Und, schmeckt's dir?

Nach fünf Jahren Beziehung sind Nadine und Sebastian in eine gemeinsame Wohnung gezogen. In ihrer Kolumne berichten sie vom Schönen und Schlimmen, das das mit sich bringt. Folge 11: Nahrungsaufnahme.
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Bevor man zusammenzieht, hat man einiges an Ängsten auszustehen. Wie wird das mit dem Geld, der Freiheit, der Lebensqualität und überhaupt: Werden wir uns eigentlich verstehen? Aber dass Nadine und ich nach knapp drei Monaten resümieren, dass unser heißester Streitpunkt das Thema "Essen" ist, hat wirklich niemand erwartet.  

Als ich in meine erste kleine Wohnung in Köln gezogen bin, genoss ich es, endlich für mich selbst einkaufen zu können. Ich war zwar ein miserabler Koch (meistens gab es Püree mit Nudeln mit Apfelmus), aber die Freiheit, sich endlich die Dinge kaufen zu können, die man gerne mag (oder glaubte zu mögen), das war ein erhebendes Gefühl. Und was es da für tolle Dinge gab! Die meisten davon schmeckten zwar nicht halb so gut, wie sie auf der Packung aussahen, aber der kleine Sebi forschte sich eifrig durch die langen Gänge der Supermärkte.  

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Illustration: Julia Schubert



Jetzt, knapp zehn Jahre später, sind meine Fähigkeiten als Koch auf zwei essbare Mahlzeiten angewachsen ("Thai-Curry" und "Sebi-Spezial"). Wenn mich Freunde auf mein wildes Wirbeln im Küchendampf ansprechen, wird gern gesagt, dass ich schon wisse, was ich da tue, schließlich stamme ich aus einer Gastronomenfamilie - allerdings wurde ich ganz offensichtlich im Krankenhaus vertauscht. Ja, ich gebe es zu: In der Küche besteche ich nach wie vor mehr durch meinen Einsatz als durch mein Geschick. Und so kommt es schon mal vor, dass, wenn ich Nadine etwas ganz Besonders bieten will, es einfach besonders viele Dinge gibt. Das liegt nicht daran, dass ich Essen nicht zu würdigen weiß oder der modernen Konsumkultur huldigen will, sondern daran, dass die jeweiligen Einzelangebote alleine nicht überzeugen.  

Dazu teile ich eine männliche Ur-Angst: die Angst, nicht satt zu werden. Vielleicht liegt es an den Genen, da wir früher ein Wildschwein essen mussten, um dann tagelang nach neuen Wildschweinen zu suchen. Wohl denen, die sich vorher satt gegessen hatten, statt nur einen kleinen Wildschweinsnack genascht zu haben. Dass die meisten von uns heute weder Wildschweine essen noch tagelang hungern müssen, das haben unsere Gene halt einfach noch nicht gecheckt - aber da kann ich doch nichts dafür! Und so kommt es gelegentlich dazu, dass Nadines kritischer Blick auf mein zwölftes Brot ("Muss das jetzt sein?") ein beherztes "Ja es muss!" auslöst und auch noch eine dreizehnte Stulle in meinen Magen wandert.  

Wegen unserer unterschiedlichen Essgewohnheiten, wird jetzt auch beim Einkaufen streng getrennt: deine Joghurts (Kirsch), meine Joghurts (Maracuja). Dein Käse (Maasdamer), mein Käse (Gouda). Dabei hat Nadine aber eines nicht bedacht: Man nehme zwei anonymisierte Personen X und Y, eine mit kleinem Hunger (X), eine mit großem Hunger (Y). Beide Personen habe jeweils eine Eigenschaft: X will nichts verderben lassen und Y will nicht hungern. Kauft man nun identische Mengen für den unterschiedlichen Verbrauch, wird sich nach einer bestimmten Zeit T ganz zwangsläufig ein interessantes Bild ergeben: Berge von Maasdamer und Kirschjoghurts. Und so hat sich mittlerweile eine nicht minder absurde Situation eingependelt. Während ich genießend meinen Maracuja-Joghurt löffle, muss Nadine gegen immer größer werdende Berge an Käse und ausufernde probiotische Kulturen ankämpfen, die an ihrem Stolz nagen. Und irgendwann, wenn der Stolz genügend abgenagt ist, fällt der Satz: "Du Sebi, der Maasdamer ist übrigens zum Essen freigegeben!"

Auf der nächsten Seite: Nadine über unterschiedliche Essgewohnheiten und Sebi, der ihr immer alles wegisst - und dabei auch noch einen schwachen Magen hat!


