West Coast X-Mas und Schneeschuhe - Folge sechs der Kanada-Kolumne

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Nach zwei Monaten meines neuen Lebens gibt es immer noch eine Reihe erste Male. Nach dem Hippiehaus und Farmsitting auf Hornby Island und den zwei Kojoten in den Straßen von Vancouver, konnte ich am Wochenende endlich meinen ersten Wintersporttrip in Kanada erleben. Da ich im Ruhrgebiet aufgewachsen bin, und wenig Wintersporterfahrung habe, bin ich noch leicht zu beeindrucken. So störten mich die Wolken, die die Berge fast verschwinden ließen nicht im Geringsten.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Bekannte hatten mich in ihr Ferienhaus in Whistler eingeladen und ich habe mir vorgenommen, mindestens ein Jahr lang keine Einladung ins Umland auszuschlagen. Wer in Vancouver lebt, darf nicht vergessen, dass schon nach dreißig Minuten Autofahrt wunderschöne Natur wartet. In Vancouver zu leben heißt, die Stadt so oft wie möglich für einen Ausflug zu verlassen. Whistler, wo im Februar ein Großteil der Olympischen Winterspiele stattfinden werden, ist nur eineinhalb Auto-Stunden von Vancouver entfernt. Ich nehme den Greyhound-Bus und fahre dafür eine Stunde länger. Während ich ganz vorne sitze und aus dem Fenster gucke, stelle ich mir vor, wie die Strecke und das Skigebiet wohl während der Olympischen Spiele im Februar aussehen werden, wenn Tausende von Journalisten, Besuchern und zig Ü-Wagen die Gegend bevölkern. Die Fahrt geht über die Lions Gate Bridge, die wie die kleine, grüne Schwester der Golden Gate Bridge in San Francisco aussieht, und nur wenige Jahre später gebaut wurde. Die Guinness Familie gab die Brücke 1937 in Auftrag, nachdem sie Land für die Siedlung British Pacific Properties in West Vancouver gekauft hatten. John, der Busfahrer, ist in Plauderstimmung und erzählt mir, wie sehr sich die Gegend in den letzten Jahren verändert hat. Für die Winterspiele wurde ein neuer Highway gebaut, gegen den Umweltschützer und Bewohner vergebens protestiert hatten. Einerseits sei es gut, denn der neue Highway spart Zeit, findet John. Andererseits sei die alte Strecke entlang des Pazifik sehr schön gewesen und es musste viel Natur zerstört werden. Er zeigt auf eine große Brachfläche kurz vor Whistler. "Das wird der gigantische Parkplatz während der Spiele", auf meine Frage was dort vorher stand, folgt die knappe Antwort: Bäume. Wie naiv von mir. Whistlers Skigebiete sind momentan nur noch teilweise für die Öffentlichkeit zugänglich. Eine Mutter, die hinter mir im Bus sitzt, erzählt, dass nicht nur die Skigebiete betroffen seien. Ihre Tochter könne im Februar nicht zum Eishockeytraining. Alle Wintersportstätten seien für die Olympischen Spiele geschlossen - "die Kinder können nicht zum Sport und wir müssen trotzdem zahlen", empört sich die Frau. Während der Busfahrt hatte ich mir vorgestellt wie es wäre, weiter Richtung Norden zu fahren und erst in Alaska auszusteigen. Doch nach zweieinhalb Stunden Fahrt entlang des Pazifik und durch die Berge holt mich die Realität wieder ein und ich steige doch lieber aus. Whistler ist ein Skidorf, voll mit coolen Kids auf Snowboards und Älteren auf Skiern - es könnte auch ein Schweizer Skigebiet sein, nur dass dort keine Countrymusik aus den Restaurants schallt. Die Architektur in Whistler soll offensichtlich an Europa erinnern. "Pretend to be European" nennen meine Gastgeber den Baustil in Whistler.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Abseits vom Pistentrubel finde ich das "Snowshoeing"-Gebiet. Aus den Reaktionen in Vancouver hatte ich schon geschlossen, dass Snowshoeing für langweilig befunden wird. Aber ich bin immer noch leicht zu beeindrucken. Es stellt sich heraus, dass meine Vorstellung von Snowshoeing offensichtlich etwas zu abenteuerlich war. Denn man läuft einfach mit seinen Schneeschuhen, rennt Hügel hoch oder rutscht sie auch mal runter. Ich hatte mir das ganze wie ein Minisnowboard vorgestellt. So laufe ich neun Kilometer durch die Wälder und muss zugeben, dass es Spaß macht. Der Vorteil dieser Sportart ist, dass man mehr von der Gegend sieht und an Stellen gelangt, die für Snowboards und Skier unzugänglich sind. So bin ich am Ende ehrlich begeistert. West Coast X-Mas Snowshoeing gehört offensichtlich auch zu den Weihnachtsritualen vieler Kanadier. Überhaupt findet viel im Freien statt. In Vancouver wurde am Wochenende vor Weihnachten das "Festival der Lichter" gefeiert. Zur Sonnenwende gab es Feuerwerke am Strand, in den Parks und diversen Stadtteilen. Im multikulturellen Vancouver vereint das Festival der Lichter alle ethnischen und religiösen Bevölkerungsgruppen der Stadt.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

In Nordamerika wird Weihnachten traditionell am 25. Dezember gefeiert. Am Morgen finden Kinder und Erwachsene die ersten kleinen Geschenke in ihren Strümpfen, ähnlich wie zu Nikolaus in Deutschland. Am Abend gibt es die Bescherung unterm Weihnachtsbaum. Am Heiligabend berichtet die CBC vom Aufenthaltsort des Weihnachtsmann. Der öffentlich-rechtliche Radiosender berichtet alle fünfzehn Minuten wo sich der Weihnachtsmann, der von der Ostküste zur Westküste fliegt, derzeit aufhält. Die Tradition wurde 1955 ins Leben gerufen als ein kleiner Junge das Nordamerika Luftraumabwehr-Kommando (Norad) anrief, um zu erfahren wo der Weihnachtsmann sei. Der Oberfehlshaber wollte den Jungen nicht enttäuschen und gab ihm die Koordinaten durch. Mittlerweile erklären Norad-Sprecher jährlich, wann mit der Ankunft des Weihnachtsmanns - unter der Berücksichtigung der Wetterlage und des schweren Gepäcks - auf dem Kontinent zu rechnen sei. Auf diese Weise teilen Generationen von Kanadiern, egal in welchen Teil des Landes sie aufgewachsen sind, die Erinnerung an den CBC-Santa-Track aus ihrer Kindheit. Ein weiterer Klassiker zur kanadischen Weihnacht ist dieses Feuer hier:

Der private Fernsehsender "Shaw" sendet seit 10 Jahren eine Art Kamin-TV. So hat jeder die Möglichkeit die Kamin-Gemütlichkeit ins eigene Wohnzimmer zu holen, auch wenn es keinen echten Kamin im Haus gibt. Shaw TV sendet ab Heiligabend rund um die Uhr "Log Fire Programm" - alles, was man sieht, sind flackernde Flammen und gelegentlich eine Hand, die Holz nach legt. Als der Sender das Feuer ein Jahr aus dem Programm nahm, folgten Hunderte von Zuschriften, die das Kaminfeuer zurück forderten. Manchmal ist mir Kanada unheimlich.

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