"Bittschee, a Zehnerle!"

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NADINE

Ich gehörte nie zu der Sorte zugezogener Lokalpatriotinnen, die außerhalb von Berlin die Nase rümpften, wenn es in der Kneipe keine Mate gab. Ich habe auch nicht jeden zweiten Satz mit den Worten "In Berlin..." angefangen und mit "... tanzt man auf den Dächern", "... gibt es einfach die geilsten Clubs" oder "... wohnen nur Künstler und andere coole Leute" beendet. Für mich ist Berlin letzten Endes eine (tolle) Stadt und kein Lebensinhalt – andernfalls hätte ich den Umzug von der Hauptstadt in die Provinz wohl auch nicht über mich gebracht.  

Als sich mehr und mehr herauskristallisierte, dass Sebi und ich das erste Fernbeziehungspaar zwischen Berlin und Ludwigsburg sein würde, das sich vorübergehend in Ludwigsburg niederließ, spalteten sich die Reaktionen meiner Freunde in zwei Lager: Für die einen war es der größte Alptraum aller Zeiten – ein Leben ohne Mauerpark, Warschauer Straße, Späti, dafür mit Kehrwoche, Bier für 3 Euro und Kässpätzle (nicht vegan). In den anderen wurde hingegen eine tiefe Sehnsucht geweckt. Sie gestanden, dass sie sich eigentlich nichts mehr wünschten, als auch weg zu können aus dem lauten Berlin in die Kleinstadt, wo die Welt noch in Ordnung war, und dass sie dort auch gerne einen Garten hätten, in dem sie Tomaten pflanzen würden.  

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Illustration: Julia Schubert


Ich schlug mich beim Kistenpacken tapfer auf die Seite der Optimisten, doch als ich meiner Nachmieterin den Wohnungsschlüssel übergab, hatte ich einen Kloß in Hals. Seit zehn Jahren hieß es, Moabit würde das neue In-Viertel Berlins werden. Was, wenn es wirklich das neue In-Viertel würde und ich war nicht dabei? Was, wenn die Mieten so stark anstiegen, dass ich nie wieder eine Wohnung in Berlin finden würde? Traurig winkte ich Klaus und Regina von meiner Stammkneipe, dem Bolu-Marktschreier und dem Falafel-Mann aus meinem Haus zum Abschied zu.  

In Ludwigsburg wohnen wir mitten in einem Wohngebiet – wie erwachsene Leute. Einen Bolu gibt es hier nicht, nur einen Lidl, zu dem man mit dem Fahrrad fahren muss. Den ersten Kulturschock erlitt ich, als wir ins Kino wollten. Um "Gravity", nicht gerade ein Nischenfilm, im Original zu sehen, fuhren Sebi und ich eine Dreiviertelstunde nach Stuttgart-Vaihingen; der Kinosaal war wie ein langer Schlauch und es gab keine Popcorn-Maschine.  

Um Freundschaft mit dem neuen Leben zu schließen, schlug Sebi mir vor, viel zu unternehmen. Ich entschied mich für eine Ausstellung namens "Sand-Welt". Sandskulpturen auf der Bärenwiese; die konnte ich mir ja mal ansehen. Konnte ich nicht. Die Sand-Welt war von blickdichten Zäunen umgeben. Gucken durfte nur, wer Eintritt bezahlte – was in diesem Fall niemand war. Ebendies galt auch für die Kürbisausstellung mit der größten Kürbissuppe der Welt und sogar für den Park "Blühendes Barock". Im Schwimmbad bekam ich keine Studenten-Jahreskarte, da ich das 25. Lebensjahr längst vollendet hatte; ich erfuhr dabei, dass man das Wort "Zweitstudium" hier gar nicht gern hörte.  

"In der Provinz unverstanden - in Berlin eine verhasste Schwäbin"


Auf dem Heimweg dachte ich wehmütig an die kostenlosen Open-Air-Partys, Ausstellungen und Konzerte in Berlin und an die ruppige Kassiererin im Alten Stadtbad, der mein Alter immer herzlich egal gewesen war. Eigentlich sollte doch jeder ein Recht auf Kultur haben und freien Zugang dazu! Doch vermutlich gab es in Ludwigsburg kein Geld für das Kulturangebot, weil mit dem Geld der Ludwigsburger das Kulturangebot in Berlin finanziert wurde. "Mir ganget net bei Rot. Des machet nur ganz dumme Leut", weckte mich in diesem Moment die Stimme einer übereifrigen Mutter aus meinen Gedanken. Nun war ich  auch noch bei Rot über eine einspurige leergefegte Straße gegangen. Mir fielen die armen Berliner Kinder ein. Dass sie jeden Tag mitansehen mussten, wie Leute bei Rot mehrspurige vielbefahrene Straßen überquerten, war wirklich noch das harmloseste.  

In Ludwigsburg ist die Welt in Ordnung. Hier lernt man noch, was das bedeutet, "Richtig" und "Falsch". Hier singt die Bäckersfrau "Bittschee, a Zehnerle", wenn sie einem das Rückgeld überreicht. In Berlin heißt das: "Da haste dein Geld und jetzt scher dich zum Teufel. Wir machen gleich zu." In Berlin ist das Leben aufregend, klug und sexy. In Ludwigsburg ist es einfach, sicher und warm.  

