"Gott sei Dank war ich als Kind nie die Königin"

Marianne Schieder, SPD, glaubt, dass man jeden Tag ein Stück seiner Unschuld verliert, weil einen das Leben zum Handeln zwingt.
jetzt-Redaktion
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Illustration: Julia Schubert



„Wenn ich über die gestellte Frage so nachdenke, kann ich sagen, dass meine grundlegenden Ideale und Werte heute noch die selben sind und dass ich sie trotz meiner intensiven politischen Arbeit noch nicht relativieren oder gar über Bord werfen musste. Es bedeutet aber nicht, dass ich von Beginn an mit wenig Idealismus in die Politik eingestiegen bin oder bislang keine Enttäuschungen erleben musste. All das mag auf den ersten Blick blauäugig oder gar heuchlerisch wirken. Ich möchte ein bisschen erklären, warum ich zu dieser Bewertung komme. Das alles hat sicher viel mit meiner Biografie zu tun.

Ich bin als älteste von fünf Töchtern in einer großen Familie auf einem Bauernhof in Schwarzberg, einem kleinen Dorf in der Oberpfalz, aufgewachsen. Sehr früh war ich gefordert, mich in einem großen Geflecht aus Familie und Dorf, wo viel Gutes und auch Negatives passiert ist, zurecht zu finden. Früh habe ich gelernt mit meinen Geschwistern zu teilen und Kompromisse zu schließen. Ich habe bereits früh das Leben mit all seinem Auf und Ab kennen gelernt. Hinzu kam, dass wir Kinder von Beginn an auf dem Hof mit anpacken mussten. Es soll aber auch nicht bedeuten, dass ich keine schöne Kindheit hatte. Im Gegenteil, dadurch drohte mir nicht die Gefahr, mich so in eine Utopie hinein zu begeben, dass die Landung in der Realität all zu hart war. Besonders dankbar bin ich, dass ich, wie meine vier Schwestern auch, aufs Gymnasium gehen und Abitur machen konnte. Ich durfte studieren und war durch eine solide Bildung so in der Lage ein ganzes Stückweit meine Träume zu verwirklichen.

Demokratie lebt vom Miteinander, vom Zusammenbringen verschiedenster Ideen und Vorstellungen, aber auch von der mitunter harten Auseinandersetzung, aus der Kompromisse hervorgehen können. Mit Max Weber sage ich: Politik ist wie das Bohren von dicken Brettern, dazu braucht es Leidenschaft und Augenmaß. Dies durfte ich ebenfalls früh erleben und verinnerlichen. Meine Familie war schon immer sehr politisch. Bereits vom Opa, der Bürgermeister war, konnte ich das lernen. In meiner Jugend kam ich dann zur Katholischen Landjugendbewegung (KLJB). In ihr lernte ich mit Freunden Demokratie zu gestalten, Positionen zu finden und sie zu artikulieren. Gleichzeitig wurden dabei meine grundlegenden Werte und Ideale, die mir bis heute für mein politisches Handeln wichtig sind, geschärft. Meinem Engagement in der Jugendarbeit verdanke ich gerade auch mein besonderes Bewusstsein für den Kampf um gleichwertige Teilhabe von Frauen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Und ich weiß aus eigener Lebenserfahrung, dass Frauen oft wesentlich mehr leisten müssen, um die selbe Anerkennung zu bekommen.

