Bereit zum Andocken?

Und hier beschreibt Sebastian, warum ein Duschvorhang erheblichen Einfluss auf seine Entscheidung hatte, mit Nadine zusammenzuziehen.
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SEBASTIAN 

Ich erfülle ein männliches Klischee: Mir geht es relativ schnell relativ gut. Wenn ich abends nach einem langen Tag in meinem kleinen WG-Zimmer ankam, setzte ich mich auf meinen Schreibtischstuhl, strich den Staub von der Tastatur, schaltete meine diversen Monitore an und war zufrieden.    

Freundin? Ja, die hatte ich, aber nicht hier, sondern 617 Kilometer Richtung Norden. „Denkst du denn nie an mich, wenn du da an deinem Schreibtisch sitzt?“, fragte Nadine. „Naja, ,nie’ würde ich jetzt nicht sagen... Aber auf meinem Stuhl ist schon alles okay, wie es ist“, sagte ich. „Aber da bin ich ja gar nicht dabei! Dir ist es immer egal, ob ich da bin!“ – „Naja, ,immer’ würde ich jetzt nicht sagen...“    

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Illustration: Julia Schubert



So oder ähnlich verliefen viele Telefongespräche, die nach Nadines Meinung viel zu selten stattfanden, oder die Enden von gemeinsamen Wochenenden in einer fremden Stadt, die nach Nadines Meinung nie lang genug waren. Ich besuchte Nadine gerne und hatte sie auch gerne als Gast bei mir, aber irgendwie fühlte ich mich wie ein Fremdkörper bei ihr und sie fühlte sich nach Fremdkörper an, wenn sie da war. Im Laufe der Zeit kannte man einige Leute aus dem Leben des anderen und hatte auch eine Zahnbürste dort platziert, aber man war und blieb fremd an diesem Ort.

Ich musste in Berlin meine Schuhe ausziehen und den Duschvorhang über die Stange hängen. Nadines Laptop lag in Ludwigsburg immer unter dem undichten Fenster, und wenn sie ihren riesenhaften Koffer aufklappte, schwand mein Wohnraum um die Hälfte. Sogar für mich war es also offensichtlich, dass es nicht der Sinn einer Beziehung sein konnte, alles am besten zu finden, wenn jeder alleine auf seinem weit entfernten Schreibtischstuhl sitzt.    

Wie soll ich wissen, was ich in fünf Jahren wollen könnte?

Aber der Gedanke, das ganze Leben mit demselben Menschen zu verbringen, war für mich eine dystopische Kombination aus „Fahrenheit 451“ (mit all den schlechten Special-Effects) und „I am Legend“ (nur ohne Flugzeugträger als Golfplatz). Was weiß denn ich, was die Zukunft bereit hält? Kann sein, dass man morgen vom Regionalexpress überfahren wird, kann sein, dass man als (Film-)Wissenschaftler mit zur Mars-Mission soll. Ich weiß ja nicht mal, was ich heute wollen kann, wie soll ich wissen, was ich in fünf Jahren, in zehn oder in 50 Jahren wollen könnte? Wenn Nadine von der Zukunft sprach und dabei keine Science-Fiction im Kopf hatte, lief es mir kalt den Rücken runter und ich spürte, wie sich Handschellen um meine Gelenke legten. Meine mir heilige Freiheit war in Gefahr!    

Und das, obwohl Nadine wirklich umsichtig mit ihr umging. Sie mochte es, wenn ich abends lieber Plastikfigürchen anmalte als in den Club zu gehen, oder zumindest tat sie so; und sie mochte es, wenn ich lieber begeistert Geschichten aus Computerspielen zitierte als aus dem gemeinsamen Urlaub, oder zumindest tat sie so. Sie gab sich alle Mühe, mir zu beweisen, dass ich keine Angst um meine Freiheit haben müsste. Hatte ich aber trotzdem.    

Wieso sich das plötzlich änderte? Vielleicht weil mir langsam bewusst wurde, dass die Wahrscheinlichkeit einer Marsmission unter meiner Beteiligung stetig sank. Vielleicht weil ich wusste, dass es nicht leicht werden würde, noch mal jemanden wie Nadine zu finden. Vielleicht auch, weil die neue Wohnung befristet für ein Jahr zu haben war. Ich könnte mir mit den Worten „Mal sehen, wie es wird“ Unverbindlichkeit vorlügen. Gleichzeitig strich ich sehr verbindlich und mit großem Elan Wände und montierte Möbel. Und dann lag ich in unserer neuen Wohnung im Doppelbett, blickte meiner Freundin ins nachdenkliche Gesicht und sagte halb zu mir, halb zu ihr: „Komm, das ist nur ungewohnt.“

Hier schreibt Nadine, weshalb sie lange gezögert hat.

Text: sebastian-hilger - Illustration: Yinfinity

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