Der Freund, der nur zum Feiern taugt

Sie gehören zu den wichtigsten Menschen, die wir kennen - eine Typologie der Freundschaften. Heute: der Feierfreund.
Von Malte Borgmann
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Illustration: Katharina Bitzl

Moarl ist der Cousin meines besten Freundes. Mit 13 nahm der ihn mit auf eine Grillparty unserer Clique. Moarl trug ein T-Shirt der nWo, der New World Order, einer Vereinigung von „bösen“ Wrestlern, die damals nachts auf DSF in einer soap-artigen Inszenierung versuchten die WCW, die World Championship Wrestling Liga, an sich zu reißen. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er, natürlich sei dieses ganze Wrestling-Ding ziemlich lächerlich, „aber wenn man sich reinsteigert, ist es das Geilste der Welt.“ Das leuchtete mir irgendwie ein.

Im Grunde waren die Begriffe „das Geilste“ und „das Behindertste“ für ihn sowieso ziemlich austauschbar. Hauptsache man konnte den Superlativ in exzessiver Weise gebrauchen. Schon damals ging es ihm vor allem um den Exzess. Später an diesem Abend wurden wir dann zu dritt rausgeschmissen, weil wir uns zu albern benahmen. Wir entschieden uns, bei meinem besten Freund zuhause zu dritt weiter zu feiern. Mit dem Trinken hatten wir damals noch nicht angefangen, deswegen spielten wir Videospiele und leerten Chipstüten, bis uns schlecht wurde.

Auf diese erste Party, von der wir rausflogen, sollten im Verlauf unserer Pubertät viele, viele weitere folgen. Moarl war der Freund mit der Feiergarantie. Und zwar Feiern im Sinne hemmungsloser, dionysischer Ausschweifungen. Die Sau raus lassen, die Kante geben. Etwas anderes als Party zu bezeichnen, empfindet er bis heute als Beleidigung. Die Kneipentouren mit Moarl waren immer die längsten und teuersten, die Hauspartys mit ihm die legendärsten, so mancher „gemütliche Abend“ artete mit seinem Erscheinen aus in ein spektakuläres Besäufnis. Oft endete das dann in Ärger mit Gastgebern, Erziehungsberechtigten, Nachbarn, Securities oder der Polizei, oft auch damit, dass wir Schläge kassierten. Einmal waren es sogar drei rustikale Rubensweiber vom Autoscooter, die uns grundlos in eine Prügelei verwickelten und uns ehrlich gesagt ganz schön verdroschen. Meistens allerdings hatten wir einfach mehr Glück als Verstand und irgendwie hatte man sogar das Gefühl, man könne sich darauf verlassen. Moarl gab einem immer die Sicherheit, dass der Abend haarscharf an der Katastrophe vorbeisteuern würde, und dass man am nächsten Morgen um ein paar Millionen Gehirnzellen ärmer und ein paar ausgezeichnete Anekdoten reicher sein würde.

Die meisten Jungs und Mädchen aus meinem Bekanntenkreis haben jemanden unter ihren Freunden, dessen Gesellschaft sie dazu bringt, sich gehen zu lassen. Was das konkret bedeutet, ist natürlich von Person zu Person verschieden, entscheidend ist: Der Feierfreund (bzw. die Feierfreundin – die gibt es natürlich auch) bringt einen dazu die eigene Grenze, die man zwischen vernünftig und unvernünftig, zwischen maßvoll und exzessiv gezogen hat, mit Siebenmeilenstiefeln zu überschreiten. Man trinkt viel mehr, als man sonst trinken würde, man geht auf Feiern, auf die man sonst nie einen Fuß setzen würde, man tut Dinge, für die man sich sonst in Grund und Boden schämen würde.

