trinkolumne aperitivo
Illustration: Federico Delfrati

Seit ein paar Jahren werden nach meiner Beobachtung die Getränkekarten immer fülliger. Hatten die Getränke eines durchschnittlichen Etablissements früher auf einer halben Seite Platz (Weiß/Rot/Bier/Spezi/Wasser), kann man heute auch in der hinterletzten Boazn eine halbe Stunde damit verbringen, das Getränke-Buch zu studieren, das einem zur Auswahl gereicht wird. Ein nicht unerheblicher Teil dieser Seiten ist reserviert für diverse Aperitif-Spezialitäten. Die Klassiker wie Negroni, Campari Orange, Hugo oder Spritz werden Jahr für Jahr ergänzt durch neue Mischungen mit immer neuen Schnäpsen, deren einziger Daseinszweck zu sein scheint, mit Soda und klein geschnittenem Obst in einen Aperitif verwandelt zu werden. Und ich stelle fest, dass ich das Prinzip „Aperitif“ einfach nicht kapiere.

Klar, in der Theorie verstehe ich natürlich schon, was das für ein Drink ist und zu welchen Gelegenheiten man ihn für gewöhnlich trinkt. Ich verstehe nur nicht, wie ich persönlich ihn zu mir nehmen kann, ohne alles falsch zu machen, beziehungsweise schon nach fünf Minuten völlig aus der Rolle zu fallen. Ich verstehe ihn so schlecht, dass ich bis gerade eben, bis mich die Word-Rechtschreibprüfung eines Besseren belehrte, zu hundert Prozent sicher war, dass man selbigen mit einem eleganten V enden lässt. Denkste. Der Aperitif endet im Deutschen auf einem Fenster-F und ist auch sonst eine höchst verwirrende Sache.

Theoretisch weiß ich, dass der Aperitif zur Appetitanregung vor dem Essen in Kombination mit ein paar Nüsslein gereicht wird, die man aber aus unerfindlichen Gründen nicht mehr Nüsslein, sondern Mezze nennen muss. So weit, so gut.

Es stellen sich mir selbstverständlich sofort mehrere Fragen:

1. Wer, bitteschön, muss seinen Appetit anregen, wenn er essen geht? Und was hat Schnaps damit zu tun?

2. Sind die Nüsslein – Entschuldigung: Mezze – da nicht komplett kontraproduktiv? Zumindest wenn man wie ich nicht die Selbstdisziplin besitzt, nach genau zwei Erdnüssen den Rest der Schale unberührt stehen zu lassen. Im Gegenteil: Ich höre immer erst dann auf, wenn die Schale ausgeleckt ist.

3. Wenn ich schon vor dem Essen mit hartem Schnaps anfange – wo soll dieser Abend nur enden?

Ich glaube, dass die Idee des Aperitifs eigentlich vor allem eine sehr schöne Fantasie ist: Idealerweise sitzt man am späten Nachmittag in einer Bar am Hafen einer winzigen kalabrischen Stadt und sieht den Fischerbooten beim Anlanden zu. Und weil man wirklich gar keine Sorgen hat, bestellt man sich einen Aperitif im eisgekühlten Glas, bekommt dazu ein paar Salzmandeln, blinzelt träge in die untergehende Sonne, während einem eine rot getigerte Katze um die Beine streift. Und während man so ganz leicht angedüdelt das Gedankenkarussell auf Schrittgeschwindigkeit abbremst, füllt sich die Bar mit Freunden, Bekannten und Fremden. Die Stimmung steigt, alle kommen zusammen, um das Ende eines mittelmäßig anstrengenden Tages zu begießen. Und dann geht’s ins benachbarte Restaurant, wo an einem langen Tisch riesige Bottiche köstlicher regionaler Spezialitäten aufgetischt werden, wozu der etwas herbe Hauswein serviert wird. Wobei auch in dieser Fantasie keine meiner Fragen beantwortet wird.

Aber zu dem Zeitpunkt ist eh alles wurscht, weil ich ganz aus Versehen schon um 20:15 Uhr strammstrack auf dem Restaurant-Stuhl sitze

In meiner deutschen Realität sieht die Sache mit dem Aperitif dagegen in der Regel eher so aus: Von einem geschäftstüchtigen Kellner genötigt bestelle ich einen Aperitif, trinke mir versehentlich einen an und futtere dabei in Öl triefendes Gemüse, während ich auf das „eigentliche“ Essen warte. Das kommt dann genau in dem Moment, in dem ich mich an Artischockenherzen und Salzmandeln überfressen habe, während sich am Boden meines Aperitif-Glases eine hübsche Portion Obstsalat abgesetzt hat. Den nun in Kombination mit der Hauptspeise zu sich zu nehmen, stellt sich als eine echte kulinarische Herausforderung heraus. Aber zu dem Zeitpunkt ist inzwischen eh alles wurscht, weil ich ganz aus Versehen schon um 20:15 Uhr strammstrack auf dem Restaurant-Stuhl sitze und aufpassen muss, dass ich nicht runterrutsche (Stichwort: Schnaps).

Natürlich habe ich in meinem sehr deutschen Misstrauen gegenüber allen etwas neueren Entwicklungen auch schon den Verdacht gehegt, dass der Aperitif eine gemeine Erfindung der Getränkeindustrie sei, um uns armen Restaurantbesuchern noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen.

Ich glaube aber, mein Problem ist noch viel simpler: Mein Alltag ist schlicht nicht mediterran genug für das Prinzip Aperitif. Ich sitze an 360 Tagen des Jahres eben nicht in einer kalabrischen Bar am Hafen. Die Tage, an denen ich den Sonnenuntergang beobachten kann und alle Zeit der Welt habe, kann ich an zwei Fingern abzählen. Und der nächste (Arbeits-)Tag hängt immer drohend über dem Abend, so dass ich mich nur sehr schwer treiben lassen kann.

Es wird meine verdammte pflichtbewusste und spaßbefreite deutsche Existenz sein, die mich davon abhält, ein Leben zu führen, das mit dem Prinzip "Aperitif" kompatibel ist. Wer weiß, vielleicht sollte genau das unser Ziel sein: unser Leben so umzugestalten, dass wir jederzeit in der Lage sind, einen Aperitif zu uns zu nehmen. Genau darüber werde ich bei meinem nächsten Aperitif-Versuch nachsinnen. Und nicht eher aufhören, bevor ich nicht zu einem Ergebnis gekommen bin.

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