"Mama sagt: Zieh dich nicht so warm an!"

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Früher war alles ganz einfach: Sommer war gleich kurze Hosen und Sonnencreme, Winter bedeutete Pudelmütze und Handschuhe. Gegen letzteres protestierten wir. Mitunter mussten uns die Eltern zu den warmen Utensilien zwingen: „Keine Widerrede, du ziehst das jetzt an!“ Dann stand man da, mit einem selbstgestrickten Ungetüm auf dem Kopf. Die dicken Fäustlinge waren mit einem Wollfaden verbunden, der durch die Ärmel der Jacke gezogen wurde. Dies wiederum erschwerte den Versuch, sich die kratzende Pudelmütze von den Ohren zu ziehen. Und so sehnte man sich nach warmem Wetter und dem kleineren Übel, der zähflüssigen Sonnencreme. Doch allmählich, langsam und schleichend, hat sich das geändert.

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Illustration: Julia Schubert



Jeden Sommer, das ist so sicher wie Sonnenbrand, bleibt die Mütze einfach da. Einziger Unterschied: Kombiniert wird sie nicht mit Handschuhen, sondern mit Sonnenbrille. Sobald das Quecksilber im Thermometer über den zwanzig Grad-Strich steigt, schlüpfen die Mützenfreunde in ihre Shorts, kramen ihre Lederflipflops aus den Schrankecken hervor und stülpen sich, man weiß ja nie, erneut ihre Wintermütze auf. Doch warum eigentlich - ist das eine verspätete Trotzhaltung gegen das elterliche Kleidungsregime? Ein symbolischer Stinkefinger in Grobstrick-Optik, gerichtet an alle, die uns sagen, was wir wann zu tragen haben? Wahrscheinlich sind Gala, InStyle, Johnny Depp und auch Bill Kaulitz an dem alljährlichen Trend nicht ganz unbeteiligt. Die besagten Promis tingeln auffällig unauffällig getarnt mit Strickmütze und Sonnenbrille durch die sonnigen Straßen von Los Angeles, New York oder St.Tropez, während sie an ihrem Milchkaffee nuckeln. Für die meisten von uns, die sich im Sommer eine Pudelmütze auf den Haaren justieren, geht es aber nicht um Tarnung. Es geht um das Lässige. Die Mütze ist ein Versuch des Nonkonformen. Ein Statement, dass man dem Wetterbericht erhaben ist: Schnee oder Sonne? Mir doch schnurzegal! Bei anderen winkt die Strickmütze mit dem Zaunpfahl: Seht her! Ich bin ein Freund des Küstenurlaubs!

Die Mütze ist ein stiller Beweis, dass man nach dem Wellenreiten seine nassen Haare unter selbige gestopft hat. Dass man bemützt vor der steifen Brise geschützt war, die ja in besagten Küstenregionen vom Eisbach bis hin zum Half Moon Bay weht. All das soll die Mütze implizieren - ohne dass der Träger „Hang Loose“, „fetter Swell“ oder „Dude“ in seinen Wortschatz integrieren muss.  

Bei allem Verständnis für Urlaubssehnsucht oder gar dem Nacheifern von Stargebärden - die Wahrheit ist eine muffige Angelegenheit: Wintermützen im warmen Sommer bieten nur mittelmäßiges Tragevergnügen. Selbst ein Baumwollstrickmodell scheitert an der natürlichen Temperaturregulierung des Körpers. Wir alle schwitzen – auch das Surferchick, das von weitem mit den Hotpants, zersausten Haaren und ihrer Pudelmütze eher den Anschein erweckt, nach Salzwasser und Zitroneneis zu duften. Schweiß und Wolle sind einfach kein gutes Team. Lässt man hingegen die Mütze in den wenigen warmen Monaten, die unsere Gefilde bieten, im Schrank, dann sieht man dem Beginn der kalten Wetterfront ein wenig gelassener entgegen. Das Kleidungsregime von Mama hat also doch etwas Gutes: Die Vorfreude auf die winterliche Mützensaison steigt. Zu Recht! Denn erst in der Kälte entwickelt die Pudelmütze ihren wirklichen Pluspunkt, den wir früher noch versucht haben zu ignorieren: Die Garantie für warme Ohren. Und die hat man im Sommer ja sowieso.

Text: fiona-webersteinhaus - Foto: like.eis.in.the.sunshine/photocase.com

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