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Der Moment, in dem dir dein Rausch bewusst wird

Oder: Der Toilettengang der Erkenntnis. Die neue Folge der Alkolumne.
Von Mercedes Lauenstein
  • trinkolumne aufstehen

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

 

Nennen wir die Freundin, bei der du heute Abend eingeladen bist, Luisa. Ihr sitzt in der Küche um einen großen Tisch herum, ständig kommen Freunde dazu. Noch fremdelst du und hoffst, dass Luisa bald den Korken aus der Weinflasche gefummelt hat und dir endlich einschenkt. Denn das beste Gegengift gegen Fremdeln unter Freunden, das weiß jeder, ist der erste Schluck Wein. Er muss nur kurz die Zunge berühren, schon erreicht ein Urlaubsbefehl das Kontrollzentrum in deinem Gehirn.

 

Du siehst alles glasklar und es geht dir richtig gut. Hin und wieder nimmst du einen Schluck, ab und an wird dir nachgeschenkt, aber betrunken bist du noch lange nicht. Nichts in deinem Blickfeld schwirrt, alles ist gestochen scharf, und auch dein Glas liegt souverän in deiner Hand. Kein Wort, das du aussprichst, während du schlaue Welterklär-Theorien von dir gibst, klingt ansatzweise verdächtig. Du hast zu allem etwas Wertvolles zu sagen, auch zu Dingen, von denen du nie gehört hast. Es kommt raus wie gedruckt. Was nochmal ist das Gegenteil von lallen? Genau das, was du gerade tust!

Irgendwann – stimmt ja, erhöhte Flüssigkeitsaufnahme – musst du auf Toilette. Du stehst nach eineinhalb Stunden zum ersten Mal auf, verlässt die Küche, schließt die Tür hinter dir und im Flur bleibst du andächtig stehen. Oh man, wie gut es dir geht! Dein Herz klopft wie nach einem Sprint. Wie still es hier plötzlich ist! Aber so still auch wieder nicht. Die Stille ist laut. Ein Bergbach in deinen Ohren. Du seufzt. Du siehst dich um und bist gerührt. Da stehen die Schuhe von allen! Hier wohnt also Luisa, staunst du. Hier wohnt sie, tagein, tagaus. Das ist ihr Leben, während du ein ganz anderes lebst. Da steht ein Stuhl, den du nicht kennst. Wenn Luisa nicht zu Hause ist, springt ihre Katze auf diesen Stuhl und lebt wiederum ein eigenes Leben, von dem keiner weiß. Unglaublich! Aber wie lange stehst du hier eigentlich schon? Du wolltest doch aufs Klo!

 

Nie wird dir auf einer Feier so schlagartig dein Rausch bewusst wie allein im Badezimmer.

 

Du gehst also ins Bad und pinkelst. Du pinkelst und du pinkelst immer noch, haha, wie lange kann man eigentlich pinkeln? Die anderen sind in der Küche und reden, jetzt total gleichzeitig, und du bist hier und pinkelst immer noch, wie kann das sein, bist du in eine Zeitschleife geraten? Du starrst die Fliesen an, die hat da mal einer verlegt, der hatte auch ein eigenes Leben. Plötzlich verstehst du, wie alles zusammenhängt. Gänsehaut. Du bist ein Genie!

 

Dann pinkelst du nicht mehr. Du spülst, wäschst dir die Hände. Wie gut das riecht, so frisch. Du hebst den Seifenspender an und liest in aller Ruhe, was hinten draufsteht. Irgendwie beruhigend. Wie laut du atmest, atmest du immer so laut? Du guckst in den Spiegel. Haha! Da stehst ja DU und hältst den Seifenspender in der Hand. Du grinst dich selbst an. Du verziehst das Gesicht. Du hebst die Augenbrauen. Du gehst nah ran den Spiegel. Krass, die Poren. Du zoomst wieder raus. Haha! Und plötzlich ist sie da die Erkenntnis: Du zeigst mit dem Finger auf dich selbst und sagst so mahnend wie verwundert deinen Namen, wie den eines kleinen Kindes, das du sehr gern hast, aber das wieder einmal über die Stränge geschlagen hat. Ja, so heißt du, irgendwie irre. Und dann sagst du:

 

„You! Are! Drunk! My friend!“

 

Du sagst es auf Englisch. Dann lachst du. Und dann stöhnst du.

 

Nie wird dir auf einer Feier so schlagartig dein Rausch bewusst, wie allein im Badezimmer. Der Lärm der anderen ist ausgeschaltet, du bist zurückgeworfen auf dich selbst, du hörst, du siehst, du denkst alles in einen leeren, sterilen, ziemlich unpartyhaften Raum hinein. Und der sagt dir kühl und nüchtern: Mit mir ist eigentlich alles wie immer, aber was zur Hölle ist eigentlich mit dir los? Und die Erkenntnis erschreckt dich jedes Mal aufs Neue. Wie kannst du nach so vielen Jahren Trinkerfahrung immer noch nicht wissen, wann es losgeht?

 

Das Bad ist der sicherste Ort der Welt

 

Gleichzeitig ist es dir auch nie so egal wie jetzt, denn jetzt ist der Rausch noch die pure gute Laune. Was gibt es auch zu beklagen: Die Triebwerke rotieren, die Tanks sind voll, der Start liegt hinter dir, die Maschine ist in der Luft. Enjoy the ride! Und wenn alles schief geht, kehrst du einfach hierher zurück, das Bad ist der sicherste Ort der Welt, da hast du deine Ruhe, da kannst du abschließen, da gibt es ein Klo, Seife, Trinkwasser und einen Spiegel für dringende Selbstgespräche.

 

Aber wer will jetzt an sowas denken? Du gehst, nein, du eilst jetzt zurück in die Küche, du kannst es gar nicht erwarten. Der Lärm schlägt dir entgegen, die Wärme. Da sind sie, deine Freunde und diese anderen, Neuen, deren Namen du schon wieder vergessen hast, aber die du dir heute noch zu deinen neuen besten Freunden machen willst, weil sie so schön sind, so interessant, so rührend! Wie gern du sie hast! Menschen! Man muss sie lieben. Das war dir nie so klar wie jetzt.

 

Wo ist dein Glas? Du lachst, ziehst deinen Tischnachbarn zu dir rüber und sagst: „Hey, kennst du das, wenn du aufs Klo gehst und merkst, wie betrunken du schon bist? Hey, aber welches Glas war eigentlich meins? War das meins? Ach egal, ich nehm’s einfach.“

 

Dein Tischnachbar lacht und legt den Arm um dich. Du lehnst dich an sein Ohr, es ist soweit: „Hey Julius, weißt du, was ich dir echt schon immer mal sagen wollte?“ Dein Herz quillt über vor Liebe. Morgen früh wirst du es, ... aber wen interessiert eigentlich morgen früh?

 

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