Ach, ich mag dich doch nicht

Sie gehören zu den wichtigsten Menschen, die wir kennen - eine Typologie der Freundschaften. Teil 2: Der Uni-Freund
nadja-schlueter

Es gibt die Freundin, der man nur online hallo sagt. Es gibt den besten Freund, den man irgendwann vielleicht verliert. Und es gibt den Freund, dem man nur einmal in der Woche beim Fußball begegnet. Wir haben die elf wichtigsten Freunde-Typen ausfindig gemacht und stellen sie in einer losen Serie auf jetzt.de vor. Nadja Schlüter schreibt über den Erstsemesterfreund, den man eigentlich gar nicht wollte.

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Illustration: Julia Schubert

Es gibt Dinge, in die gerät man einfach rein. Manchmal kann man nicht Nein sagen und soll dann beim Gemeindefest den Sektausschank machen oder die Examensarbeit des großen Bruders bis übermorgen Korrektur lesen, obwohl man überübermorgen selbst zwei Hausarbeiten abgeben muss. Oder man hat plötzlich einen Freund, den man irgendwie doch nicht mag. Aber während der Sektausschank nach drei Stunden vorbei ist und man dem großen Bruder kleinlaut gestehen kann, dass man sich übernommen hat, kann man einem Freund nicht einfach eröffnen: „Ach, ich mag dich doch nicht“ und mit einer entschuldigenden Geste zu dem coolen Typen rüber gehen, mit dem mal viel lieber befreundet wäre. Man fragt sich dann, wie es einem passieren konnte, dass man jetzt mit Frederik rumhängt. Ausgerechnet mit Frederik, der Mädchen, die ihn interessieren, immer anfasst, Herbert Grönemeyer-T-Shirts trägt und einem montags erzählt, wie betrunken er samstags war, selbst, wenn man dabei war (und leider war man jedes Mal dabei). Aber eigentlich weiß man ja, wie es passiert ist: Am ersten Tag an der Uni saß man im Hörsaal nebeneinander, hat sich zusammen ein bisschen über den eintönigen Tonfall des Professors aufgeregt und konnte nicht wissen, dass das die einzige Gemeinsamkeit ist, die man jemals haben wird. Man suchte Anschluss und Frederik war nett und aufgeschlossen, da war es erstmal egal, dass er dieses T-Shirt trug und Saufgeschichten erzählte. Am dritten Tag war man zusammen was trinken, lernte die Menschen kennen, die Frederik beim Erstifrühstück kennengelernt hat, und war auf einmal Teil eines Freundeskreises. Einfach reingeraten eben. Ein paar, denen es auch so ging, schafften nach etwa vierzehn Tagen den Absprung und kündigten einem sogar die StudiVZ-Freundschaft. Mit ihnen verlor man den einzigen Grund, warum man sich auf den Uni-Partys nicht für Frederik geschämt hat. Man konnte sich zu ihnen stellen und war Teil einer coolen Mauer, wenn Frederik von der Tanzfläche zurückkam und „Let’s rock!“ rief. Jetzt war man nur noch Teil eines Gartenzauns. Wenn man nicht lässig genug ist, sich unauffällig aus einem Freundeskreis herauszustehlen, kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem es nicht mehr geht. Denn dann würde man irgendwen verletzen, wenn man plötzlich nicht mehr mitmacht im Freunde-Theater. Und Frederik ist ja ein netter Kerl, der kein gebrochenes Herz, sondern ein paar ehrliche Freunde verdient hat. Dieser Zeitpunkt ist meistens auch der, an dem die Menschen, mit denen man lieber befreundet wäre, schon fest zusammengewachsen sind und einen nicht mehr reinlassen. Was das angeht, ist man immer noch auf der Ebene, auf der man sich im Sandkasten um die rote Schaufel gestritten hat. Aber damals hat man wenigstens ehrlich gefragt: „Möchtest du mein Freund sein?“ und dem anderen so eine Gelegenheit gegeben, erstmal drüber nachzudenken. Wie also kommt man aus der Nummer mit Frederik wieder raus? Wenn man Pech hat, schafft man es nie und muss eine Liste mit Ausreden führen, damit man hin und wieder absagen kann. Wenn man Glück hat, lässt Frederiks Enthusiasmus während der ersten Prüfungsphase nach und mit den ersten Semesterferien kommt ein guter Zeitpunkt, sich zu entfreunden. Man macht Praktikum oder geht ins Exil zu Mama und das Ganze verläuft sich. Allerdings startet man dann mit Bauchschmerzen ins zweite Semester und fühlt sich wochenlang mies, weil man sich gegenseitig so sehr ignoriert, dass man sich ständig bemerkt. Und ein Problem bleibt auf jeden Fall: Man hat keinen Freundeskreis mehr und muss noch mal ganz von vorne anfangen. Am besten wäre es, sich mit all denen, die auch gerade erst von einem Frederik losgekommen sind, zu einem Zweite-Chance-Freundeskreis zusammenzuschließen, in dem sich alle gegenseitig Halt geben. Meistens muss man aber doch auf der Party jemanden ansprechen oder zum Unisport gehen und eine ganze Weil hart arbeiten. Wenn man es dann endlich geschafft hat und im dritten Semester glücklich mit ein paar sympathischen Menschen in die Caféteria gehen kann, grüßt man Frederik sogar mal wieder auf dem Gang. Und wenn er außer Hörweite ist, sagt einer der sympathischen Menschen vielleicht: „Das Grönemeyer-T-Shirt hatte ich auch mal, aber jetzt wäre es mir irgendwie peinlich, es zu tragen.“

Text: nadja-schlueter - Illustration: Judith Urban

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