"Der eigene Tellerrand war das einzige, was zählte"

Elisabeth Scharfenberg, Grüne, aus Oberfranken hat am Beispiel eines geplanten Autobahnbaus in ihrer Heimat erlebt, wie zwiegespalten viele Politiker sind.
jetzt-Redaktion
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Illustration: Julia Schubert



"Als ich in der letzten Legislaturperiode als Neuling im Bundestag ankam, stammten meine politische Erfahrungen ausschließlich aus der Kommunalpolitik. Als Bewohnerin eines Flächenlandes war Mobilität eine der großen Baustellen, die es zu bearbeiten galt, vor allem unter dem Gesichtspunkt der Umweltverträglichkeit. Jahrelang haben wir uns in der Region gegen den Ausbau einer Bundesstraße zu einer vierspurigen Autobahn und für den Erhalt der Bahn in der Fläche eingesetzt. Die neue Autobahn sollte mitten durch den Naturpark Fichtelgebirge führen, und auf einer Ost-West-Achse den Schwerlastverkehr aus und nach Tschechien leiten. Angesichts der hohen Autobahndichte in der Region für uns Grüne ökologisch nicht vertretbar und verkehrspolitischer Unsinn. Lange Zeit kursierten verschiedene Varianten für die Autobahnführung. Verblüfft stellte ich fest, dass die konservativen Lokalgrößen sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuschoben. Nach dem Motto: Die neue Autobahn ist für unsere strukturschwache Region wichtig, aber baut sie bitte nicht bei uns. Sich gegen den Ausbau zu stellen hätte Konflikte mit dem wirtschaftsfreundlichen Kurs der eigenen Partei gebracht, für die Großbauten noch immer der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg sind. Es war eine ernüchternde Erfahrung zu sehen, dass der eigene Tellerrand hier das einzig war, was hier zählte.

Die politische "Unschuld" oder eine gewisse politische Naivität verliert man nicht an einem Tag, sondern im alltäglichen Geschäft. Zum Beispiel in Konfliktsituationen wie der, im Rahmen des Ausbaus Erneuerbarer Energien für neue Stromtrassen eintreten zu müssen und den ökologischen Überlegungen und den Aspekten des Landschaftsschutzes vor Ort.   Auch wenn die politische Entscheidungsfindung bisweilen desillusionierend ist, bin ich davon überzeugt, dass das Ergebnis zu einer größeren, einer gemeinsamen Vernunft führt.

Übrigens, die Autobahn wird nicht gebaut. Wegen des Widerstandes in der Bevölkerung, und weil das Staatssäckel leer ist. Durchgesetzt hat sich also am Ende nicht die Unschuld, nicht die Politik am Tellerrand, sondern diese größere politische Vernunft."


Zum einführenden Text der Geschichte "Das Ende der Unschuld" geht es hier. Zur Übersicht mit den 20 Abgeordneten, die über ihre Ernüchterung in der Politik erzählen oder schreiben, kommst du hier.

Text: jetzt-Redaktion - Illustration: Katharina Bitzl

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