"Ich musste einen schwierigen Kompromiss eingehen"

Christoph Strässer, SPD, beschreibt, wie sich seine pazifistischen Überzeugungen gewandelt haben.
jetzt-Redaktion
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Illustration: Julia Schubert



"Meine politische „Unschuld“ wurde im Dezember 2002 auf eine harte Probe gestellt, als ich im Bundestag für die Verlängerung des Afghanistan Mandats der Bundeswehr stimmte. Mein Leben lang hatte ich mich als prinzipientreuen Menschen und als einen bekennenden Pazifisten begriffen. Ich war aktiv in der Friedensbewegung und einer der Erstunterzeichner des Krefelder Appells gegen die Stationierung neuer Atomraketen in Europa. Als die FDP 1982 Bundeskanzler Helmut Schmidt stürzte, trat ich aus dem FDP-Bundesvorstand und der Partei aus. Meine Ideen und Ideale waren mir damals wichtiger als Posten gewesen. Nun, zwanzig Jahre später, musste ich mich erneut entscheiden. Ich sollte einem Einsatz zustimmen, der heute richtigerweise als „Krieg“ bezeichnet wird. Handelte ich damit gegen meine pazifistische Überzeugung? Andererseits, der Einsatz sollte die Terrorherrschaft von Taliban und Al-Kaida beenden und die Situation der Menschen in Afghanistan verbessern. Ob der Schutz von Menschenrechten den Einsatz von Gewalt erfordert und erlaubt, ist eines der schwierigsten Probleme unserer Zeit. Die schrecklichen Ereignisse in Libyen zeigen, wie aktuell dieses Dilemma ist. In Afghanistan hatten die UN und die Bundesregierung bereits ihre Antwort gefunden und auch ich gab meine Stimme für den Einsatz ab. Später, als die Taliban und Al-Kaida aus Afghanistan vertrieben waren, wandte ich mich jedoch gegen die Beteiligung der Bundeswehr am amerikanischen „Krieg“ gegen den Terror. Dem deutschen Beitrag zur Afghanistan-Schutztruppe ISAF unter UN-Mandat stimme ich aber noch heute zu. Letztlich glaube ich deshalb, meine Ideale nicht über Bord geworfen zu haben. Doch musste ich einen schwierigen Kompromiss eingehen. Sich seiner Verantwortung bewusst zu sein und Konflikte ehrlich mit sich auszutragen - das ist im Leben wichtig und damit auch in der Politik."    

Zum einführenden Text der Geschichte "Das Ende der Unschuld" geht es hier. Zur Übersicht mit den 20 Abgeordneten, die über ihre Ernüchterung in der Politik erzählen oder schreiben, kommst du hier.



Text: jetzt-Redaktion - Illustration: Katharina Bitzl

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