Freunde-Typologie. Heute: Die neue Freundin

Neue Freunde sind Retter in der Not. Sie befreien einen aus dem eng gewordenen Kokon des Alltagstrotts und machen alles wieder interessant.
mercedes-lauenstein

Mein Leben trat ein bisschen auf der Stelle: Schule, kellnern, abends mit den üblichen Verdächtigen Bier trinken und mal auf eine Feier gehen. Ständig die gleichen Gesichter. Wir kannten uns und hatten unsere Geschichten tausendmal von oben nach unten durchdekliniert. So schön und vertraut es war: Es langweilte mich. Meine beste Freundin Johanna und ich konnten uns zu nichts motivieren. Wir schwänzten Schule, saßen auf meinem Bett und kotzten uns über den Schulalltag aus. Wir klagten über unseren übermäßigen Schokoladeverzehr und Norbert, den Chef des Restaurants, in dem wir arbeiteten. Selbst mit Moritz, den wir immer im aufregenden Berlin besuchten, war, seit er mit dieser Karin zusammen war, überhaupt nichts mehr anzufangen. Und Caro hätten wir vielleicht endlich mal sagen sollen, dass sie echt zuviel kifft. Die Wochenenden sahen ereignislos aus. Grau in grau und dann kam auch noch der Winter. „Eigentlich müssen wir einfach mal…“, fingen wir an, lebenserhellende Pläne zu schmieden, die sich dann doch im Sand verliefen.

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Illustration: Julia Schubert

Dann meldete sich plötzlich Andy, ein alter Freund aus München. Er wollte mich mit seiner neuen Freundin Anna an der Ostsee besuchen. Die beiden kamen mit dem Auto, brachten Sonne, Nudelsalat und Augustinerbier mit und ich zeigte ihnen die touristischsten Highlights meiner Heimat. Wir saßen am Strand von Arnis, der kleinsten Stadt Deutschlands und plötzlich war mein Zuhause wieder ein bisschen aufregend. Jetzt, da ich den Ehrgeiz besaß, es einer fremden Person von seiner besten Seite zeigen zu wollen. Und mich gleich mit. Denn ich mochte Anna. Mit ihrem Erscheinen in meiner Welt war eine Tür aufgegangen, von deren Existenz ich vorher nicht gewusst hatte und hinter der eine andere, neue Welt lag. Annas Welt. Mit ihr war alles ein bisschen wie Urlaub. Anna wohnte in Hamburg und machte dort ihr freiwilliges soziales Jahr. Ein paar Wochenenden später hatte sich an der gähnenden Ereignislosigkeit in meinem Leben immer noch nichts geändert. Ich beschloss Anna zu besuchen. Mir war nach Auszeit. Wir machten ein pures Anna-Mercedes Wochenende. Wir kauften Tee und Kuchen und machten lauter so mädchenhafte Anna-Sachen zusammen, die ich allein oder mit anderen Freundinnen nie gemacht hätte. Durch Anna entdeckte ich die kostbare Romantik von alten Teetassen und Kirschen auf dem Balkon. Ich beobachtete ihre selbstgebastelten Collagen an der Wand und stöberte durch ihr CD-Regal. Neuer Input, überall. Was zog sie an, welches Buch lag auf ihrem Nachtisch. Ich entdeckte ihre Sofia-Coppola-Filme. Ihr ästhetisches Bewusstsein entsprach meinem und was sie damit machte, gefiel mir. Wir kauften uns T-Shirts, schnitten Bilder aus und druckten sie darauf. Dabei erzählten wir uns aus unseren Welten. Annas Einstellungen und Erlebnisse regten mich zum Nachdenken und zur Änderung meiner Sichtweisen an. Außerdem konnte ich mich bei ihr plötzlich ganz neu reflektieren, weil sie mich noch nicht eingeordnet hatte. In meinem alten Freundeskreis nahm ich eine fest definierte Rolle ein. Sicherlich, weil diese auch zum Großteil meinem tatsächlichen Charakter entsprach. Dennoch: Manchmal merkt man nicht, dass man sich entwickelt hat und vielleicht neue Züge annimmt. Traut sich nicht, sich neu auszuprobieren. Bei Anna hätte ich mich theoretisch sogar komplett neu erfinden können. Tat ich nicht, aber ich stellte fest, dass ich eben auch eine andere Seite hatte, als diese rasante, laute, ungeduldige, für die ich bei meinen Freunden bekannt war. Anna war wie ein Aktualisierungsbutton, anhand dessen ich mich einfach mal neu laden konnte. Man ist höflicher und bewusster mit neuen Bekanntschaften, weil man sie nicht enttäuschen möchte. Man steckt zurück, wo man es sonst nicht tun würde. Weil der neue Freund dasselbe tut, bleibt er für eine ganze Weile lang auch erstmal sehr fehlerlos und interessant. Meine beste Freundin Johanna ahnte diesen Wettbewerbsvorteil. Ihre erste Frage, als ich heimkam war deshalb: „ Und, hast du jetzt eine neue beste Freundin?“ „Nein. Aber hast du Lust vorbeizukommen und Cupcakes mit mir zu backen? Und dann setzen wir uns auf den Museumshafensteg und trinken meinen neuen Jasmintee?“ „Mercedes, backen und Tee? Du? Aber hey, eigentlich echt voll nett!“

Text: mercedes-lauenstein - Illustration: judith-urban

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