Noch 100 Tage: Die heimliche Kanadierin

River Tucker zieht von Berlin nach Vancouver und trifft in ihrer neuen Heimat auf jede Menge Kürbisse. Folge 1 der neuen Kanada-Kolumne
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Wenn mich früher jemand gefragt hat warum ich River Tucker heiße habe ich einfach nur geantwortet: "weil ich in Kanada geboren bin"- das war meist Antwort genug. Später habe ich dann noch die Geschichte von den Hippie-Eltern in der kanadischen Wildnis hinzugefügt und das Bild schien rund. Mein Name, Erzählungen von Bären, die die Hühner vor der Holzhütte meiner Eltern fressen wollten und einen Besuch zu meinem elften Geburtstag - das war alles, was meine kanadische Identität bisher ausgemacht hatte. Nicht zu vergessen mein Pass. Als Kleinkind bin ich mit meiner deutschen Mutter zurück nach Deutschland gezogen und dort aufgewachsen. Mein Vater blieb in Kanada und wohnt heute wieder in seiner Geburtsstadt Vancouver. Da ich weiß bin und Deutsch ohne Akzent spreche, blieb mir das Gefühl eine wandelnde Freakshow zu sein erspart. Vielmehr war mein Name und dessen Geschichte immer ein guter Anlass, um schnell mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Nach einer langen Reise im vergangenen Jahr von Vancouver nach L.A. entdeckte ich das West Coast Feeling für mich und meinen verstaubten kanadischen Pass. Nachdem ich auch meinem Urlaub diesen Sommer wieder in Vancouver verbrachte, kam die Entscheidung hier her zu ziehen und meiner kanadischen Identität eine Chance zu geben. Vor gut einer Woche kehrte ich dem schönen, wenn auch grauen, Berlin den Rücken. Ich habe meine Wohnung aufgelöst, meine Freunde unter Tränen verabschiedet und bin mit einem One-Way-Ticket ins Flugzeug gestiegen. Nicht auf nimmer Wiedersehen, aber auf unbestimmte Zeit. Das Ziel Vancouver - wahrscheinlich eine der schönsten Städte der Welt. Downtown Vancouver liegt direkt am Meer. Irgendwann will ich dort in ein Apartment direkt am Meer zu ziehen, auch wenn das wahrscheinlich so groß sein wird wie eine Berliner Besenkammer. Im Norden von Vancouver bestimmen die Berge die Skyline, noch nicht ganz die Rocky Mountains, aber für das ungeschulte Auge kein großer Unterschied. Vancouver, die Stadt in der man an einem Tag in den Bergen wandern, klettern, im Meer schwimmen, am Strand liegen und in den Parks Tennis spielen kann. In gut drei Monaten wird für zwei Wochen die Welt auf diese Stadt blicken wenn hier die Olympischen Winterspiele ausgetragen werden. Bis dahin werde ich hier regelmäßig aus Vancouver berichten. Mein erstes Halloween in Kanada Zum Einstand wurde ich gleich von dem nordamerikanische Feiertag schlechthin empfangen: Halloween ist frei von religiösen Konnotationen und damit das perfekte Fest für das multikulturelle Kanada - alle können mitfeiern. Aus deutscher Sicht erscheint Halloween wie eine Mischung aus Karneval, Silvester und Heilige Drei Könige. Feuerwerk in den Straßen - auch wenn das kein Vergleich zu Kreuzbergs Straßen an Silvester war. Kleinkinder wie Erwachsene verkleiden sich um die Wette, die irrsten Phantasiefiguren laufen durch die Straßen. Besonders beliebt bei Teenagern war dieses Jahr das Michael Jackson Kostüm.

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Am frühen Abend kommen zunächst die kleinen Kinder, klopfen an die Tür und fragen nach Süßigkeiten. Im Haus meiner Freundin gibt es die Tradition, die Kleinen zu erschrecken. Was mir anfangs unrealistisch erschien war am Ende der größte Spaß des Jahres. Gegen Nachmittag trudeln langsam Freunde und Verwandte ein, bringen Essen und Kürbisse mit. Die Kürbisse werden ausgenommen, die Kerne geröstet und die Kürbisse verziert. Am Nachmittag hatte ich erst einen 10 Kilo schweren Kürbis nach Hause getragen und dabei etwas gequält an Dirty Dancing und die Szene auf der Brücke mit der Wassermelone gedacht. Doch die Mühe hat sich gelohnt. Am Ende bin ich stolz wie Oskar auf meinen ersten eigenen Kürbis, auch wenn dieser nicht zu so viel Ruhm wie "Pumpkin Man" gelangen wird. Ein Freund hat einen riesigen Kürbis ausgehölt, sich über den Kopf gestülpt und seine Kleidung, wie eine Vogelscheuche, mit Zeitung ausgestopft. Die Kinder klopfen an die Tür und Pumpkin Man sitzt regungslos in der Ecke. Sobald die Kinder ihre Süßigkeiten eingesteckt haben, fängt Pumpkin Man an zu reden und bewegt sich, wie in Zeitlupe, auf die Kinder zu - es sieht aus wie einem Horrorfilm entsprungen. Die meisten der Kleinen schreien, weinen und rennen weg. Andere bleiben gelassen und erweisen sich mutiger als ihre Eltern. Besonders Teenager versuchen krampfhaft cool zu sein. Am Ende des Abends ist das Haus als "the scary house" verschrieen. Ein lustiger Einstand in eine fremde Kultur. Noch fühlt es sich wie eine Mischung aus Urlaub und Pressereise an - ein bisschen arbeiten und Land und Leute kennen lernen. Ich bin in der Position der Einwanderin, die offiziell keine ist. Ich bin "the secret Canadian", die heimliche Kanadierin, wie mich meine Freundin nennt. Ich muss keine Arbeitserlaubnis beantragen, Tausende von Dollar auf meinem Konto haben und das Einwanderungs-Punkte-System der kanadischen Regierung erfüllen. Dafür muss ich jetzt allen erklären, warum ich in Kanada geboren bin und dass ich hier nicht nur Urlaub mache. Ich muss aushalten, die Sprache zwar gut, aber nicht perfekt zu beherrschen und mich nicht immer exakt so ausdrücken zu können wie es mir auf Deutsch möglich ist. Wenn ich Bekannte treffe muss ich mich daran erinnern, dass ich nicht nach ein paar Wochen wieder weg fliege. Ich muss wohl erst Mal ankommen. Noch 100 Tage bis zu den Olympischen Spielen, die nächste Folge kommt in 10 Tagen

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