"Ich musste meine Haltung revidieren"

Ute Vogt, SPD, erklärt, warum sie doch für einen militärischen Einsatz stimmte und wie sie vor allem durch persönliche Angriffe auf sie selbst ernüchtert wurde.
jetzt-Redaktion
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Illustration: Julia Schubert



"Mein Grundsatz war immer, dass ich niemals jungen Männern einen Krieg zumute. Nach dem 11. September 2001 war es mit einem Schlag anders. Ich habe der Bundeswehrbeteiligung am Anti-Terrorkampf zugestimmt, weil ich mich selbst angegriffen fühlte. Mir wurde klar: Terroristen kann man nicht mit einem Wirtschaftsembargo bekämpfen. Ich musste meine Haltung revidieren – und hätte das selber nie erwartet.

Eine andere Ernüchterung hat mit meiner Arbeit in Baden-Württemberg zu tun. 2001 bin ich am meisten abgefeiert worden, weil ich als Spitzenkandidatin das beste Ergebnis der SPD bei einer Landtagswahl in Baden-Württemberg geholt hatte. Fünf Jahre später war es dann anders. Ich war zwar eine viel versiertere Politikerin, aber ich habe verloren. Bei Wahlen spielt die konkrete Arbeitsleistung der Vergangenheit keine Rolle, habe ich erfahren. Das Verletzende war aber gar nicht mal das Ergebnis sondern eher die Reaktionen von Wenigen aus den eigenen Reihen. Leute, die mich noch am Wahlabend gedrückt haben, haben am Montagmorgen die Messer gegen mich gewetzt. Das fand ich schmerzlich. Auch die mediale Behandlung wurde derb. 2001 gab es von mir nur nette Fotos. Nach der Wahl 2006 gab es nur noch miese Fotos.Die Berichte dazu habe ich oft gar nicht mehr gelesen, weil sich viele Sätze zu lange bei mir festsetzen. Eben zum Beispiel habe ich in der FAZ in einem Nebensatz über die „bereits völlig vergessene Ute Vogt“ gelesen. Darüber denke ich heute den ganzen Tag nach. Das sitzt in mir drin und ich denke: Das stimmt doch nicht.

Früher, als ich unter Beschuss stand, waren in jedem Artikel mehrfach solche Zuweisungen. Das ist eine Ernüchterung, wenn man von der Landes- in die Bundespolitik kommt. Zuhause habe ich viele Sachen noch mit einem Leserbrief klarstellen können. Später, auf Landes- und Bundesebene kann man irgendwann nicht mehr steuern, was die Leute über einen verbreiten. Ich war einmal im Stuttgarter Landtag beim Tag der offenen Tür an der Kletterwand. Dann stand in mehreren Artikeln: „Vogt, die in ihrer Freizeit in der Schwäbischen Alb klettert“. Es stimmt nicht, aber es wurde ein Bestandteil meiner Biografie. So fängst du an, mit Zuschreibungen zu leben. Das ist ein schmerzhafter Lernprozess, bei dem man auch zu der Frage kommt: Steht das, was ich in der Politik erreichen kann im Verhältnis zu dem, was ich auf mich nehmen muss?"

Zum einführenden Text der Geschichte "Das Ende der Unschuld" geht es hier. Zur Übersicht mit den 20 Abgeordneten, die über ihre Ernüchterung in der Politik erzählen oder schreiben, kommst du hier.


Text: jetzt-Redaktion - Illustration: Katharina Bitzl

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