Wenn ich mich im Restaurant umsehe, wird mir ein Grund offenbar, warum Männer und Frauen so gut zusammenpassen: Nicht selten werden in stillem Einverständnis die Teller getauscht und der männliche Part lässt sich die restliche Mahlzeit der Freundin munden, während sie mit vollem Bäuchlein höchstens noch an seiner Cola nippt.  

Seit wir zusammenwohnen, ist es auch für Sebi zu einer Selbstverständlichkeit geworden, dass ihm regelmäßig eineinhalb Mahlzeiten zustehen. Ich finde das gut, denn Essen wegzuschmeißen ist frevelhaft, und solange Sebi nicht zur Tonne mutiert, soll er sich meine Reste ruhig schmecken lassen. An dieser Stelle endet jedoch auch schon unsere Eintracht, wenn es ums Essen geht.  

Unser Essverhalten unterscheidet sich nämlich insofern, als dass Sebi viel und dafür selten, ich wenig und dafür ständig essen will. Dass diese beiden Ausprägungen des Essens einander widersprechen, merke ich immer dann, wenn ich den Kühlschrank aufmache, weil ich schon wieder Hunger habe. Dann ist nämlich regelmäßig nichts mehr drin, weil Sebi schon so viel gegessen hat. Und hungrig neige ich zu schlechter Laune. Weshalb uns nichts anderes übrig bleibt, als durch ausgiebige Einkäufe für ununterbrochene Nahrungszufuhr zu sorgen.  

Da wir uns die Kosten für die Einkäufe brüderlich teilen, weist mich mein Kontoauszug inzwischen mit Nachdruck darauf hin, dass sich meine Ausgaben für Lebensmittel seit dem Zusammenziehen mindestens verdoppelt haben. Das hat mehrere Ursachen: Sebi speichert die Nahrung zwar in seinem Körper wie ein Kamel, auch wenn keine dürren Jahre in Aussicht sind; außerhalb seines Körpers gelingt ihm das jedoch leider nicht. Nach dem Einkauf haben sich allerlei Leckereien in unserem Kühlschrank angesammelt. Ich bin nur kurz im Bad und überlege noch, dass wir heute den Salat machen können, morgen die Suppe, übermorgen Spiegeleier. Doch kaum kehre ich in die Küche zurück, wurden bereits Eier aufgeschlagen, im Topf köchelt Kürbis-Suppe und Sebi schnippelt eifrig Salat. Ich habe auch nichts gegen Frühstücke mit Croissants. Und Brötchen. Und Toasts. Und Müsli. Und Joghurt. Und Salat. Aber bitte nicht, wenn das zur Folge hat, dass es den Rest der Woche nur noch trockenes Brot und Wasser gibt – falls wir noch Brot haben.  

Des Weiteren hat Sebi die völlig irrationale Angst, er könnte durch Essen vergiftet werden. Das liegt zum einen daran, dass er eine komische Nase hat, mit der er nichts riechen und folglich auch nichts schmecken kann. Zum anderen daran, dass man zwar ein Kamel-Speichersystem, gleichzeitig aber nur einen Mäuse-Magen in seinen Körper eingebaut hat. Gehe ich mit Sebi was trinken, weiß ich schon, wer sich danach wieder übergibt. Sogar ein angelaufener Kinderriegel aus dem Automaten, den Sebi nicht wegwerfen wollte, weil er ihn immerhin bezahlt hatte, setzte den 1-Meter-86-Mann eine Woche außer Gefecht.  

In unserem Haushalt bin also ich diejenige, die die Milch auf Frische testet, Brote, Käse und Gemüse inspiziert, damit meinem Freund davon nicht schlecht wird. Sebi beobachtet mich dabei misstrauisch, bevor er sich entschließt, die Sachen trotz aller Inspektion sicherheitshalber doch nicht zu essen (was sagt mein Magen schon über seinen Magen aus?)  – und mal wieder einkaufen fährt.  

Bei diesen Einkäufen bin ich inzwischen nicht mehr dabei und Sebi wagt es auch nicht mehr, mir die Kassenzettel rüberzuschieben. Denn im tiefsten Inneren muss er doch einsehen, dass ein Brot, wenn man es in seinem Tempo isst, überhaupt keine Zeit hat, alt zu werden. Und während Sebi mir frech eine „Acht“ entgegenruft, als er in seine achte frische Brotscheibe beißt, kaue ich auf der zweiten Scheibe des anderen Brots. Bis ich damit fertig bin, wird es noch eine ganze Weile dauern. Aber immerhin isst es mir jetzt keiner mehr weg.

nadine-gottmann

Text: sebastian-hilger - und nadine-gottmann; Illustration: Yinfinity

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