver berichtet“, wundert sich ein deutscher Journalist im Gespräch über Olympia-Muffel und die, ihm unbekannten, Fakten. Die Einwohner verfolgen die Entwicklung schon seit sieben Jahren und viele empfinden es als den Ausverkauf ihrer Stadt. Sie wissen, dass sie am Ende die Zeche zahlen. Für Chris Shaw, Professor an der Universität von British Columbia, haben sich die Olympischen Spiele zu einer Marke entwickelt, die es internationalen Konzernen ermöglicht, Geschäfte zu machen. Die Profite privatisieren und die Kosten auf die Steuerzahler abwälzen- so die Thesen in seinem Buch Five Ring Circus Die gleichnamige Dokumentation von Conrad Schmid dokumentiert den jahrelangen Widerstand der Bevölkerung von Vancouver. In der Tat eine weniger bekannte Seite der Spiele. Wie viel Aufmerksamkeit den 10. Winter Paralympics im März gewidmet wird ist ebenfalls fraglich, denn die meisten Pressevertreter verlassen Vancouver direkt nach der Abschlussfeier am 28. Februar. Für Sportfans, wie David, ist das ein bisher wenig beachteter Kritikpunkt. „Die Stadt ist voll mit Plakaten. Wieso werden die Paralympics nicht stärker beworben?“, fragt der 30-Jährige. David hat sich fest vorgenommen, Paralympic-Wettkämpfe zu besuchen. Sledge Hockey, Schlitten-Eishockey, und Rollstuhl-Curling sind ihm lieber als überteuerte Karten für die Olympischen Wettkämpfe, die für Tausende von Dollar verkauft werden. „Das hat doch alles nichts mehr mit der olympischen Idee zu tun, die Paralympic-Tickets kann man wenigstens noch bezahlen und die Sportler sind noch Amateure“, erklärt David. Nach den Spielen kehrt Vancouver zurück zum Alltag. Doch die mediale Aufmerksamkeit wird ihre Spuren hinterlassen. Vor den Winterspielen hatte die Welt nur eine ungefähre Vorstellung von Vancouver. Während unzählige Filme und TV-Serien das Bild von Städten wie New York geprägt haben - wir erkennen die Straßen von New York ohne dort gewesen zu sein - hatten bisher nur wenige ein konkretes Bild von Vancouver. Und das obwohl viele Hollywoodfilme und TV-Serien in den Filmstudios und Straßen von Vancouver gedreht werden. Doch Vancouver hat sich bislang ständig als L.A., San Francisco oder Miami verkleidet. Die Olympischen Winterspiele werden das ändern und sie werden die Stadt verändern. Vancouver ist nicht länger nur die Stadt, die irgendwo zwischen Kalifornien und Alaska liegt und ganz hübsch sein soll. Auch wenn ein paar Ecken unentdeckt bleiben werden, die Welt hat Vancouver jetzt auf dem Schirm. In zwei Wochen gehen die Kameras aus und „die Welt zu Gast in Vancouver“ fährt wieder nach Hause, ich aber bleibe hier - erstmal für immer. Nach dem Ende der Olympischen Spiele wird niemand mehr annehmen, dass die deutsche Journalisten nach dem Spektakel wieder abfliegt. Dann heißt es Ankommen in Vancouver und „Good Bye“ nach Deutschland. Mit dieser Folge endet die Kanada-Kolumne. Mehr zur den Winterspielen gibt es im Olympia 2010-Special auf sueddeutsche.de

  • teilen
  • schließen