Freunde-Typologie. Heute: Der Internetfreund

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Früher waren Internetfreunde noch etwas Gruseliges. Man kannte sie aus diesen altmodischen Chats, in denen sich lauter Unbekannte zufällig treffen, und konnte sich nie sicher sein, ob sie wirklich so hießen, aussahen, drauf waren wie sie vorgaben. Man erzählte ihnen alles Mögliche, blies es einfach raus in das damals noch so anonyme Netz – etwa so wie Tom Hanks und Meg Ryan in „E-Mail für dich“. Nur waren es normalerweise eher kurze „Affären“ und keine langen freundschaftlichen Bindungen.

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Illustration: Julia Schubert

Heute freundet man sich im Fanforum der britischen Comedyserie „Extras“ an oder indem man jemandem eine E-Mail schreibt, weil er in seinem Weblog so tolle Pastarezepte postet. Vielleicht findet man auch einen Flickr-User, der ebenso gern diese mit-Licht-in-die-Luft-schreib-Bilder mit offener Blende macht, oder einen Last.fm-Kollegen, der genau die gleichen afrikanischen Indiebands hört wie man selbst. Das sind alles Hobbys und Interessen, die in der realen Clique sehr wahrscheinlich keiner teilt. Im Internet jedoch findet man spielend Gleichgesinnte. So sind Netzfreunde kein Ersatz mehr für die aus dem direkten Umfeld, sondern eine Ergänzung dazu. Endlich muss man sich nicht mehr alleine darüber aufregen, wie Maggie sich in jeder Folge um Kopf und Kragen redet, und kann sich gegenseitig Nudelwassertipps geben. Im Gegensatz zu „richtigen“ Freundschaften braucht die Internetfreundschaft kein Stammcafé und keinen Kickerabend – in den meisten Fällen wäre das auch schier unmöglich, weil man in verschiedenen Städten oder gar Ländern lebt. Eigentlich braucht man nicht mal eine Verabredung. Wer wirklich auf einer Wellenlänge ist, ist auch gleichzeitig im Netz. Dann wird gechattet oder geskypet, und wenn doch mal einer alleine online ist, schreibt er eben eine Mail. Es ist sozusagen die Brieffreundschaft 2.0. Das bedeutet aber auch, dass der Internetfreund selten die ungeteilte Aufmerksamkeit bekommt – beim Chatten klickt man ja doch immer noch nebenbei rum. Doch darum geht es auch gar nicht, man will dem Netzkumpel schließlich selten von seinen Liebesproblemen oder dem Streit mit den Eltern erzählen. Dafür ist die Beziehung zu oberflächlich. Sowieso ist sie eine sehr lose, die auch ganz unbemerkt einschlafen könnte. Es gibt einfach keine Möglichkeit, sich richtig aneinander zu binden. Der Internetfreund ist nicht auf Abruf da, so wie die beste Freundin, die man zur Not jederzeit auf dem Handy erreichen kann. Man geht ja auch nicht mit seiner Internetbekanntschaft feiern, streitet sich oder tröstet sich gegenseitig über irgendetwas hinweg – es wird nie so intensiv, dass man sich später mal an gemeinsame Erlebnisse zurückerinnern könnte. Außer natürlich, man verabredet sich zum nächsten Afropop-Festival. Das ist anfangs oft mit Herzklopfen verbunden - ein bisschen misstrauisch ist man nun mal doch immer noch, ob der Typ jetzt wirklich genauso ist, wie man ihn sich vorgestellt hat. Meistens geht es aber gut, und während man gemeinsam vor der Bühne herumspringt, kommt es einem vor, als würde man sich schon ewig kennen. Dann wird aus der virtuellen Freundschaft eine reale und das Einzige, was dann noch komisch ist, ist, den übrigen Freunden zu erklären, wie man sich eigentlich kennengelernt hat.

Text: eva-schulz - Illustration: judith-urban

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