Der Satz, der jeden Kater egal werden lässt

"Einen haben wir immer noch getrunken" – die zweite Folge unserer neuen Alkolumne.
Von Max Sprick
trink kolumne 1
Illustration: Federico Delfrati

Diese Kolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol!

Da sitzen wir am Küchentisch, einer in schlimmerer Verfassung als der andere. Es ist einer dieser Tage, an dem jede Bewegung zu viel ist, an dem es schon fast weh tut, zu blinzeln oder zu schlucken. Moritz ascht seine Zigarette in immer länger werdenden Abständen in die zerbeulte Bierdose vom Vorabend. Bald schließt er die Augen, ganz langsam, ehe ihm der noch glühende Zigarettenstummel in Richtung Jogginghose entgleitet. Dass er ein kleines Loch in Moritz Hose brennt, merkt Moritz nicht. Julian starrt aus dem Fenster, gefühlt seit Stunden schon guckt er apathisch zu, wie der Schneeregen von draußen gegen die Scheibe weht. Gloria wischt auf ihrem Handy rum und zieht eine Fresse, als würde sie einen Porno mit Donald Trump sehen. Die letzte Nacht war hart, der Nachmittag danach ist es auch, obwohl wir schon bei McDonald’s waren und Maxi-Menüs, Schmerztabletten und Unmengen Wasser geschluckt haben. Und doch werden wir später über den kommenden Abend sagen: Er wurde zu einem der besten Abende, die wir je zusammen hatten.

Schuld daran hat, nein, verdanken dürfen wir das diesem einen wunderbaren Satz: „Einen haben wir immer noch getrunken.“

Es gibt diesen Satz in unzähligen Varianten. Jede Clique, jede Gang, jeder Freundeskreis hat vermutlich eine eigene Version. Aber letztlich meinen sie alle dasselbe: Los jetzt! Im Imperativ. Der Satz ist der General unter den Trinkaufforderungen. Er erlaubt es uns, zu Soldaten, zu Befehlsempfängern zu werden.

Aber er ist dabei auch ein sanfter Befehlshaber. In ihm steckt so viel Hoffnung, wenn man ihn richtig betont. „Einen! (bedeutungsschwere, zwei-sekündige Pause) haben wir immer noch getrunken.“ Er schwebt so über allem, was du eigentlich vorhattest – und setzt sich krachend drauf. Du sollst gar nicht über ihn nachdenken, sondern einfach nur tun wie befohlen. Meine Kollegin Mercedes hat hier vor einiger Zeit mal geschrieben, der dritte Drink sei der schlimmste. Ich schreibe hier jetzt: Der erste ist der wichtigste. Ohne einen ersten schließlich kein dritter, eh klar.

Irgendwann spreche ich also. Als erster, seit Moritz nach dem Ketchup gefragt hatte. „Wir müssen etwas tun“, sage ich und weiß, dass mir keiner zuhört. „Einen!“, sage ich, hole Luft und dehne die Pause etwas länger aus, ehe ich merke, dass drei Menschen mich tatsächlich erwartungsfroh angucken, „haben wir immer noch getrunken.“

Der Satz baut anderen die Brücke. Man kann schließlich keine Ausrede gegen einen einzigen Drink haben

Ja, es mag traurig klingen, dass uns nix besseres einfällt, als wieder zu trinken, um unsere Lethargie zu beenden. Ja, man kann auch ohne Alkohol Spaß haben und vor allem auch ganz gut leben. Aber lustig wird’s halt auch, wenn man trinkt.

Und genau dafür ist der Satz so wichtig. Für den ersten Impuls. Die Initialzündung. Meistens spricht ihn deshalb derjenige, der als einziger nicht akzeptieren will, dass keiner Bock auf Trinken hat. Der, der nicht wahrhaben will, dass andere vielleicht am nächsten Morgen was vorhaben oder einfach lieber ins Bett statt in die nächste Kneipe wollen. Und baut den anderen damit die Brücke. Man kann schließlich keine Ausrede gegen einen einzigen Drink haben. Und nur genau den fordert der Satz. Was danach passiert? Offen. Du kannst immer noch ins Bett, früh nach Hause oder aufhören zu trinken – aber dann hast du’s wenigstens versucht. Du kannst dich einfach deinem Schicksal ergeben und einen Gin Tonic, ein Bier oder was auch immer für einen Drink trinken – und abwarten, was kommt.

Jeder weiß, dass gegen Kater nur Konter hilft. Das erste Bier weckt die Lebensgeister wieder. Moritz, Julian und Gloria wissen das auch. Und um Widerstand zu leisten, sind sie sowieso viel zu fertig. Deswegen versucht erst gar keiner, Einspruch zu erheben. Ich schenke also ein. Jeder bekommt ein kühles Helles vorgesetzt. Das ist der entscheidende Moment, der Trägheits-Punkt, den es zu überwinden gilt. Danach muss man eigentlich nur noch zugucken und staunen, wie der Alkohol seine Kraft entfaltet und seinem schönsten Satz Bedeutung schenkt.

Einen haben wir immer noch getrunken. Der Gedanke an den ersten Schluck bei heftigem Kater ist schlimm und provoziert nicht selten Würgereflexe. Und es ist eines der seltsamsten Naturgesetze, dass selbst in solchen Situationen totaler Verkaterung der erste Schluck dann genau das Gegenteil bewirkt: Er macht Lust auf mehr.

 

Moritz trinkt ohne zu zögern und sein 0,5 Liter-Glas in fast einem Zug leer. Julian nippt erst, trinkt dann zwei, drei große Schlucke und fängt an, von Schneeballschlachten zu erzählen. Gloria lacht ihr lautes Lachen, über das sich die Nachbarn von oben zu späteren Stunden schon oft beschwert haben, und setzt ihr Glas an. Ihren ersten Schluck prustet sie beinahe wieder aus. Ich hebe mein Glas und sehe drei fröhliche Menschen vor mir. Einen haben wir immer noch getrunken.

 

Mehr über Trinken:

  • teilen
  • schließen