Ein Jahr mit Po und Pop

Was wird vom Pop-Jahr 2014 in Erinnerung bleiben? Wir haben fünf wichtige Phänomene zusammengetragen. Von Kuschelhouse bis Rap-Telenovela.
jan-stremmel

 1. Kuschelhouse

Von Kinderzimmer auf Platz 1: "Prayer in C" von Robin Schulz.

Die Generation Laptop ist jetzt erwachsen. Und sie hat der Welt ein neues Pop-Phänomen geschenkt. Es zeichnete sich schon 2013 ab, als ein 25-jähriger Student einen Song des hierzulande unbekannten israelischen Sängers Asaf Avidan remixte und „, der 21-jährige . Den größten Aufschlag hatte der Osnabrücker Robin Schulz, sein Remix „Prayer in C“ (im Original von einer ebenfalls unbekannten französischen Folkband) landete in 40 Ländern auf Platz eins.

All diese Songs funktionieren genauso gut im nahtlosen Endlos-Mix auf der Abifeier wie im elterlichen Audi auf dem Weg in die Sommerferien. Warme Drums, eine nickiweich gesampelte Stimme, vinylhaft knisternde Analog-Instrumente. Der Feier-Lifestyle aus Berlin, der diese Art des House-Remixes ursprünglich mal hervorgebracht hat, ist spätestens seit diesem Jahr nicht mehr der kantige Lebensentwurf von ein paar Hedonisten – er ist etablierter Konsens unter Normal-Jugendlichen in ganz Europa.

2. Der Booty

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Illustration: Julia Schubert

Dass so ein Pop-Jahr ein Kleidungsstück hervorbringt, kommt schon mal vor. (Wäre vermutlich in diesem Jahr die Adidas-Trainingsjacke.) Aber ein Körperteil? In diesem Jahr durchaus: den großen, runden Hintern. Der mittlerweile ikonische Kardashian-Po hat das nur noch mal mit großer Deutlichkeit gezeigt. Klar war es eigentlich schon zuvor.

Die Top Ten der Billboard Charts drehten sich schließlich monatelang um das Thema Booty. Nicki Minaj, Meghan Trainor, Iggy Azalea, Jennifer Lopez und sogar Taylor Swift besangen das voluminöse Hinterteil – im August stand auf allen ersten drei Chartplätzen gleichzeitig ein Song zum Thema. Die New York Times stellte fest: „Der Hintern wird gerade Amerikas erogene Zone der Wahl“, der Guardian ging noch weiter und ernannte 2014 zum „Year of the Booty“. Ein vormals afroamerikanisches Schönheitsideal hat den weißen Mainstream erobert. Und Bill Withers hat mal wieder Recht, der vor Jahren sagte: „Whatever the black kids do, the white kids will follow.“

3. Österreich

Wanda - Bologna

Was war denn bitte da los? Ohne das mit Zahlen unterfüttern zu können, haben wir im ablaufenden Jahr immer wieder das Gefühl gehabt: Wenn in Sachen deutschsprachiger Musik was richtig Gutes ums Eck kam, stammte es aus Österreich! Und zwar sowohl in Form von schlauem Diskurs-Pop (Ja, Panik!), poetischem Songwritertum (Der Nino aus Wien), progressivem Dance-Pop (Left Boy) oder schrammelndem Indierock (Wanda).

Gemessen an Größe und Einwohnerzahl hätte Deutschland in der gleichen Zeit mindestens 50 Groß-Alben gebären müssen. Hat es leider nicht. Aber wir wissen jetzt wenigstens: Wo Österreich draufsteht, gerne erstmal lauter drehen.

4. Der Halligalli-Hit

 Der Pop-Hit als TV-Zweitverwertung: "U-Bahn Ficker".

Joko und Klaas haben sich im vergangenen Jahr nicht nur endgültig in der sogenannten Fernsehlandschaft festgesaugt, sie haben auch den Pop-Kosmos stark umgerührt. Und zwar im überraschenden Schulterschluss mit der Deutschrap-Szene. Der „Joko Diss“ von Eko Fresh, Bass Sultan Hengzt, Frauenarzt und Manny Marc war eigentlich eine lustige Replik auf einen Streich, bei dem Joko mit Handtuch im Nacken und peinlichen Beleidigungen ein Sido-Konzert unterbrochen hatte. Aber der Song stieg innerhalb von zwei Tagen auf Platz eins der iTunes-Charts.

 

Im Herbst produzierten Joko und Klaas gemeinsam mit Eko Fresh den Song „U-Bahn-Ficker“, ebenfalls eine Art Spin-off aus der Sendung. Er stieg auf Platz drei und blieb zwei Wochen in den Charts. Schon 2013 zeichnete ja der „Rangel-Song“ von Olli Schulz diesen Weg vor. In diesem Jahr hat sich „Circus Halligalli“ zum wichtigsten jungen TV-Format entwickelt. Und seit Stefan Raab hat kein Fernsehmensch so konsequent das Musikgeschäft zur Zweitverwertung von Sendungsinhalten genutzt.

 

5. Die Deutschrap-Telenovela

Ein narratives Gerüst zur Musik. Hier spricht Farid Bang über seinen Widersacher Fler.

Das einzig junge Musik-Genre, das in Deutschland immer noch zuverlässig Wachstumsraten verzeichnet, ist der Hip-Hop. Allein elf Rap-Alben waren im vergangenen Jahr auf Platz eins der Charts. Eine Erklärung für den Erfolg: Die Branche hat sich stabil im Internet etabliert, Labels und Künstler nutzen Social Media so genuin und selbstverständlich wie in keinem anderen Genre.

 

Die Protagonisten des deutschen Raps treten in sozialen Netzwerken auf wie Actionfiguren: jeder mit bestimmten Accessoires, Merkmalen, Stärken, Verbündeten und Feinden. Der Hip-Hop hat sich eine fluide, interaktive Welt gebaut, in der die Fans zwischen den verschiedensten Rollenvorbildern wählen können: Es gibt Cro, den verliebten Abiturienten, Casper, den wütenden Intellektuellen, Haftbefehl, den Ghetto-Dichter, Kollegah, den körperbewussten Stecher, Marteria, den kiffenden Schönling, Fler, den tumben Germanen. So ausdifferenziert wie in diesem Jahr waren diese Charaktere nie.

 

Dabei werden die Fans längst nicht mehr nur von Album zu Album mit Stoff versorgt – die Künstler erzählen die Geschichte im Wochentakt weiter, über Videobotschaften, über demonstrative Freundschaften und Feindschaften, über Drohvideos und Kollaborationen. Hip-Hop funktioniert heute vor allem deshalb so gut, weil er ein narratives Gerüst bietet. Die Deutschrap-Telenovela.

 

Text: jan-stremmel - Illustration: Daniela Rudolf

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