Einer meiner Grundsätze ist das Streben nach Gerechtigkeit, im Großen wie im Kleinen. Dies ist eines der wichtigsten persönlichen Leitmotive für die zahlreichen Fragestellungen, mit denen ich in meinem politischen und persönlichen Leben konfrontiert werde. Ich bin froh, dass dies auch ein Grundsatz meiner Partei, der SPD, und ein Pfeiler unseres demokratischen Gemeinwesens ist. Gleichzeitig ist es aber eine Herausforderung, immer wieder aufs Neue dafür zu sorgen, Gerechtigkeit einzufordern und Rahmenbedingungen so zu setzen, dass sie allen Bewohnerinnen und Bewohnern unseres Landes in möglichst allen Bereichen des Lebens zu Teil werden kann. Dazu braucht es einen langen Atem, viel Geduld und Energie. Gerade Geduld muss ich persönlich immer wieder üben. Dabei kommt mir immer wieder Günter Grass in den Sinn, der den Fortschritt mit einer Schnecke gleichsetzte. Trotzdem lasse ich mich nicht von Schieflagen entmutigen. Vielmehr sind sie Ansporn, diese zu ändern. Hier denke ich immer wieder an meine Großmutter, eine alte Bäuerin, die vielen Widrigkeiten im Leben ausgesetzt war und die ihren Enkelinnen mit auf den Weg gegeben hat, dass man nur etwas ändern kann wenn man selbst anpackt. 

Dabei gilt es anzuerkennen, dass es von Fall zu Fall immer wieder unterschiedliche Ansichten und Empfindungen gibt, was nun beispielsweise gerecht ist. Außerdem ist es in einer Demokratie nie möglich, seine eigenen Vorstellung zu 100 Prozent umzusetzen. Sonst bräuchte man einen streng hierarchischen Staat, bei dem man dann hoffentlich an der Spitze steht. Heute sage ich: Gott sei Dank war ich auch als Kind nie die Königin. Somit musste ich nie schmerzhaft lernen, dass es neben meinem Willen auch noch andere gibt. Daher hatte ich glücklicher Weise auch nie das Gefühl, meine Unschuld zu verlieren, weil ich einen Kompromiss schließen musste.  

Nichts desto trotz gab es in meiner politischen Laufbahn immer wieder Enttäuschung. Mein eigenes politisches Engagement ist sehr stark geprägt und begann letztlich mit dem Widerstand gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf und die Atomkraft. Ich erinnere mich gerne an die Zeit, als ich gemeinsam mit vielen Tausend anderen mit dafür sorgen konnte, dass diese Anlage verhindert und die Atomlobby in ihre Schranken gewiesen wurde. Dennoch hat es dann noch über 20 Jahre gedauert - bis zu den schrecklichen Ereignissen in Japan -, bis nahezu alle politisch Verantwortlichen gemerkt haben, dass Atomkraft eine nicht beherrschbare Technologie ist, aus der wir schnellstmöglich aussteigen müssen. Es ist nur sehr traurig, dass so etwas passieren muss, damit sich etwas ändert. Ich hoffe und wünsche mir, dass wir aus dieser Katastrophe nicht nur etwas für den Umgang mit der Atomtechnologie lernen, sondern dass wir mehr aufeinander hören und Bedenken unterschiedlicher Gruppen mehr in unseren Entscheidungen berücksichtigen.  

Für mich ist das Leben eine ständige Herausforderung, im Großen wie im Kleinen. Ich versuche, jeden Tag aufs Neue, mich aufs Leben einzulassen: egal ob planbar oder ungeplant, spektakulär oder ganz einfach. Ich versuche, dass ich jeden Morgen in den Spiegel sehen kann und dabei weiß, ich habe mich bemüht. Wichtig ist mir, dass ich mein Handeln vor mir und meinen Idealen rechtfertigen kann. Jeden Tag, an dem ich älter werde, verliere ich mehr den Glanz der Unschuld, weil mich das Leben zum Handeln zwingt. Dieses Handeln versuche ich aber immer wieder aufs Neue nach meinen Grundwerten auszurichten.“

Zum einführenden Text der Geschichte "Das Ende der Unschuld" geht es hier. Zur Übersicht mit den 20 Abgeordneten, die über ihre Ernüchterung in der Politik erzählen oder schreiben, kommst du hier.

Text: jetzt-Redaktion - Illustration: Katharina Bitzl

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