Freunde-Typologie. Heute: Der verstoßene Freund

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Janna und ich lernten uns in der achten Klasse kennen. Ihre Eltern waren aus unerfindlichen Gründen von Stockholm in unser bayerisches Provinzkaff gezogen. Schweden kannten wir nicht wirklich – höchstens aus dem Erdkundeunterricht. Janna trug dementsprechend ab dem ersten Schultag den Stempel „exotisch“ auf ihrer Stirn. Das allein reichte mir mit 14 vollkommen, um mit ihr zwingend befreundet sein zu müssen. Bis zur elften Klasse personifizierte Janna meine ständige Party-Begleitung, Jungs-Nichtversteherin und Nachmittagsvertrödlerin. Etwaige Meinungsunterschiede mussten damals im gemeinsamen Kampf gegen die herrschende Gesellschaft hinten anstehen. Als Janna mit 18 zurück nach Schweden ging, kommunizierten wir lose per Email, Telefon oder ganz oldschool mit Briefen. Natürlich erzählten wir jedem, was wir da für eine tolle, wasserdichte Freundschaft hatten: „Weißt du, Janna und ich können uns auch mal ein paar Monate nicht sehen und trotzdem ist dann immer aaaaalles beim Alten....!“

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Illustration: Julia Schubert

Später zogen wir zum Studieren unabhängig voneinander in die gleiche Stadt. Von jetzt an wurde alles nachgeholt, was man in den Jahren dazwischen nicht machen konnte. Wir teilten alles – manchmal sogar die Jungs untereinander auf. Pech und Schwefel in Menschengestalt. Das ging auch ein paar Jahre gut, bis mir immer mehr auffiel, wie oft ich mit Jannas Meinung und Leben nicht übereinkam. Doch ich wischte meine Zweifel mit dem Argument „Unterschiede bereichern eine Freundschaft.“ beiseite. Dass Janna ständig diese grauenvollen Gerichtsshows ansehen musste, auf Partys grundsätzlich das peinlichste und betrunkenste Mädchen war und Männer für wandelnde Getränke-Bezahler hielt, konnte ich noch irgendwie ab. Schwieriger wurde es bei ihren Zukunftsvorstellungen: Sie studierte nur pro forma, denn das wahre Ziel war ein Haus auf dem Land mit Alleinverdiener-Ehemann, Hund, Pferd und Kindern. Gearbeitet wurde nur, wenn der elterliche Scheck mal nicht hoch genug ausfiel oder ein neues Paar Schuhe her musste. Irgendwie passte das alles nicht mehr zu mir. Genau genommen wollte ich das exakte Gegenteil dieses Lebensentwurfs sein. Aber zehn Jahre Freundschaft wirft man doch nicht eben mal weg, nur weil man sich in verschiedene Richtungen entwickelt hatte. Ich dachte mir, so wie wir uns früher ein paar Monate nicht gesprochen hatten und "aaaalles" wieder beim Alten war, oszillieren wir eben jetzt auch mal ein paar Monate nebeneinander her und danach ist wieder alles erträglich und gut. Ein paar richtige Gespräche zum richtigen Zeitpunkt und Jannachèle sind wieder Konfetti. Leider passierte das nicht. Eines Abends rief ich bei ihr an mit einer höchst dramatischen Lebenskrise im Gepäck. Heulend bat ich sie, vorbeikommen zu dürfen oder mir wenigstens fünf Minuten ihr Ohr leihen zu können. Doch sie hatte Besuch und war auf dem Weg in eine Kneipe. Ich schluchzte tatsächlich ein „Ich brauch’ dich jetzt“ in den Hörer, sie antwortete: „Du, ich habe gerade echt keine Zeit, ich habe meine Jacke schon an und wir gehen jetzt was trinken.“ Ich wiederholte unter Tränen meine Bitte, doch sie ließ sich nicht beeindrucken, wimmelte mich ab und legte auf. Ich war so vor den Kopf gestoßen, dass ich augenblicklich aufhörte, zu weinen. Dieser Grad an nicht vorhandener Sensibilität erschütterte mich bis auf den Grund meiner schockgefrosteten Seele. Selbst ein sozial inkompetenter Superdepp hätte merken müssen, dass diese Reaktion völlig unangebracht war. Von diesem Tag an haben wir kein Wort mehr miteinander gesprochen. Das ist jetzt über zwei Jahre her. Wenn wir uns (selten) auf Partys sehen, drehen wir einander den Rücken zu. Und ich weiß, das wird sich auch nie mehr ändern. Unsere Auffassungen vom Leben sind so exorbitant unterschiedlich, eine Schnittmenge ausgeschlossen. Ich bin mir außerdem sicher, das sieht Janna genauso. Ich glaube, dass wir beide verzweifelt nach einem Grund gesucht haben, um unsere Freundschaft zu beenden. Schon viel zu lange hatten wir nichts mehr gemeinsam außer die ominöse, hohe Zahl, die unsere Freundschaft in Jahren markierte. Nach diesem Telefonat mit unangenehmen Dialog wurde uns wahrscheinlich beiden schlagartig klar, dass der Verlust des anderen keine Lücke hinterlässt. Ich bin mir sicher, sie trauert genauso wenig um mich wie ich um sie. Gleichzeitig macht mir das aber nichts aus. Ich hege keine Groll, ich denke einfach nicht darüber nach. Letztens erfuhr ich, dass Janna jetzt tatsächlich in einem Häuschen auf dem Land lebt. Mit den Kindern wird es also nicht mehr lange dauern. Ich habe keine Meinung dazu. Es ist fast, als hätte sie nie existiert.

Text: michele-loetzner - Illustration: Judith Urban

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