Was uns fehlt, wenn die Wehrpflicht geht

Das Ende der Wehrpflicht ist beschlossene Sache: Zum 1. Juli 2011 werden keine jungen Männer mehr eingezogen. Doch es ändert sich noch viel mehr - eine Übersicht in 20 Punkten.
jetzt-redaktion

Wir müssen tapfer sein: Die Wehrpflicht wird ausgesetzt. Diese Ankündigung betrifft uns alle. Um uns alle auf die Umstellungen vorzubereiten, hat die jetzt.de-Redaktion die 20 wichtigsten Punkte zusammengefasst, auf die man sich in Deutschland nach dem Ende der Wehrpflicht einstellen sollte:

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Illustration: Julia Schubert


Die Frage "Haben Sie gedient?" ist nun nicht mehr nur unsympathisch, sondern einfach obsolet. In deutschen Innenstädten müssen sich die Verkäufer von Schnaps-in-Miniflaschen auf Junggesellenabschiede konzentrieren - die Ausscheider-Besäufnisse werden ersatzlos gestrichen. Auch hordenartige Zivi-Lehrgänge, die sich gegenseitig in Rollstühlen durch die Innenstadt schieben und dabei über die ihnen wiederfahrene fiese Behandlung schimpfen, gehören der Vergangenheit an. Doch auch private Veranstaltungen leiden unter der Abschaffung: Es wird künftig keine Schauergeschichten mehr geben, die man sich in jedem Alter auf jeder Party gegenseitig erzählen kann: Geschichten vom ersten selbstgewaschenen Patienten oder vom Stuben-Ältesten in der Kaserne sind passé. Auch werden wir auf diesen Partys keine verrückten Geschichten von verrückten Leuten mehr hören, die sich total verrückt dem Wehrdienst entzogen haben. Zum Beispiel schrieb der Typ aus dem Nachbardorf angeblich an das Kreiswehrersatzamt zur Begründung seiner Verweigerung nur die Worte: "Ihr kriegt mich nicht, ihr Ficker!" Ein anderer sagte angeblich bei der Musterung: "Ich will unbedingt zu euch. Ich muss ganz dringend in den Krieg! Waffen machen mich ganz verrückt!" Er wurde laut Legende nicht genommen. Überhaupt: Was geschieht mit dem Kreiswehrersatzamt? Yogaschule anyone? Und wer macht jetzt den Eiergriff?   Das Ende sozialer Experimente: Die totale, lähmende, alles vernichtende, gähnende Langeweile, die sich so nur einstellt, wenn zwanzig Mann vier Wochen für eine Arbeit eingeteilt sind, die sich von zwei Personen in drei Tagen erledigen ließe, wird künftig entfallen. In deutschen Diskotheken, die von Schulabgängern besucht werden, wird die Abspielfrequenz des Status quo-Klassikers "Your'e in the army now" radikal sinken. Niemand mag das Lied und jetzt fällt auch noch der Anlass weg. Bald nicht mehr zu sehen: überfüllte Züge mit biertrinkenden Uniformierten am Freitagabend und missgelaunten Uniformierten am Sonntagabend. Umstrittene öffentliche Gelöbnisse mit Militärkapelle, Fackeln und frierenden jungen Männern: Aus. An alle Mädels: Altersheim- und Krankenhausbesuche verlieren zusätzlich an Attraktivität, weil die hübschen Zivis jetzt gleich mit dem Studium anfangen. Mit wem rauchen die Patienten, wenn die Zivis weg sind? Die deutsche Comedy-Branche wird sich umstellen müssen: Mario Barth kann keine Zivi-Witze mehr erzählen und Ausbilder Schmidt bricht mit einem Mal das Publikum weg. Das Ausfahren von Essen auf Rädern wird künftig von arbeitslosen Wehrdienstberatern übernommen. Nie wieder werden entwürdigende Rituale für neue Rekruten an die Öffentlichkeit kommen. Und nie wieder werden die eigenen Freunde, die beim Bund waren, auf schlimme Enthüllungen und fiese Rituale mit den Worten reagieren: "Ja und? Bei uns war das ganz normal." Allerdings auch vorbei: Heilsame Begegnungen von mit Drogen experimentierenden Zivildienstleistenden mit Gleichaltrigen in der Psychiatrie, die dort ihre Folgeschäden in den Griff bekommen müssen. Was machen jetzt eigentlich die Feldjäger?  Leider ebenfalls beschäftigungslos: Totalverweigerer.


Text: jetzt-redaktion - Foto: dpa

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