trinkolumne festival
Illustration: Federico Delfrati

Wir gehen auf Festivals um zu Zelten, Musik zu hören, zu tanzen und – sind wir ehrlich – um zu Trinken. In vier Tagen wird eine ehemals schöne Wiese in ein Schlachtfeld verwandelt. Der brave BWL-Student wird zum Proll im vollgekotzten Unterhemd und die angehende Kindergärtnerin liegt nach dem dritten Biertrichter halb bewusstlos in der Sonne.

Aber nicht nur die Persönlichkeit ändert sich in diesen vier Tagen um 180 Grad. Auf der Festivalwiese wird alles über Bord geworfen, was der Mensch so an Anspruch hat. Das beginnt schon beim Versorgungseinkauf fürs Wochenende. Im Einkaufswagen landen Fünf-Minuten-Terrinen, Dosen-Ravioli und jede Menge Bifi Roll. Am Ende des Einkaufs kommt das Wichtigste: das Bier.

Aber nicht irgendein Bier, nein. Für das Festival gelten folgende zwei Säulen beim Bierkauf. Säule 1: Dose. Säule 2: Billig. Im Einkaufwagen landet davon gleich eine ganze Palette, das sind 24 Dosen, pro Dose ein halber Liter. Das macht insgesamt zwölf Liter Bier für vier Tage. Man will ja schließlich nicht auf dem Trockenen sitzen.

Das sind die Beweise unseres PULS-Festivalreporters für diese These: 

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Foto: Niko Kappel
Puls Festival
Foto: Kappel
Puls Festival
Foto: Kappel
Puls Festival
Foto: Kappel
Puls Festival
Foto: Kappel
Puls Festival
Foto: Kappel
Puls Festival
Foto: Kappel

Kommen wir zur ersten Säule. Die Dose ist schon mal essenziell wichtig, da auf den meisten Festivalcampingplätzen gar keine Glasflaschen erlaubt sind. Außerdem lässt sie sich gut für diverse Trinkspiele einsetzten. Da wären „Danger Can“, „Dosenstechen“der „Flunkyball“, um nur drei davon zu nennen.

Die zweite Säule „Billig“ ist schon etwas schwieriger zu erkären, denn beim Alkohol sind junge Menschen eigentlich nicht sparsam. Auf der Wiesn bezahlen wir für die Mass immerhin jedes Jahr mehr als zehn Euro. Das ist ein Liter Bier. Auf dem Festival aber leeren wir uns an einem langen Wochenende für das gleiche Geld zwölf Liter Dosenplörre rein, eine Dose kostet nicht mehr als 40 Cent. In Zeiten, in denen jeder über Craft Beer und den Flavour von unterschiedlichen Gins und Tonic Waters diskutiert, ist es doch seltsam, dass uns die Qualität unser Lieblingsrauschmittel auf einmal so egal ist.

Vor allem tut es gut, sich vom Anspruch generell freizumachen

Die Antwort darauf, warum wir auf Festivals auf einmal nicht mehr auf die Qualität unseres Bieres achten, findet sich auf dem bereits erwähnten vollgekotzten Unterhemd des BWL-Studenten. So egal, wie ihm sein vollgekotztes Unterhemd ist, so egal ist allen anderen Festivalbesuchern die Qualität ihres Bieres.

Das liegt daran, dass es guttut, sich für eine kurze Zeit freizumachen von lästigen Zwängen, schwerer Arbeit und nervigen Terminen. Aber vor allem tut es gut, sich vom Anspruch generell freizumachen. Wir putzen uns das Wochenende vielleicht mal nicht so oft die Zähne, waschen uns nicht jeden Tag und achten nicht auf unsere Ernährung. Und weil wir eh schon kalte Dosen-Ravioli essen, interessiert uns auch nicht mehr, dass wir gerade pisswarmes Turmbräu von Lidl trinken.

Der Mensch hat einfach Spaß daran, mit 59.999 anderen Menschen auf einem Acker für ein Wochenende gemeinsam anspruchslos zu sein. Das gilt auch für den größten Gin Tonic-Tester oder Craft Beer-Experten. Und welcher Drink schmeckt am besten zur Anspruchslosigkeit? Genau. Ein warmes Billigbier aus der Dose. Es ist schön, wenn keiner darüber sinniert, ob das bessere Bier das süßlich-leichte Pale Ale aus Sydney oder das bitter-herbe Pils aus Norddeutschland ist. Die Billigplörre aus der Dose vereint uns, unter ihr sind wir endlich alle gleich. Zumindest für ein Wochenende. 

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