"Das tut weh. Das tut richtig weh."

Armin Schuster, CDU, musste gleich nach dem Einzug in den Bundestag sein wichtigstes Anliegen verraten. Das setzt ihm noch heute zu.
jetzt-Redaktion
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Illustration: Julia Schubert



"Ich kriege meine Gefühle manchmal nur schwer gebändigt, gerade weil ich hier nach eineinhalb Jahren noch neu bin und vieles nicht kenne. Ich bin ja kein Parteisoldat und habe trotzdem ein Direktmandat gewonnen. Ich komme also eher als normaler Bürger hier in den Bundestag und empfinde auch so. Zum Thema Unschuld fallen mir nun drei Dinge ein.

Ich bin 29 Jahre Polizeibeamter gewesen und wollte mich natürlich stark für die Beamten einsetzen. Prompt bin ich vor eineinhalb Jahren, nach meinem Einzug in den Bundestag, beamtenpolitischer Sprecher meiner Fraktion geworden. Jetzt raten Sie mal, was ich als Erstes vollziehen musste? Die Streichung des Weihnachtsgeldes für die Bundesbeamten zu Gunsten des Sparpaketes. Dazu war auch sofort mein erster Redebeitrag in der Fraktion. Normalerweise überlegst du genau, wann du zum ersten Mal etwas in der Fraktion sagst - und noch mehr, wann du etwas Kritisches sagst. Aber ich bin aufgestanden und habe meine Kritik geäußert.

Mit der Hilfe einiger Parteipromis habe ich erreicht, dass das Weihnachtsgeld nur für vier Jahre suspendiert wird – dann habe ich mit den anderen für die Kürzung gestimmt. In diesem Moment habe ich meine Unschuld verloren. Obwohl ich ehemaliger Beamter war, war ich nicht in der Lage, mich hier zum Helden der Beamten hoch zu schwingen. Ehemalige Kollegen haben dann über die Gewerkschaft gegen mich agitiert. Das tut weh. Das tut richtig weh.

Nun zu Japan und der Atomkraft. Wenn du als normaler Bürger hier rein kommst, dann willst du deinem Verstand folgen. Seit dem Erdbeben in Japan bin ich aber in totaler Unordnung. Ich weiß aus zig Erhebungen, dass 80 bis 90 Prozent der deutschen Bevölkerung den Atomausstieg und eine andere Energiepolitik verlangen. Jetzt toben in mir Verstand gegen Gefühl. Die Menschen fühlen plötzlich so intensiv. Sie hatten vielleicht keine Zeit, unser Energiekonzept anzuschauen, in dem die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke doch nur ein Punkt von 60 Punkten war. Was in Japan passiert ist, appelliert nicht mehr an den Verstand. Was soll ich nun tun? Ich kann vielleicht gegen die Meinung von 50 Prozent der Bevölkerung regieren. Aber gegen 90 Prozent? Deswegen habe ich zum ersten Mal gefühlsmäßig abgestimmt – für das Moratorium bei der Laufzeitverlängerung.

Neulich fragte mich Wolfgang Schäuble, wie ich mich nach eineinhalb Jahren fühle. Ich sagte: Herr Schäuble, ich weiß nicht, wie Sie das aushalten. Das ist doch ein unglaublicher Druck hier. Er sagte, die letzten eineinhalb Jahre seien tatsächlich beispiellos gewesen. Wer ruhiges Fahrwasser braucht, wird sich hier nicht wohl fühlen.

Politik ist das Ausbalancieren von Interessengruppen und da komme ich zum dritten Punkt. In meiner Heimat beschäftigt mich gerade der Ausbau der Rheintalbahn. Beteiligt sind das Bundesverkehrsministerium, der Haushaltsausschuss, die Deutsche Bahn AG, die Landesregierung Baden-Württemberg, der Regierungspräsident, Kommunalverantwortliche, die betroffenen Bundestagsabgeordneten, Bürgerinitiativen. Die hatte ich in wechselnden Zusammensetzungen am Tisch sitzen. Ich habe moderiert und aus meiner Sicht einen Erfolg erzielt. Einen Kompromiss. Aber jeder einzelne Spieler in diesen Verhandlungen empfindet das Glas nach dem Ende der Verhandlungen sehr wahrscheinlich als halb leer. Das ist ernüchternd. Der Erfolg eines Abgeordneten basiert auf der Fähigkeit, Menschen zu vernetzen – aber ein besseres Image erwerben Sie sich mit einer guten Moderationsleistung trotzdem nicht."   

Zum einführenden Text der Geschichte "Das Ende der Unschuld" geht es hier. Zur Übersicht mit den 20 Abgeordneten, die über ihre Ernüchterung in der Politik erzählen oder schreiben, kommst du hier.



Text: jetzt-Redaktion - Illustration: Katharina Bitzl

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