Feierfreunde greifen meist auf große finanzielle Ressourcen zurück und lieben die Wohltätigkeit

Einen Feierfreund sieht man nicht oft. Je seltener man zusammenkommt, desto größer die Wiedersehensfreude. So herrscht von Anfang an ein hohes Ausgelassenheitslevel, und der ganze Alltagsmist bleibt außen vor. Außerdem können Feierfreunde meistens auf große finanzielle Ressourcen zurückgreifen und lieben die Wohltätigkeit. Schon mit 12 hortete Moarl Summen auf seinen Sparbüchern, von denen wir nur träumen konnten. Inzwischen hat er mir Räusche im geschätzten Gesamtwert eines ganzen Monatsgehaltes spendiert. Einmal schenkte er meinem besten Freund und mir die bestialisch überteuerten Karten von Rock im Park, einfach, weil wir kein Geld hatten, und er da nicht alleine hinfahren wollte.

Was der Feierfreund dagegen nicht hat, ist eine feste Beziehung. Eine Freundin war für Moarl immer nur lästig und seinem Lebensstil abträglich. Als unsere ersten Romanzen begannen, sprach er verächtlich von „peinlicher Gspusi-Musi“. Der Feierfreund ist geborener Animateur und Vertreter: Er schafft es immer, einem das eine Getränk zuviel schmackhaft zu machen, er bringt einen dazu, Karaoke zu singen, und selbst wenn man in einem schmierigen Stripclub, einer heruntergekommenen Eckkneipe oder um 8 Uhr morgens mit Kater in einem stinkenden, heißen Bierzelt gelandet ist, in dem Horden von volltrunkenen Vollproleten grölend auf den Bänken stehen oder darunter liegen und in ihr eigenes Erbrochenes schnarchen, dann preist er einem das Ganze so lange und überzeugt als „das Geilste der Welt“ an, bis man es ihm wirklich glaubt.

Zu guter Letzt: Nicht nur liebt der Feierfreund den Exzess mit ansteckender Hingabe, der Exzess liebt ihn. Jedes Mal, wenn man mit dem Feierfreund unterwegs ist, passiert plötzlich irgendetwas Außergewöhnliches; im Verlauf des Abends tun sich wie von Geisterhand unerwartete Abzweigungen in die Eskalation auf, die mit fröhlicher Selbstverständlichkeit genommen werden. Hemmungslosigkeit und Ausschweifungen sind nicht krampfhaft erzwungen, sie passieren einfach. Der Feierfreund zieht sie wie magisch an.

Dass das alles auch eine Kehrseite hat, liegt auf der Hand: Über lustige Youtube-Filme, Wrestling, oder die hässliche Alte und den spackigen Typen da an der Bar kann man sich ausgezeichnet mit dem Feierfreund unterhalten, wenn man dagegen Probleme hat, oder eine Beziehung in die Brüche geht, ruft man wohl doch jemand anderen an. Ein richtiger, echter Freund ist der Feierfreund so nicht wirklich. Und je älter man wird, je häufiger man gezwungen ist, auch mal darüber nachzudenken, was morgen ist und übermorgen und in einem Jahr, desto schwieriger wird es, regelmäßig so zu feiern, als gäbe es kein morgen. Vielleicht will man auch einfach nicht mehr so oft unangenehm auffallen, rausfliegen, einen Filmriss haben, oder Prügel kassieren. Soll ja vorkommen. Entweder also sieht man sich immer seltener, vielleicht auch irgendwann gar nicht mehr, oder aber man verzichtet auf die absolute Feiergarantie.

Moarl ist inzwischen ein richtiger, echter Freund von mir, er hat eine feste Freundin, alle paar tausend Jahre unterhalten wir uns auch mal über unangenehme Themen (Gefühlsscheiße und so was), und wir schämen uns kaum noch voreinander, wenn ein Abend mal nicht vollkommen eskaliert, sondern einfach gesundes Mittelmaß bleibt. Eigentlich ist das natürlich unendlich behindert, aber darum ja auch irgendwie wieder das Geilste der Welt.

Und diese Typen hast du sicher auch in deinem Freundeskreis:

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