Zwischen beiden Polen bin ich eine Heimatlose. In meiner Jugend fühlte ich mich auf der Alb unverstanden und wollte weg. In Berlin war ich dann eine der verhassten Schwaben. Wieder zurück in Baden-Württemberg spreche ich zu sauberes Hochdeutsch, habe ein zu geringes Einkommen und störe den geordneten Verkehrsfluss sowie die Erziehungsmaßnahmen schwäbischer Eltern.  

Meine 55-jährige Arbeitskollegin in Potsdam war vor meinem Umzug ganz aufgeregt, was daran lag, dass sie selbst erst ein Mal in ihrem Leben umgezogen war. Bei mir war es jetzt das sechste Mal. Und wie viele Leute meiner Generation habe ich deshalb beschlossen, den Begriff von "Heimat" nicht mehr an Orten festzumachen, sondern an den Menschen, die ich mag. Sebi zum Beispiel.

Auf der nächsten Seite beschreibt Sebastian warum es für ihn nicht schlimm war nach Ludwigsburg zu ziehen.


SEBASTIAN

Sollte ich jemals berühmt werden, wäre eine der Sachen, die ein eifriger Praktikant der Bild-Zeitung über mich rausfinden könnte, meine Herkunft vom Dorf. Wenn man heute "in" sein will, ist man ja in Berlin im Kiez aufgewachsen oder in Hamburg am Fischmarkt; alternativ gingen noch Halle an der Saale oder Jena oder sonst eine Oststadt deren Fußballvereine lustige Namen tragen. Aber von meinem kleinen Eifeldörfchen war da bislang noch nichts zu hören, außer dass es als Beispiel für "strukturschwache Region in Mitteldeutschland" genannt und in diversen Krimis als Ort des Kulturschocks für den Großstadtbullen genutzt wird.  

Mir kommt das hier in Ludwigsburg also alles gar nicht so fremd vor; von Strukturschwäche zwar keine Spur, aber die Leute grüßen einen auf der Straße (zumindest vor 21 Uhr - danach gibt's da keine Leute mehr) und der Nachbar hilft einem mit dem Streusalz, wenn man sein sommerbereiftes Auto im eisigen Hof festgefahren hat (zumindest vor 21 Uhr am Abend - danach schläft der Nachbar); alles genauso wie in meinem Heimatdorf.  

Als Kind dachte ich mir immer, es sei doch eigentlich egal, wo man herkäme, und dass der Ort nicht mehr als die Zusammenlegung von mehr oder weniger vielen Häusern sei, das entscheidende bliebe gleich: man sei ja letztlich "Mensch". Diese lobenswerte Einstellung, die selbst unser Vorzeigehumanist Captain Jean-Luc Picard nicht hätte treffender formulieren können, wird dann aber ganz schön auf die Probe gestellt, wenn man mal an verschiedenen Orten gelebt hat. Man beginnt zu erkennen, dass ein Ort eben doch mehr ist als die räumliche Nähe der Behausungen seiner Bewohner.  

"Über das Mülltrennungssystem werden Dokumentarfilme gedreht!"


Tatsächlich habe ich dann später auch mal in einer richtigen Stadt gewohnt, Köln. Die gilt zwar gemeinhin nicht als "in", konnte mir aber trotzdem die Vorzüge von Kioskbier und öffentlichem Nahverkehr verdeutlichen. Ich kann Nadine also verstehen. Auch für mich war es ein Kulturschock, ins übereifrige Ludwigsburg zu ziehen. Ein Ludwigsburg, über dessen Mülltrennungssystem eigene Dokumentarfilme gedreht werden müssen, damit man als Zugezogener überhaupt eine Chance hat, seinen Joghurt-Becher korrekt zu sortieren. Ein Ludwigsburg, in dessen Innenstadt die Rasenflächen von automatischen Rasensprenklern benässt werden und es überhaupt so sauber ist wie auf Omas Beistelltisch. Und ein Ludwigsburg, wo der irritiert auf mein Stormtrooper-Kostüm starrende Barmann mir zu erklären versucht, dass Fasching doch irgendwann im November sei und nicht an einem Montag im Februar, der außerhalb dieser Enklave der Ordnung gemeinhin als "Rosenmontag" bezeichnet wird. 

Ja, es wird nicht immer leicht sein, und Nadine wird sich am Anfang irritiert und vielleicht auch alleine fühlen. Sie hat ihre Freunde zurückgelassen und ihr Leben war nicht schlecht. Aber ich werde versuchen, ihr ein warmes zu Hause zu geben, mit allem was dazu gehört (Kaffee am Morgen und Tomate-Mozzarella am Abend). Und wenn es uns nach einem Jahr nicht gefällt, dann gehen wir halt nach Hamburg zum Fischmarkt oder zu Carl-Zeiss Jena, das ist dann eigentlich auch egal; denn wir gehören jetzt zusammen. 

sebastian-hilger



Text: nadine-gottmann - und Sebastian Hilger / Illustration: Yinfinity

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