Bereit zum Andocken?

Nach fünf Jahren Beziehung sind Nadine und Sebastian in eine gemeinsame Wohnung gezogen. In unserer neuen Kolumne berichten sie vom Schönen und Schlimmen, das das mit sich bringt. Hier erzählt Nadine, weshalb sie lange zögerte.
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NADINE 

Erst nervte mich das Geschirr in der Spüle. Dann, dass mein einer Mitbewohner immer so lange telefonierte und seine Freundin das Bad blockierte; die Lache meines anderen Mitbewohners nervte mich und sein nervöses Pfeifen. An dem Tag, an dem mich der Schlüssel nervte, der sich im Schlüsselloch umdrehte, hatte ich die erschreckende Erkenntnis: Meine Mitbewohner waren voll nett! Doof war: ich.    

Nach acht Jahren WG musste Schluss sein damit. Da ich mit zwei Elternteilen, vier Geschwistern und einem übergewichtigen Hund aufgewachsen bin, klang „alleine wohnen“ aber auch beängstigend. Sicher hätte ich meinem Freund Sebi schon früher vorschlagen können zusammenzuziehen. Aber erst waren wir zu jung, dann war Selbstfindung angesagt, und als wir wieder zusammenkamen, wohnte Sebi in Ludwigsburg und ich 617 Kilometer entfernt in Berlin.

Wenn ich eingequetscht auf dem Mittelsitz einer überfüllten Mitfahrgelegenheit saß, während unserer zwei-Stunden-Telefonate, in denen wir jeden Satz der neuen „Breaking Bad“-Folge analysierten, oder wenn ich krank war und Sebi mir keinen Tee machen konnte, dachte ich immer wieder, dass es schön wäre, zusammen zu wohnen. Und als wir uns nach einem Familienfest am Bahnhof verabschiedeten, sagte Sebi es auf einmal auch: „Wäre doch gut, wenn wir jetzt einfach zusammen heimfahren könnten.“    

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Illustration: Julia Schubert



Es gab nie diesen einen Tag, an dem wir beschlossen, zusammenzuziehen. Ich habe mich auch nie gefragt, ob ich wirklich mit Sebi zusammenziehen wollte. Viel eher ging es darum, ob ich überhaupt mit ihm zusammenziehen konnte. Er hatte noch ein Jahr Uni vor sich und ich studierte auch noch – mit dem Ziel, Drehbuchautorin zu werden. Ein Beruf mit schlechten Arbeitsbedingungen und mangelnder Bezahlung. Örtliche Unabhängigkeit war eigentlich sein einziger Vorteil.    

Ich habe keine Ahnung, ob Sebi es überhaupt mitgekriegt hat, aber ich klärte mit meinem Professor, dem Studiengangsleiter und dem Prüfungsamt, ob ich den Unterricht aus dem vierten Jahr im dritten absolvieren, meine ausstehenden Projekte bis zum Sommer abschließen, meine Diplomarbeit an einem anderen Ort schreiben könnte. Rein hypothetisch, versteht sich. Rein hypothetisch habe ich dann auch all diese Vorkehrungen getroffen, um die Möglichkeit zum Umzug nach Ludwigsburg zu haben. Und dann ergab es irgendwann keinen Sinn mehr, diese Möglichkeit nicht auch zu nutzen.    

Das Bett und der komische gelbe Schrank, für immer?

Überraschenderweise wurde ich als Frau, die zum Partner ziehen will, häufig kritisiert. Es hieß, dass ich mein Leben aufgäbe, nur einer Beziehung wegen. Als ich vor drei Jahren nach Berlin zog, war mir die berufliche Selbstverwirklichung wichtiger gewesen. Das hatte damals niemanden gestört. Jetzt, da ich mein Diplom schreiben konnte, wo ich wollte, war es auf einmal verpönt, mich doch für die Beziehung zu entscheiden.    

Doch bevor ich ins Grübeln geriet, ging alles ganz schnell. In Sebis Haus wurde eine Wohnung frei, die Freundin meines Mitbewohners richtete gedanklich schon mein Zimmer mit ihren Möbeln ein, ich fand den einzigen passenden Job in Ludwigsburg. Plötzlich saß ich im Umzugsauto, verließ Berlin über die Neue Kantstraße und verdrückte dabei ein Tränchen. Umzugs- und Auspackstress hielten Sebi und mich einige Tage auf Trab. Doch dann war es so weit: Unsere erste Nacht in unserem ersten Schlafzimmer. Ich bekam Panik! Dieses gemeinsame Bett. Dieser komische gelbe Schrank. Und wenn das alles klappte – was ich ja wollte – dann hieße das: Das bleibt jetzt so. Für immer!    

Ich sah Sebi an. In den letzten fünf Jahren war immer er der mit der Bindungsangst gewesen. Früher durfte ich mich nicht mal auf seinen Schreibtischstuhl setzen und jetzt lag er in diesem Doppelbett und sah mich völlig zufrieden an? „Komm, das ist nur ungewohnt“, sagte er, als er merkte, dass ich traurig war, was er immer merkt, weil er mich kennt. Und das stimmte, es war ungewohnt. Aber ich wusste auch, wenn sich jetzt der Schlüssel im Schloss umdreht, werde ich nicht genervt sein. Denn das bedeutet: Jetzt kommt Sebi nach Hause. Und das ist gut.      

Hier fragt Sebastian: "Wie soll ich wissen, was ich in fünf Jahren wollen könnte?"


Text: nadine-gottmann - Illustration: Yinfinity

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